Kinder an Wasser zuhause gewöhnen

Generation Nichtschwimmer? Woran es scheitert und was Eltern tun können

Sicher schwimmen, ohne unterzugehen? Für viele Kinder kaum möglich. Was sich dringend ändern muss und wie Eltern mit ersten Übungen zuhause den Einstieg erleichtern können.

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Von Autor/in Paulina Flad

Sie haben das Seepferdchen-Abzeichen vielleicht geschafft, doch von sicheren Schwimmerinnen und Schwimmern sind sie noch weit entfernt: Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) schätzt, dass mehr als die Hälfte der Kinder in Deutschland am Ende der Grundschule nicht sicher schwimmen kann. Gerade jetzt im Sommer, wenn hohe Temperaturen Familien an Seen und in Freibäder locken, zeigt sich das Problem besonders deutlich. Allein am vergangenen Wochenende kamen bundesweit bei Badeunfällen 15 Menschen ums Leben - darunter ein dreijähriger Junge.

Woran liegt es, wenn Kinder nicht schwimmen lernen?

Der Achernsee in der Ortenau, der Schluchsee im Schwarzwald oder das Freiburger Strandbad - an heißen Tagen beliebte Ziele zur Abkühlung. Doch während einige durchs Wasser kraulen oder abtauchen, bleiben viele Kinder am Beckenrand oder Ufer - beim Planschen. Denn sie können nicht schwimmen. Und das hat viele Gründe - allen voran der fehlende Schwimmunterricht in der Schule.

In einer Erhebung des baden-württembergischen Kultusministeriums gaben rund ein Fünftel der öffentlichen Grundschulen im Land an, dass sie im vergangenen Schuljahr keinen Schwimmunterricht anbieten konnten. Noch mehr waren es im Regierungsbezirk Freiburg: Im Schuljahr 2023/2024 fand dort an 37 Prozent der Schulen kein Schwimmunterricht statt. Der Hauptgrund: keinen Zugang zu Wasserflächen. "Es gibt zu wenig Schwimmbäder", sagt auch Monika Stein, die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Baden-Württemberg. Das sei eine große Herausforderung für die Schulen. Hinzu komme ein weiterer Engpass: Es fehlt an ausgebildeten Sportlehrkräften mit Rettungsschein.

Damit Schwimmunterricht zuverlässig angeboten werden kann, brauche es flächendeckend ein Bäder-Angebot, darauf weist Martin Holzhause von der DLRG-Bundesgeschäftsstelle im niedersächsischen Bad Nenndorf hin. Die Empfehlung der DLRG: Von jeder Schule aus sollte ein Schwimmbad in maximal 15 Minuten erreichbar sein. "Je weiter weg ein Schwimmbad ist, desto kürzer wird die Zeit im Wasser", so Holzhause.

"Schwimmen lernen" - ein Thema im Podcast "Das Wissen" von SWR Kultur:

Bildung Vom Planschen zum Kraulen – Schwimmunterricht in Deutschland

Zu wenig Bäder, fehlendes Lehrpersonal, Corona-Pause: Die Zahl der Grundschulkinder, die nicht schwimmen können, hat sich verdoppelt. Doch es gibt Wege, die Lage zu verbessern.

Das Wissen SWR Kultur

Wo Schwimmbäder fehlen oder sanierungsbedürftig sind, soll nach Ansicht der DLRG ein bundesweiter Bäderbedarfsplan Klarheit schaffen. Holzhause betont: "Das muss nicht bedeuten, dass überall neue, große Spaßbäder entstehen müssen."

Für den Schwimmunterricht würden schon sehr einfache Hallenbauten mit einem kleinen Becken reichen, die zum Beispiel in Anbindung an eine Turnhalle gebaut werden.

Auch wer sich privat um einen Schwimmkurs bemüht, stößt oft auf lange Wartelisten - und wird nicht selten enttäuscht. Martin Holzhause von der DLRG betont: "Private Anbieter können nicht sicher stellen, dass alle Kinder sicher schwimmen. Das kann nur der Schulunterricht. Dort werden nämlich alle Kinder erreicht." Denn wie eine Forsa-Umfrage unter Eltern im Auftrag der DLRG aus dem Jahr 2022 zeigt: Ob ein Kind schwimmen lernt oder nicht, hängt oft mit dem Einkommen der Eltern zusammen. Demnach konnte nahezu die Hälfte der Kinder aus Haushalten mit einem monatlichen Nettoeinkommen unter 2.500 Euro nicht schwimmen.

Welche Lösungsansätze gibt es?

Es gibt aber auch kreative Lösungen: Ein mobiles Schwimmbecken in einem Lkw-Auflieger bringt den Schwimmunterricht direkt zu Schulen und Kitas, die kein Bad in der Nähe haben. Auch in Südbaden war das Becken bereits im Einsatz - unter anderem in Emmendingen und Kirchzarten (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald). Monika Stein von der GEW begrüßt solche Initiativen, warnt aber: "Das ist nur ein Notnagel, wenn es kein Schwimmbad gibt." 

