Fünf von 132 Gemüseerzeugern haben ihre Mitgliedschaft bei der Gemüse-Reichenau zum Jahresende gekündigt. Es sind die Betriebe aus der Gärtnersiedlung in Singen-Beuren – dort entsteht in großen Gewächshäusern fast die Hälfte des Genossenschaftsumsatzes.
Große Betriebe in der Genossenschaft sehen keinen Nutzen mehr
Erzeuger Clemens Blum sprach bei der Generalversammlung für die Betriebe, die die Genossenschaft verlassen wollen. Die Genossenschaft diene nicht mehr dem Wohl der Betriebe, ohne wirtschaftlichen Nutzen müsse er als Unternehmer diesen Schritt gehen, betonte er. Die Betriebe in der Genossenschaft seien zu unterschiedlich, um dauerhaft unter einem Dach zusammenzuarbeiten.
Er wünsche sich flexiblere Vermarktungsmöglichkeiten. Besonders, da er den Betrieb bald in gutem Zustand an die nächste Generation übergeben wolle. Der Markt habe sich geändert, so der Gemüsegärtner: "Die Einzelhändler haben viele Eigenmarken eingeführt, da verschwindet der Erzeuger hinter einem Label." Für größere Betriebe wie seinen werde der regionale Bezug weniger wichtig, stattdessen müsse Gemüse aus Deutschland auch deutschlandweit vermarktet werden.
Bis zum Ende des Jahres bestünden die Verträge über die Gemüselieferungen aber weiter und sollen auch weiter eingehalten werden, betonten beide Seiten auf der Generalversammlung. Wie genau es danach weiter geht, ist noch offen. Einzelhändler hätten aber schon angekündigt, weiter von der Genossenschaft kaufen zu wollen, so Johannes Bliestle, Geschäftsführer der Genossenschaft. Außerdem hoffe er, die Kapazitäten mit neuen Gärtnern wieder ausbauen zu können.
Trennung von Betrieben und Genossenschaft schwierig
Bliestle zeigte sich über die Austritte auch persönlich enttäuscht. Ohne die Genossenschaft würde es gerade die Betriebe so überhaupt nicht geben, die der Genossenschaft jetzt den Rücken kehren. Als Genossenschaft hätten sie damals gemeinsam um die Grundstücke und Genehmigungen gekämpft, das habe auch ihm damals "alles abverlangt", so der Geschäftsführer.
Weil auf der Reichenau kein Platz für große Gewächshäuser war, suchte die Genossenschaft Grundstücke auf dem Festland. Für die Genossenschaft waren die Gewächshäuser wichtig, um Geschäftsbeziehungen zu großen Einzelhandelsketten aufzubauen. An mehreren Standorten im Hegau nahe Singen-Beuren wird nun im großen Stil Gemüse angebaut, es gibt Partnerschaften mit großen Einzelhändlern, die das dort produzierte Gemüse abnehmen.
Die Trennung der Betriebe von der Genossenschaft wird schwierig. Denn das Gemüse wird zwar von den einzelnen Gärtnern produziert. Die Infrastruktur wird aber von der Genossenschaft an die Erzeuger verpachtet. Dazu gehören insbesondere Lagerräume oder ein Pumpwerk, das Wasser aus der Aach für die Bewässerung bereitstellt.
Bliestle ist überzeugt: Wirtschaftlich stehen die Betriebe mit der Genossenschaft besser da als ohne sie. Zwar müssten sie eine Gebühr an die Genossenschaft entrichten. Das werde aber durch die besseren Vermarktungschancen ausgeglichen. Seit 70 Jahren vermarktet die Genossenschaft das Gemüse der Reichenauer Gärtner.
Aktuell Bilanzverlust trotz Rekordumsatz
Im vergangenen Jahr erzielte die Gemüse-Reichenau-Genossenschaft einen Rekordumsatz von 72,5 Millionen Euro. Insgesamt wurden fast 35 Millionen Euro an die Betriebe ausgezahlt, die Teil der Genossenschaft sind. Das ist mehr als in den vergangenen zehn Jahren.
Das reicht allerdings nicht, um einen Bilanzverlust zu vermeiden. Insgesamt 680.000 Euro aus Rücklagen muss die Genossenschaft aufwenden, um diesen fast vollständig auszugleichen. Johannes Bliestle sieht die Genossenschaft aber insgesamt auf einem guten Weg. Maßnahmen, um im nächsten Jahr ein besseres Bilanzergebnis zu erreichen, seien bereits gestartet.