Wie Baden-Württemberg smarter und digitaler werden soll

Behörden sollen digital werden: Warum Firmen schon deutlich weiter sind als die Politik

BW soll eine digitalisierte Verwaltung bekommen - so steht es im Koalitionsvertrag. Eine Reise durch den Großraum Stuttgart zeigt, wo Chancen liegen und wo es noch hakt.

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Von Autor/in Christian Susanka

Baden-Württemberg soll digitaler werden. Das hat sich die neue Landesregierung auf die Fahnen und in den Koalitionsvertrag geschrieben. Viele Unternehmen im Land sind auf diesem Weg längst unterwegs.

Das zeigt sich in der Gerlinger Altstadt im Kreis Ludwigsburg: Im Showroom von Raumausstatter Holger Mößner steht eine Theke aus massivem Eichenholz. An der Decke ist eine Stuckleiste angebracht hinter der sich ein LED-Lichtband versteckt, das den Raum in unterschiedlichen Farben temperiert. So führt Handwerker Holger Mößner seine Gestaltungsmöglichkeiten vor. Er steht mittendrin und erzählt: "Manche Kunden wollen, das ganze Haus neu gestaltet haben." Kürzlich habe er Kunden etwa empfohlen, die WC-Decke schwarz anzustreichen und versprochen, dass er es wieder überstreichen würde, wenn es nicht gefällt: Die Kunden seien total begeistert von der ungewöhnlichen Farbe. Mößners Ziel ist es, solche Möglichkeiten so realistisch wie möglich digital zeigen zu können, bevor seine Handwerker tatsächlich auf die Baustelle gehen.

Digitalisierung im Handwerk: Räume mit Mausklick ausmalen

Digitale Tools und KI helfen da jetzt schon. Mit ChatGPT haben der Raumausstatter und sein Team eine Funktion aufgebaut, mit der er auf seinem Bildschirm Räume nachbauen kann, um sie per Mausklick farblich unterschiedlich zu gestalten. Mößners großes Ziel ist aber eine digitale 360 Grad-Brille, mit der die Kunden ihr eigenes zu Hause komplett neu gestaltet sehen können. Für solche Ideen wünscht sich der Handwerker mehr technische und finanzielle Unterstützung. Oft wisse er nicht, ob sich ein neues Programm für ihn lohne.

Digitalisierung brauchen auch die kleinen Unternehmen, nicht nur die Großen

Der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer der Region Stuttgart, Peter Friedrich, sitzt in einem Büro mit Blick über Stuttgart und Region, wo 33.000 Handwerksbetriebe gemeldet sind. Die Handwerkskammer berät diese Betriebe bei der Digitalisierung. Von dem Koalitionsvertrag der neuen grün-schwarzen Landesregierung  zeigt sich Friedrich, der selbst SPD-Mitglied ist, hocherfreut. Ihm gefällt zum Beispiel, dass das Thema Staatsmodernisierung ganz am Anfang des Koalitionsvertrages steht, damit hätten sich beide Koalitionspartner dem verschrieben.

Er will mehr Frauen in Handwerksberufen, denn sie seien häufig unter den Jahrgangsbesten: Peter Friedrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart
Peter Friedrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart (Archivbild)

Unterstützung bei der Digitalisierung bräuchten gerade die kleinen Unternehmen erklärt Friedrich. "Die Großen haben in aller Regel auch die Kapazitäten im eigenen Unternehmen, um solche Dinge zu entwickeln. Es ist ganz wichtig, dass kleinere und Kleinstunternehmen dabei unterstützt werden, wie ich diese Technologien für mich anwenden kann im Alltag." Und dann schmunzelt Friedrich und fügt hinzu: "Es braucht auch die Digitalisierung von Digitalisierungsprogrammen." Damit meint er Fälle, in denen Anträge für Digitalisierung nur analog vorliegen.