Das mobile Schwimmbecken war auch schon in Jagsthausen (Kreis Heilbronn) im Einsatz:

Not mach erfinderisch: In einer Gemeinde in Rheinland-Pfalz zahlen Kinder bis 14 Jahre nur zehn Cent Eintritt ins Freibad - inklusive kostenloser Schwimmkurse. Ein anderes Beispiel aus Unterreichenbach im Kreis Calw zeigt, wie kreativ Lösungen aussehen können: Weil es kein eigenes Schwimmbad gibt, lernen die Grundschulkinder dort im Hotelpool schwimmen.

Aktion soll Leben retten Für 10 Cent ins Freibad

Immer wieder ertrinken Kinder, weil sie nicht schwimmen können. Dagegen will Andreas Müller, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Lauterecken-Wolfstein, und der Rat etwas aktiv tun.

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Das Land Baden-Württemberg versucht dem Problem mit der Förderung verschiedener Programme entgegenzutreten: So werden unter anderem Anfängerschwimm-AGs an Schulen unterstützt. Mit dem Programm "SchwimmFidel - ab ins Wasser" fördert das Land Kooperationen zwischen Kindertagesstätten und Grundschulen und Sportvereinen bzw. DLRG-Ortsgruppen. So können Kinder schon vor dem Schuleintritt ans Wasser gewöhnt oder Grundschullehrkräfte von den Vereinen im Schwimmunterricht unterstützt werden.

Optimal wäre es, wenn Kinder schon das Seepferdchen hätten, wenn sie in die Schule kommen, um dort dann das sichere Schwimmen zu lernen. Aber immer weniger Kinder haben dieses Niveau beim Schuleintritt.

Wie können Eltern ihre Kinder aufs Schwimmen vorbereiten?

Auch Eltern können viel dazu beitragen, ihre Kinder auf den Schwimmunterricht vorzubereiten - und dafür muss es nicht zwingend ins Schwimmbad gehen. Martin Holzhause von der DLRG empfiehlt einfache Übungen zur Wassergewöhnung, die sich auch zu Hause umsetzen lassen: Zum Beispiel einen Tischtennisball durchs Wasser pusten, in der Badewanne das Gesicht ins Wasser legen oder unter der Dusche Wasser über den Kopf laufen lassen. "Mit solchen Übungen entwickeln Kinder schon einige Grundfertigkeiten, dass es mit dem Schwimmenlernen dann schneller geht", sagt Holzhause. Wichtig sei es vor allem, regelmäßig Zeit im Wasser zu verbringen. Auf der Website der DLRG und auf der Website des Programms "SchwimmFidel" gibt es eine ganze Reihe an Tipps für Eltern und Großeltern, wie sie ihre Kinder spielerisch ans Wasser gewöhnen und so für den Schwimmunterricht vorbereiten können.

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In welchem Alter sollten Kinder schwimmen lernen?

Laut DLRG-Sprecher Martin Holzhause können die meisten Kinder ab fünf Jahren mit dem Schwimmenlernen beginnen. Spätestens dann sollten sich Eltern nach einem Schwimmkurs umschauen, rät Holzhause: "Man muss mindestens mit einem halben Jahr Wartezeit rechnen. Oft aber auch mehr."

Wie können Eltern ihren Kindern selbst schwimmen beibringen?

Falls es trotz aller Bemühungen mit einem Schwimmkurs nicht klappt, können Eltern ihren Kindern das Schwimmen auch selbst beibringen. Dafür hat Martin Holzhause von der DLRG einige praktische Tipps parat.

Am Allerwichtigsten ist, dass das Ganze ohne Druck passiert und dass das Kind Spaß dabei hat. Eltern sollten auf ihr Kind eingehen. Es hat keinen Sinn, dem Kind gleich die Schwimmtechnik vermitteln zu wollen.

Sobald Spaß am Bewegen im Wasser da sei, kann mit den ersten Brustschwimmbewegungen begonnen werden, rät Martin Holzhause. Als Hilfsmittel empfiehlt er Poolnudeln oder Schwimmgürtel. Sie helfen dabei, die Wasserlage zu stabilisieren und ermöglichen es dem Kind, sich besser auf Arm- und Beinbewegungen zu konzentrieren. Schwimmflügel oder Schwimmwesten seien dagegen ungeeignet, so Holzhause. Und: Eltern sollten immer in unmittelbarer Nähe bleiben - auch beim Planschen im Nichtschwimmerbereich.

Ab wann ist ein Kind ein sicherer Schwimmer?

Ein Kind gilt erst dann als sicherer Schwimmer, wenn es entweder das Schwimmabzeichen in Bronze besitzt oder im Schulschwimmpass die vierte Niveaustufe "Sicher schwimmen können" erreicht hat. Darauf weist DLRG-Sprecher Martin Holzhause hin. Bis dahin braucht es Zeit und Übung: Als groben Richtwert nennt die DLRG etwa 18 Unterrichtseinheiten bei fünfjährigen Kindern - je nach Vorerfahrung kann das aber stark variieren.

Wichtig: Das Seepferdchen-Abzeichen ist kein Nachweis für sicheres Schwimmen. Kinder, die nur dieses Abzeichen haben, müssen weiterhin engmaschig beaufsichtigt werden.

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