Neue Kampagne im Ortenaukreis

"Nicht jeder Fall ist ein Notfall": Notaufnahmen und Rettungsdienste entlasten

Immer mehr Menschen finden sich im Gesundheitssystem nicht zurecht. Die Folge: Eine Überlastung der Notaufnahmen und Rettungsdienste. Eine neue Kampagne aus dem Ortenaukreis soll helfen.

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Von Autor/in Paulina Flad

Ein Spreißel im Finger, Kopfschmerzen nach einer langen Partynacht oder ein Kind, das mit mit einer Klobürste gespielt hat: Alles Fälle aus den Notaufnahmen im Ortenaukreis. Dabei sind das keine Notfälle. Mit einer neuen Kampagne will der Ortenaukreis Patientinnen und Patienten bei der Einschätzung ihrer Beschwerden unterstützen und so die Notaufnahmen und Rettungsdienste entlasten. Das Motto der Kampagne: “Nicht jeder Fall ist ein Notfall”.

Evelyn Bressau, Leiterin des Gesundheitsamts:

Viele Menschen kennen sich im Gesundheitssystem nicht aus

In Bürgergesprächen ist dem Landratsamt aufgefallen, dass sich viele Menschen mit dem Konzept der Notfallversorgung nicht richtig auskennen. Evelyn Bressau, Leiterin des Gesundheitsamts Ortenaukreis, sagt: "Viele wissen einfach nicht, an wen sie sich wenden können, wenn es ihnen nicht gut geht". Von den Rettungsdiensten und den Notaufnahmen sei außerdem der Hinweis gekommen, dass sich viele Menschen an die Notfalleinrichtungen wenden würden, obwohl sie das gar nicht müssten.

Viele wissen einfach nicht, an wen sie sich wenden können, wenn es ihnen nicht gut geht.

Zu diesem Ergebnis kam auch eine bundesweite Studie der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2021. Demnach haben knapp 59 Prozent der Menschen in Deutschland eine geringe Gesundheitskompetenz und es werden immer mehr. Sie haben also Schwierigkeiten damit, Informationen zur Gesundheit zu finden, zu verstehen, zu bewerten und in die Praxis umzusetzen. Die Untersuchung zeigt auch: Das betrifft immer mehr jüngere Menschen zwischen 18 und 29 Jahren. Das Problem: Menschen mit einer geringen Gesundheitskompetenz nutzen das Gesundheitssystem doppelt so häufig wie die mit guten Kenntnissen.

Bernd Gorißen, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme am Ortenau Klinikum Offenburg (von links), Evelyn Bressau, Leiterin des Gesundheitsamts Ortenaukreis und Marcel Frauenschuh, Deutsches Rotes Kreuz Ortenau haben die Kampagne im Landratsamt vorgestellt.
Bernd Gorißen, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme am Ortenau Klinikum Offenburg (von links), Evelyn Bressau, Leiterin des Gesundheitsamts Ortenaukreis und Marcel Frauenschuh, Deutsches Rotes Kreuz Ortenau haben die Kampagne im Landratsamt vorgestellt. Paulina Flad

Notaufnahmen: 30 Prozent mehr Patienten als noch vor fünf Jahren

Die Folge: Die Lage in den Notaufnahmen ist angespannt. 2024 sind 30 Prozent mehr Patientinnen und Patienten in die Notaufnahmen des Ortenaukreises gekommen als noch vor fünf Jahren. "Wir haben einen anhaltenden Anstieg der Fälle, ohne dass wir mehr Ressourcen, mehr Räume, mehr Mitarbeiter haben", sagt Bernd Gorißen, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme am Ortenau Klinikum Offenburg. Die Phasen einer gefährlichen Überfüllung, einem sogenannten Overcrowding, würden immer mehr werden. Die Mitarbeiter in den Notaufnahmen seien überlastet und auch für die Patientinnen und Patienten könne das gefährlich werden, so Gorißen.

Bernd Gorißen, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme am Ortenau Klinikum Offenburg:

2024 sind rund 115.000 Menschen in die Notaufnahmen des Ortenaukreises gekommen. Ein Viertel davon, weil sie keine andere Anlaufstelle finden, erklärt Cherfarzt Bernd Gorißen. Zum Beispiel, weil sie die Struktur nicht verstehen, keinen Termin bekommen oder keinen Hausarzt haben. Ein weiteres Viertel der Menschen komme unangemessen, also mit Kleinigkeiten, so Gorißen. Er sagt, er hoffe, dass durch die Kampagne das Bewusstsein in der Bevölkerung zunehme dafür, ob man ein Notfall ist oder nicht. "Das kann schon helfen, dass wir in dem System etwas Luft bekommen", sagt der Notfallmediziner.

Es geht auch darum, dass ich ein System in Anspruch nehme, was andere auch benötigen und, was andere vielleicht zu diesem Zeitpunkt dringlicher benötigen als ich.

Auch die Rettungsdienste stoßen immer öfter an ihre Grenze

Eine ähnliche Situation herrscht bei den Rettungsdiensten. Sie leiden unter Personalengpässen und auch dort steigt die Zahl der Einsätze stetig. "Wir merken schon, dass die Belastung sehr hoch ist und, dass wir immer öfter an die Kapazitätsgrenze stoßen", sagt Marcel Frauenschuh vom Deutschen Roten Kreuz Ortenau. Er und seine Kollegen würden jeden Tag Überstunden machen. Die Zahl der sogenannten Sozialfahrten, also der ambulanten Fahrten, die nicht unbedingt Notfälle sind, würden zunehmen. Für ihn sei die Kampagne wichtig, um zu zeigen: "Wir haben die richtigen Mittel, aber das ist nicht immer der Rettungsdienst."

Wir haben die richtigen Mittel, aber das ist nicht immer der Rettungsdienst.

Welche Anlaufstelle ist die richtige?

Mit seiner Kampagne will der Ortenaukreis also aufklären und die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung fördern. Damit die Menschen mehr lernen über das Gesundheitssystem in Deutschland und wissen, an wen sie sich wann wenden können und sollen. Dafür hat der Ortenaukreis eine Website eingerichtet, wo Bürgerinnen und Bürger den richtigen Ansprechpartner finden können.

Wer zum Beispiel außerhalb der regulären Sprechzeiten von Haus-oder Kinderärzten krank ist und keinen lebensbedrohlichen Notfall erleidet, ruft am besten beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst an unter der 116117. Dort werden Ärztinnen und Ärzte in der Nähe ermittelt und bei Bedarf zu einem nach Hause geschickt. Auch einige Krankenkassen bieten ein 24/7 Ärzte-Telefon an. Ein weiterer Ansprechpartner können Apotheken sein.

Nur bei einem akuten Notfall, bei dem sofort gehandelt werden muss, sind die Notaufnahmen in Krankenhäusern oder der Rettungsdienst die richtige Anlaufstelle. Symptome für einen Notfall seien zum Beispiel starke Atemnot, starke Brust- und Bauchschmerzen, Lähmungserscheinungen oder Suizidgedanken, heißt es auf der Website der Kampagne.

Außerdem sollen kreisweit Plakate und Flyer verteilt werden, um auf die Kampagne und das Thema aufmerksam zu machen.

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