Das Grundwasser des Oberrheingrabens ist flächendeckend mit künstlichen, durch Menschen verursachten Spurenstoffen belastet. Auch Trinkwassergrenzwerte werden häufig überschritten. Das hat die Untersuchung ERMES-ii-Rhein ergeben, die am Donnerstag veröffentlicht wurde. Durch eine neue Analyse-Methode konnten die Forschenden jetzt auch bisher unbekannte Stoffe im Grundwasser nachweisen. Es ist eine der größten grenzüberschreitenden Bestandsaufnahmen des Grundwasservorkommens im Oberrheingraben, die es jemals gegeben hat.
Fast alle 1.500 Messstellen mit Mikroschadstoffen belastet
Über vier Jahre hinweg haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz das Grundwasser im Oberrheingraben untersucht. An rund 1.500 Messstellen in Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, dem Elsass, bis zur Schweizer Grenze.
Die Ergebnisse zeigen ein besorgniserregendes Bild: An fast allen Messstellen wiesen die Forschenden Mikroschadstoffe nach - meist Pflanzenschutzmittel und deren Abbauprodukte, Arzneimittel und PFAS, sogenannte Ewigkeits-Chemikalien. Laut den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern stammen die Schadstoffe aus Industrie, Landwirtschaft, Privathaushalten und Gesundheitswesen.
Trinkwasser Südwesten Tausende teils unbekannte Stoffe im Rhein
Der Rhein versorgt Millionen von Menschen im Südwesten über Uferfiltrat mit Trinkwasser. Doch eine Recherche von Correctiv offenbart nun: Darin schwimmen Tausende teils unbekannte Stoffe.
Was die Schadstoffe fürs Trinkwasser bedeuten
An 59 Prozent der Messstellen wurde mindestens ein Trinkwassergrenzwert überschritten. Bei der Präsentation der Untersuchungsergebnisse in Straßburg betonen die Forschenden aber: Der Wert beziehe sich auf sogenanntes Rohwasser und sei nicht mit der Qualität des Trinkwassers gleichzusetzen. Trinkwasser unterliege strengen Kontrollen und werde speziell aufbereitet. Es könne nach wie vor bedenkenlos genutzt werden, hieß es.
Gleichzeitig betont Johanna Gherke vom Landesamt für Umwelt Rheinland-Pfalz: Mehr Mikroschadstoffe im Grundwasser bedeuteten eine immer aufwendigere und teurere Aufbereitung des Trinkwassers. Eine Kostensteigerung, die am Ende auch der Verbraucher zu spüren bekommen könnte.
Außerdem könne es problematisch sein, wenn das belastete Grundwasser bei der Beregnung landwirtschaftlicher Flächen zum Einsatz kommt, ergänzt Joachim Bley von der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW).
Landratsamt Lörrach: "Ernst, aber nicht überraschend"
Wie reagieren örtlich zuständige Gesundheitsämter auf die neuen Schadstoffwerte? Tim Traub, Fachbereichsleiter Umwelt im Landratsamt Lörrach, sagt hierzu: "Die Ergebnisse der Studie sind aus fachlicher Sicht ernst zu nehmen, sie sind aber nicht überraschend." Belastungen des Grundwassers in der Region würden seit Jahren untersucht. Auf eine Gefährdung des Trinkwassers könne man nicht schließen, im Gegenteil: "Solche Messstellen dienen gerade dazu, Belastungen frühzeitig zu erkennen und Entwicklungen nachvollziehen zu können", sagt Traub.
Grundwasser des Oberrheingrabens versorgt fünf Millionen Menschen mit Trinkwasser
Der Oberrheingraben ist einer der wichtigsten Grundwasserspeicher Westeuropas. Er erstreckt sich von Basel bis Bingen über eine Länge von 300 Kilometern und versorgt rund fünf Millionen Menschen aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz mit Trinkwasser. Gleichzeitig gehört die Region zu einer durch Industrie, Landwirtschaft und Ballungsgebiete am intensivsten genutzten Regionen Westeuropas.
Seit 1991 wird das Grundwasser im Oberrheingraben regelmäßig länderübergreifend untersucht. Zum letzten Mal im Jahr 2016. Schon damals wurden zahlreiche künstliche Mikroschadstoffe nachgewiesen. Bei vielen Stoffen habe sich die Situation seitdem etwas verbessert. Durch eine neue Analysemethode seien aber gleichzeitig auch neue, bisher unbekannte Stoffe dazugekommen, sagt Joachim Bley von der LUBW.
Durch innovative Analyse-Methode neue Stoffe nachgewiesen
Für die Untersuchung nutzten die Forschenden eine innovative Analysemethode. Das sogenannte Non-Target-Screening. Dabei werden alle in einer Wasserprobe enthaltenen Stoffe identifiziert.
Bisher wurden die Wasserproben nur auf bestimmte Stoffe untersucht. Gefunden werden konnte also nur das, wonach gesucht wurde. Andere Stoffe blieben unentdeckt. Durch die neue Methode können nun auch unbekannte Mikroschadstoffe nachgewiesen werden. Dadurch konnte die Liste der künstlichen Spurenstoffen aktualisiert werden.
Auffällig war laut Untersuchung dabei Trifluoressigsäure TFA, die zur Gruppe der PFAS gehört. TFA kann in der Umwelt praktisch nicht abgebaut werden. Der Stoff wurde an nahezu 98 Prozent der Messstellen gefunden. TFA ist ein Endabbauprodukt unter anderem von fluorierten Pflanzenschutzmitteln und Kältemitteln.
Was die Experten empfehlen, um die Wasserqualität zu sichern
Die Studie empfiehlt, schon an der Quelle für weniger Einträge von Schadstoffen zu sorgen. Dies erfordere eine Verringerung der landwirtschaftlichen, industriellen und häuslichen Verwendung problematischer Stoffe. Verbote hätten zum Teil schon Wirkung gezeigt, aber auch da müsse man vorsichtig sein. Vor allem, wenn dann Ersatzstoffe auf den Markt kommen, deren Einfluss auf die Umwelt noch unklar sind.
Außerdem müssten Kläranlagen für die Beseitigung bestimmter Schadstoffe ausgerüstet werden, die bisher noch nicht aus dem Wasser herausgefiltert werden, heißt es. In Baden-Württemberg laufen derzeit mehrere Pilotprojekte, bei denen neue Filteranlagen getestet werden. Zudem raten die Experten, die Überwachung von Fließgewässern und Grundwasser zu verbessern.
Die neuen Daten und Erkenntnisse werden nun an die Politik übergeben. Sie sollen als Grundlage dienen für Entscheidungen und Maßnahmen. Damit die Qualität des Grundwassers auch für künftige Generationen gesichert wird.