Die Bewerberinnen und Bewerber in Südbaden sind diesmal deutlich jünger als bei vorherigen Landtagswahlen. Diesen Eindruck bestätigt Melissa Bernhardt von der Landeszentrale für politische Bildung in Freiburg. Sie führt das auch auf das geänderte Wahlrecht zurück. Studien dazu gebe es jedoch nicht. Hier stellen wir vier der Nachwuchspolitiker:innen vor.
Joana Stöhrer da Costa (SPD) - Wahlkreis Waldshut
"Ich will etwas verändern", sagt Joana Stöhrer da Costa. Die 22-Jährige aus Frau aus Müllheim (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald) studiert Religionspädagogik und Gemeindediakonie.
Politisch interessiert und engagiert ist die 22-Jährige schon seit ihrer Kindheit. Auch ihr Vater war bei der SPD. Für sie ist ihre Kandidatur aber vor allem eine Antwort auf den zunehmenden Rechtsruck in Deutschland. "Die SPD hat in ihrer 160-jährigen Geschichte immer gegen Nazis gekämpft. Das will ich fortsetzen".
Die SPD lag in den Umfragen für die Landtagswahl am 8. März zuletzt zurück. Auch über die Zweitstimmen der Landesliste hat Joana Stöhrer da Costa wenig Chancen auf ein Mandat. Doch von den geringen Erfolgschancen lässt sie sich nicht entmutigen. Für sie stehe der persönliche Erfolg nicht im Vordergrund, sagt sie.
Jung und weiblich: SPD-Frau spürt ziemlichen Druck
Als junge Frau im politischen Rampenlicht spürt die Kandidierende immer wieder unterschwellige Vorurteile. Offene persönliche Anfeindungen habe sie aber bisher nicht erlebt, sagt sie. Schwieriger sei eher der Druck, den sie sich selbst mache.
Joanas Schwerpunkte im Wahlkampf: Bildung, Frauenrechte und Gesundheit. Letzteres ist für sie ein persönliches Herzensthema. Sie hat ihren schwer kranken Vater gepflegt. "Da habe ich gemerkt, wie essenziell gute Pflege und Versorgung sind", erzählt sie. Erfahrung mit politischer Arbeit hat sie als Gemeinderätin und als Mitglied im Landesschülerbeirat.
Sebastian Ruth (AfD) - Wahlkreis Freiburg I
"Man muss schon ein bisschen herausstechen, um von den Älteren wahrgenommen zu werden", sagt Sebastian Ruth. Er ist 20 Jahre alt, macht eine Ausbildung zum Kaufmann. Ruth ist, wie er sagt, der Jüngste in seinem AfD-Kreisverband. Er hält wenig vom neoliberalen Kurs, den viele ältere Parteikollegen vertreten. Für ihn sollen soziale Themen wie Mieten oder Löhne im Mittelpunkt stehen.
Mutter wählt links, Vater wählt grün, Ruth ist bei der AfD
Ruth selbst bezeichnet seine Haltung als rechts und "solidarisch-patriotisch". Er grenze sich vom Rechtsextremismus ab. Laut Bundesamt für Verfassungsschutz hat "solidarischer Patriotismus" jedoch viele rechtsextremistische Bezüge.
Seine Mutter wähle die Linke und sein Vater die Grünen. In der Teenager-Zeit sei es deshalb auch mal laut geworden, so Ruth.
Während der Corona-Pandemie hat sich Sebastian Ruth entschlossen, in die Politik zu gehen. "Diese radikalen Einschränkungen mit Ausgangssperre und Co. waren für mich nicht akzeptabel." Auf Demonstrationen ist er dann in Kontakt mit der AfD gekommen.
Abgerissene Plakate - widersprüchliche TikTok-Videos
Noch hängen keine AfD-Wahlplakate in der Freiburger Innenstadt. Ruth glaubt, dass die da sowieso nicht lange hängen blieben. Dafür postet er regelmäßig Videos auf TikTok. Darin polarisiere er ganz bewusst. Es gehe ihm auf Social Media sowieso eher darum, Leute erstmal zu erreichen: "Aufmerksamkeit erregt man natürlich mit emotionalisierenden Forderungen. Ich finde das auch nicht verwerflich."