Digitalisierung in der Verwaltung: Behördengänge vom Sofa aus

Im Büro des CDU-Abgeordneten Ansgar Mayr stehen ein überdimensionaler, gewölbter Bildschirm und eine gewellte Tastatur, an der Wand hängen Schwarzwaldbilder. Mayr, der sich selbst als digitalen Enthusiasten bezeichnet, hat den Koalitionsvertrag der nächsten Landesregierung mit ausgearbeitet. Er spricht von einer neuen Generation, die das Thema Digitalisierung anders angehen werde als bislang.

Es ist uns unheimlich wichtig, dass die Menschen künftig ihre Behördengänge vom Sofa aus erledigen können, rund um die Uhr.

Keiner solle mehr lange Formulare auf der Behörde ausfüllen und von den Öffnungszeiten einer Behörde abhängig sein. Dahinter stecke natürlich noch viel mehr an Technik und Entwicklung. "Gesetze müssen geändert werden, Vorschriften angepasst. Aber das hilft auch beim Thema Entbürokratisierung." Mayrs Fazit: Alles soll schneller und einfacher werden.

Digitalisierung in der Politik: Datenschutz und Perfektionismus bremsen

Nur wenige Meter von einem Unternehmenskomplex von Bosch in Stuttgart Feuerbach entfernt, steht ein markantes Betongebäude. Innendrin: Funktionsarbeitsplätze auf mehreren Etagen, Kantine, zentrale Kaffeemaschine. Die Arbeitsbereiche sind nach den Namen großer Metropolen benannt. Treffpunkt mit Chef Christian Leinert im Bereich "Paris". Wenn alle in der baden-württembergischen Verwaltung von schneller, agiler und digitaler sprechen, dann ist damit seine "BITBW" gemeint. Das steht für "Landesoberbehörde IT Baden-Württemberg", also die künftige zentrale digitale Behörde des Landes. Das Ziel sei es, aus der BITBW einen attraktiven Arbeitgeber zu machen und "den" digitalen Dienstleister in der Landesverwaltung, erklärt Leinert. Er ist diplomierter Forstwirt und sieht zwischen Wald und IT Verwaltung auch eine Parallele: "Sie planen langfristig, behalten das Ziel im Auge und sind pragmatisch auf dem Weg dahin."

Landesoberbehörde IT Baden-Württemberg (BITBW)
Die Landesoberbehörde IT Baden-Württemberg (BITBW)

Leinert schaut vor allem in die Zukunft, Kritik am Status-quo kommt bei ihm nur indirekt und auf Nachfrage. Zum Beispiel, dass man sich im Bund-Länder-Gefüge bislang schwer getan habe, auch aufgrund von Datenschutz und angesichts des herrschenden Perfektionismus in Deutschland. Doch er hat Hoffnung: "Wir haben jetzt endlich auch im Bund klare Signale, auch der Koalitionsvertrag hat hier sehr klare Worte gefunden und die werden uns helfen und die werden auch den Bürgerinnen und Bürgern und dem Land helfen, davon bin ich überzeugt."

Einarbeitung im Handwerk findet digital statt

Zurück in Gerlingen bei Handwerker Holger Mößner. Einen Bereich seiner Firma hat der Raumausstatter schon erfolgreich digitalisiert. Mößner erzählt vom On-Boarding, also dem Moment, wenn neue Mitarbeiter in die Firma kommen. In solchen Situationen helfe ihm künftig ein digitaler Avatar. Auf dem Bildschirm zeigt Mößner ein KI-generiertes Video von sich, das sich an die Neulinge wenden soll.

Erst kürzlich habe er zwei albanische Mitarbeiter eingestellt. Die KI könne dann immer neue Informationen präsentieren und erklären: von der Stempelkarte bis hin zum Qualitätsstandard auf Baustellen. Und noch einen Vorteil habe die KI: Sie könne einfach besser albanisch, erklärt der Gerlinger Handwerker und drückt auf die Taste: "Mirë se erdhët – Mößner GmbH!", sagt sein digitaler Avatar mit synchroner Lippenbewegung: "Seid herzlich Willkommen bei der Mößner GmbH!"

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Christian Susanka

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