Gabriel Netzer geht gerne spazieren. Draußen, auf den Feldern. Meist allein. "Wir Männer sind Macher", erzählt er dabei. Und Gefühle zeige man nicht so leicht, vor allem auch schlechte Gefühle, zum Beispiel Einsamkeit.
Emotionale Einsamkeit trotz sozialer Kontakte
Bei ihm war es ganz schlimm während Corona. Jetzt sitze die Einsamkeit in der Seele. Nach außen wirkt er nicht einsam. Der 78-Jährige ist verheiratet, ehrenamtlich tätig, gibt Mathe-Nachhilfe. Er leide nicht so sehr darunter, latent sei die Einsamkeit aber immer da, sagt er. Netzer hätte gerne mehr Leute, mit denen er vernünftig reden oder sich verabreden kann.
Diese Art von Einsamkeit ist weit verbreitet in Baden-Württemberg, so eine aktuelle Studie. Es ist eine emotionale, keine soziale Einsamkeit. Das heißt, man hat soziale Kontakte, fühlt sich aber trotzdem allein. 55 Prozent der Befragten geht das so. Sie seien sozial einsam, gaben etwa 34 Prozent an. Insgesamt ergibt sich daraus der Wert, dass sich rund 40 Prozent aller Menschen im Land einsam fühlen.
Männer sind anders einsam als Frauen
Auch Thomas Holst geht das so. Er ist 62, verheiratet, hat drei Kinder. Er arbeitet im Repair Café, engagiert sich bei Schulfesten. Er hat viele Bekannte. Doch die Gespräche seien eher oberflächlich, es sei nicht so eine Verbundenheit da, dass man über alles reden könne, so Holst. "Sachen, die einem vielleicht peinlich sind, spreche ich nicht an. Von daher würde ich sagen, dass ich ein Stück weit einsam bin, viel mit mir selber ausgemacht habe."
Natürlich bespreche er auch vieles mit seiner Frau. Aber ihm fehlten vor allem andere Männer, mit denen er sich austauschen könne. Thomas Holst trifft sich auch in Männerrunden, aber da gehe es vor allem um Fußball und Autos. Sobald er versuche, über Dinge zu sprechen, die ihm am Herzen liegen, werde es schwierig.
Da wird man schnell als Weichei bezeichnet und dann lässt man es halt wieder.
Gemeinsam statt einsam
Auch Gabriel Netzer sieht das so. Gemeinsam wollen sie raus aus der Oberflächlichkeit, die einsam macht. Sie kennen sich seit Juni über eine Gruppe für Männer. Das Ziel der Gruppe: aus zehn Unbekannten einen Freundeskreis machen. Durch moderierte Treffen, mit Theorien zu Freundschaft, Teambuilding-Aufgaben, intensiven Gesprächen. Erst mal war das gewöhnungsbedürftig, wie Holst erzählt. "Beim ersten Treffen war ich sehr unsicher. So viele neue Leute, man kennt sich noch nicht." Auch Netzer war skeptisch.
Ich habe es nicht geglaubt, dass ein Psychologe das so hinkriegt, dass wir am Ende der zwölf Sitzungen ein Freundeskreis sind.
Das finnische Konzept "Circle of Friends" als Lösung
Der Psychologe, der die Gruppe anbietet, ist Alexander Müller. Sein älterer Nachbar hatte sich aus Einsamkeit das Leben genommen - das hatte ihn sehr getroffen. Auch deshalb möchte er einsamen Menschen helfen. In einer Zeitschrift las er vom finnischen Konzept "Kreis der Freunde", Circle of Friends, und dachte: Das muss es hier auch geben.
In Finnland haben 12.000 Menschen bei diesem Konzept mitgemacht. Und davon sind zwei Drittel, zehn Jahre später, immer noch zusammen.
Zudem profitieren die Teilnehmer gesundheitlich: Sie leben im Durchschnitt zweieinhalb Jahre länger und sind zufriedener, ergab eine Studie.
Wir sind Gruppenmenschen - seit der Steinzeit
"Die ideale Gruppengröße liegt bei zwölf Personen", erklärt Müller. Schon in der Steinzeit hätten die Menschen immer in Gruppen zusammengelebt und auch nur so überlebt. Auch heute biete die Gruppe viele Vorteile. Wenn jemand wegzieht, sich entfremdet oder stirbt, gibt es immer noch die anderen. "Wenn ich nur eine einzelne Person habe und die geht weg, dann bin ich wieder alleine, wieder einsam", so Müller.
Beziehungsdurst statt Einsamkeit
Viele Menschen schämten sich, sich selbst als einsam zu bezeichnen - doch das sei vollkommener Quatsch, so Müller. Seiner Ansicht nach ist es eher ein gesellschaftliches Phänomen, weil man sich nicht mehr so wie früher automatisch in der Kirche, im Wirtshaus oder auf dem Marktplatz trifft. "Die Strukturen haben sich geändert und es ist schwieriger, Nähe und Verbundenheit zu fühlen. Dabei brauchen wir das unbedingt", meint Müller.
Er findet, das Wort "Beziehungsdurst" wäre viel besser als Einsamkeit. Denn Verbundenheit sei essentiell fürs Überleben. Man solle versuchen, diesen Durst zu stillen. Sich für Freundschaft einzusetzen, statt sich zu schämen. Essen und trinken müssten wir schließlich auch alle.
Freundschaft braucht gemeinsame Zeit
In den Gruppen, die Müller moderiert, erklärt er auch immer seine Freundschaftsformel: Freundschaft entstehe durch gemeinsame Interessen, Sympathie und - das sei entscheidend - gemeinsam verbrachte Zeit. "Ohne diese Zeit kann keine echte Freundschaft entstehen", betont Müller.
Netzer und Holst kochen beide gerne. Heute machen sie gemeinsam Wurstsalat. Sie sind mittlerweile überzeugt, das Konzept funktioniert. In ihrer Männergruppe haben sie überraschend schnell Vertrauen zueinander aufgebaut. "Nach nur fünf oder sechs Treffen sprachen wir über Themen, die ich schon lange mit niemandem mehr geteilt habe", erzählt Holst. "Das gibt mir ein Gefühl von Verbundenheit."
Wichtig sei auch der Spaß, ergänzt Netzer, aber es gehe eben darüber hinaus, Skat zu spielen und Unsinn zu reden. Alle möchten auch tiefgründigere Gespräche.
Mut, sich auf echte Verbindung einzulassen
Das Ziel des "Circle of Friends" ist es, aus Fremden einen Freundeskreis zu formen. Für Netzer und Holst ist das gelungen. Sie empfehlen allen, die sich einsam fühlen, den Schritt zu wagen. Es gibt auch Gruppen für Frauen und gemischte Gruppen. "Es braucht Mut, sich auf so etwas einzulassen, aber es lohnt sich", so Netzer. Gerade werden in und um Stuttgart neue Gruppen gebildet.