Linus Kionka (FDP) - Wahlkreis Freiburg II
Linus Kionka hat in letzter Zeit nicht viel geschlafen. Bis in die Nacht hängt er Wahlplakate, morgens macht er Frühschichten bei einem Discounter und tagsüber dann Wahlkampf. Der 20-Jährige kandidiert auf Platz 32 der FDP-Landesliste. Für den Wahlkampf habe er in seinem VWL-Studium extra etwas Platz geschaffen.
Ich mag es nicht, wenn nur gemeckert wird - man soll etwas machen.
Um mehr "machen" zu können, brauche es weniger Bürokratie. Von langen Beteiligungsverfahren wie beim Dietenbach-Stadtteil hält er zum Beispiel wenig. "Mit den Leuten, denen die in die Grundstücke gehören, sollte man reden. Aber am Ende des Tages, wenn Dietenbach steht, dann jammert auch keiner mehr", glaubt Kionka.
Besuch im Bundestag führte ihn in die Politik
Bei einer Führung im Bundestag wurde er neugierig. Liberalismus sei sowieso sein Ding gewesen, erzählt der 20-Jährige. Deshalb ist er über ein Praktikum bei einer Bundestagsabgeordneten in der FDP gelandet. Schon damals sei ihm wichtig gewesen, dass Leistungen anerkannt werden und sich auch auszahlten.
Wahlkampf ist anstrengend
Aktuell hat Kionka nur geringe Chancen, in den Landtag zu ziehen. Das spüre er auch bei der mäßigen Unterstützung aus seiner Partei. Kionka ist zwar in den sozialen Medien vertreten, aber er macht vor allem klassischen Wahlkampf. Dazu gehört auch: heruntergerissene Wahlplakate wieder aufzuhängen. "Oft lasse ich das dann aber auch einfach so liegen. Dann sehen die Leute, mit welchen undemokratischen Mitteln hier gearbeitet wird."
Amelie Vollmer (Die Linke) - Wahlkreis Offenburg
Amelie Vollmer hat sich kürzlich mit Sozial- und Wohlfahrtsverbänden getroffen. Es sei schön, die Hoffnung zu spüren, die manche in Die Linke steckten. Die aktuell guten Umfragewerte geben ihr Rückenwind. Es ist bereits ihr dritter Wahlkampf: Vollmer wurde mit 17 Jahren zum ersten Mal nominiert. Sie trat bei der Bundestagswahl an und ist diesmal sogar auf Platz 2 der Landesliste. Ihre Chancen auf ein Mandat seien gut, sagt sie.
Wahlkampf zwischen Hoffnung und Widerstand
"Den Wunsch nach mehr Gerechtigkeit hatte ich schon immer", sagt Amelie Vollmer. Mit 15 Jahren hat sie sich der Linksjugend anschlossen und ihre erste Rede bei einer Demo gegen die AfD gehalten. "Da habe ich gemerkt, dass ich das gerne mache", sagt sie. "Wenn ich im Gesicht der Menschen sehe, dass ich sie mitnehme und wenn man diese Stärke spürt, die man hat, wenn man sich zusammentut."
Ich weiß, dass die Hebel tatsächlich etwas zu verändern, zum Greifen nahe sind.
Wie sie den Wahlkampf als junge linke Frau erlebt? Sie sei bereits aus dem extrem rechten Umfeld beleidigt und bedroht worden, berichtet Vollmer. Aber es gebe viel mehr schöne Momente in diesem Wahlkampf. "Oft kommen junge Menschen auf mich zu und sagen, dass ich sie inspiriert habe."
Zuhören bei Alltagssorgen und Lösungen suchen
Bezahlbarer Wohnraum ist ein zentrales Thema für Vollmer. Sie sieht ihn als den Kern sozialer Gerechtigkeit. "Es darf nicht sein, dass Wohnungen, die mit öffentlichen Geldern unterstützt wurden, später für Profite privatisiert werden", sagt sie.