Fast 200.000 Menschen werden auf der Seebühne im Bodensee in diesem Sommer die romantische Oper "Der Freischütz" von Carl Maria von Weber sehen – wenn die Aufführungen wie im vergangenen Jahr ausverkauft sind. Was keiner von ihnen sehen kann, ist, wie es während der Aufführung unter dem riesigen Bühnenbild, einem halb verfallenen Dorf im Winter, zugeht. Dort ist der Arbeitsplatz von Stage Managerin Sophie Louise Busch.
Hinter der Seebühne der Bregenzer Festspiele - als Regieassistentin beim "Freischütz"
Für Busch sind genau drei Wörter wichtig: "Standby!" (Achtung!), "Auftritt!" und "Go!" (Los!). Die 33-Jährige und ihre beiden Kolleginnen sind verantwortlich dafür, dass jeder Mitwirkende zur rechten Zeit am richtigen Ort auf der Seebühne auftritt, jeden Abend. Wichtigstes Utensil der Regieassistentinnen ist ein dickes Manuskript voller Noten, Notizen, Plänen und farbigen Klebezetteln. Jeder "cue", also Einsatz, ist darin festgehalten. Aber: "Im zweiten Jahr Freischütz kann ich das fast auswendig.", sagt sie und lacht.
Sophie Louise Busch klopft an der Garderobe des Solisten, der den Caspar singt, und begleitet ihn zu der Treppe, über die er aufs Bühnenbild steigen muss. Dann ruft sie über ein Mikrofon die Chorsängerinnen und -Sänger zu ihrem nächsten Auftritt.
Lieber Chor, bitte die Besoffenen, die Besoffenen ins Wirtshaus, bitte!
Die natürlich völlig nüchternen Sängerinnen und Sänger, die das betrunkene Volk spielen, laufen über Stahlgitter unter der Bühne zum winzigen, ziemlich dunklen Wirtshaus. In Gruppen entlässt Busch sie ins Rampenlicht. "Go!" Unter dem Bühnenbild sind die Künstlergarderoben, Maske und Requisite, aber auch eine Teeküche und die Technik. Zwei ausgestopfte Hirsche warten auf ihren Auftritt mit den Jägern, die verzauberte Kugel für den Freischütz hat einen speziellen Platz, damit sie nicht verloren geht. Samiel, der Teufel, in seinem engen feuerroten Dress, holt sich frisches Theaterblut auf die Zunge.
"Freischütz" unter der Seebühne: Jedes Abtauchen wird überwacht
Wer gerade keinen Auftritt hat, verfolgt das Geschehen oben auf einem der Monitore. Denn wer mitwirkt, kann nicht im Publikum sitzen. Die Monitore braucht auch der Taucher, der für die Stuntleute verantwortlich ist. Er lässt sie - mal als Meerjungfrauen verkleidet, mal als Zombies - unter dem Rand des Bühnenbildes durchtauchen ins Wasserbecken im Bühnenbild. Anschließend muss er auf dem Monitor genau zählen, ob auch alle im stockdunklen Wasser auf der anderen Seite angekommen sind.
Den Job auf der Seebühne macht Sophie Louise Busch nur im Sommer, sonst arbeitet sie an der Komischen Oper in Berlin. Jeder Abend, der ohne Zwischenfälle, ohne verpasste Auftritte zu Ende geht, fühle sich gut an, sagt sie. Als nächstes muss sie dem Teufel Samiel den Weg frei halten, weil er von einem Auftritt zum nächsten unter dem Bühnenbild hindurch laufen muss. Und auch davon bekommen die fast 7.000 Menschen auf der Zuschauertribüne rein gar nichts mit.
Bei den Bregenzer Festspielen wirken jeden Sommer rund 1.000 Menschen mit, darunter Orchestermusizierende, Sängerinnen und Sänger, Chormitglieder, Bühnentechniker und Platzanweisende.