Mehr Elektromotoren und weniger Müll

Wie der Schiffsverkehr auf dem Bodensee nachhaltig wird

Wenn der Bodensee bis 2040 klimaneutral befahren werden soll, gibt es noch viel zu tun. Aber nicht nur CO2-Emissionen belasten den See.

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Von Autor/in Steffen Mierisch

Der Bodensee soll zum Modell für die nachhaltige Nutzung eines Gewässers werden. Derzeit machen Elektromotoren aber nur vier Prozent der Antriebe auf dem Bodensee aus.

Je größer der Motor, desto schwieriger auch die Umstellung, erklärt Edgar Raff, der Vorsitzende der Internationalen Wassersportgemeinschaft Bodensee. Für kleine Motoren gebe es längst praktische Lösungen. Für Leistungen bis 15 PS würden oft Akkus eingesetzt, die sich vom Motor abnehmen lassen. "Für Außenbordmotoren zum Beispiel für Segel- oder Anglerboote reicht das gut", berichtet Raff. Diese würden Wassersportler dann zuhause oder in ganz normalen Steckdosen im Hafen aufladen. Allerdings stehe in den Häfen nicht genug Strom zur Verfügung, um auch die größeren Boote aufzuladen.

Friedrichshafen

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Die Häfen stünden außerdem in Konkurrenz zu anderen Verbrauchern, die ebenfalls Strom für klimafreundliche Technologien benötigen. Die Energieversorger hielten sich bisher bedeckt, wenn es darum ginge, wie Anschlüsse in die Häfen kommen sollen.

Verbrenner auf dem See werden mit nachhaltigerem Treibstoff betrieben

"Übergangslösungen gibt es schon“, findet Edgar Raff. Besonders nennt er den Treibstoff HVO100. Dabei handelt es sich um einen Dieselersatz, der beispielsweise aus altem Speisefett hergestellt wird und den mit Diesel betriebene Bootsmotoren bereits verwenden können. Außerdem spare er viel CO2-Emissionen ein. Dieselmotoren machen knapp zehn Prozent der Motorboote für Vergnügungszwecke auf dem Bodensee aus. Für Benzinmotoren gebe es eine für Boote geeignete Version des Treibstoffs E10, den Autofahrer an den meisten Tankstellen tanken können.

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Neuer Kraftstoff aus altem Speiseöl Motorbootfahrer auf dem Bodensee können klimaschonend tanken

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Thomas Stemmer von der Initiative heurekaLAGO fordert, sich gründlich mit den Möglichkeiten auseinanderzusetzen, wie der Verkehr klimaneutral werden könnte. "Wir brauchen schnell klare Schritte", findet er. Für alle Ideen, so der Vorsitzende von heurekaLAGO, müssten die Machbarkeit und ein realistischer Zeitraum erfasst werden. Außerdem sollten die Bemühungen nicht zu sehr auf Emissionen fokussiert werden. Der CO2-Ausstoß müsse selbstverständlich reduziert werden, "die direkte Belastung für die anderen Wassersportler und die Natur sind aber Lärm und Wellenschlag". Gerade dagegen sei ein schärferes Tempolimit wirksam.

Verein hält Lärm und Wellenschlag für die größten Belastungen auf dem Bodensee

Stemmer kann eigenen Angaben zufolge aktuell kaum Veränderungen im Bereich der Vergnügungsboote wahrnehmen. Die künstlichen Treibstoffe wolle er nicht als Lösungsansatz ausschließen, gibt aber zu bedenken, dass auch durch sie Treibstoffreste von den Sportbooten in den Bodensee gelangen. Laut einer Studie im Auftrag der Internationalen Bodensee-Konferenz kämen so bis zu 100 Tonnen Schadstoffe ins Wasser, "das sind zwei Tanklaster voll Sprit".

Ein Mann steht am Steuer eines vollektrisch angetriebenen Passagierschiffes. Die E-Fähre ist ein Beispiel für nachhaltigen Schiffsverkehr auf dem Bodensee.
Schiffsführer Kevin Fenner am Steuer der Elektro-Fähre "MS Insel Mainau". Sie pendelt zwischen der Blumeninsel und Unteruhldingen.

Am Bodensee gibt es laut jüngster Erhebung 887 Motorboote mit Elektroantrieb. Genau wie am gesamten Bodenseeufer werden diese aber alle über Solarzellen und herkömmliche Steckdosen geladen, es gibt keine öffentliche Ladestation für Elektroboote. Die "MS Insel Mainau" hat Schiffsführer Kevin Fenner dagegen schnell eingesteckt. Sie ist das erste vollelektrische Verkehrsschiff der Bodensee-Schiffsbetriebe (BSB). Sechsmal am Tag fährt sie von Unteruhldingen (Bodenseekreis) aus auf die Mainau (Kreis Konstanz), manchmal über Meersburg (Bodenseekreis). Der Technische Leiter der BSB, Christoph Witte, betont: "Das ist ein ausgewachsenes Personenschiff für 300 Fahrgäste". Bisher sei sie störungsfrei gelaufen und habe sich auf der Strecke als leises und komfortables Schiff bewährt.

Er schränkt die Tauglichkeit von Elektromotoren mit dem aktuellen Stand der Technik aber auch ein. "Elektro-Schiffe sind mit 15 km/h langsamer", außerdem stünden die Leistungen, die man beispielsweise für den Betrieb der größeren Schiffe oder Fähren benötigt, nicht so einfach zur Verfügung. Zukünftig sollen die Kursschiffe nach aktuellem Stand deshalb eher auf alternative Treibstoffe umgestellt werden.

Wassersportlern auf dem See sind Schäden für die Natur nicht bewusst

Emissionen sind nicht die einzige Belastung für den Bodensee. Auch Wassersportler ohne Motor können Schäden anrichten. "Stand-Up-Paddler haben eine höhere Silhouette als zum Beispiel Kanuten und bewegen ihr Paddel schwer vorhersehbar", erklärt Berit Langeneck vom NABU. Sie leitet das Projekt "Naturverträglicher Wassersport“ für die Naturschutzorganisation. Die Paddler würden von Vögeln in bis zu einem Kilometer Entfernung als Bedrohung wahrgenommen. Das führe zu großen Schäden in Brut- und Überwinterungsgebieten, wenn sich Wassersportler in Naturschutzgebiete begeben.

Ein Mann und ein Hund schauen von einem Stand-Up-Paddle-Board aus Wasservögeln nach.
Wasservögel reagieren auf Störungen in bis zu einem Kilometer Entfernung.

Gleichzeitig gebe es natürlich auch ein Recht darauf, das Gewässer zur Erholung zu befahren, "wir müssen den Raum nur teilen“, betont Naturschützerin Langeneck. 13 der vom NABU-Bodenseezentrum betreuten Naturschutzgebiete grenzten an den Bodensee, und insgesamt gebe es 590 Hektar geschützter Wasserflächen im Landkreis Konstanz, die sehr sensibel seien. Vielen Wassersportlern sei das gar nicht bewusst. Sie aufzuklären, was für die Umwelt eine Störung ist und welche Vogelwelt am Bodensee überhaupt lebt, ist eines der Hauptziele des Projektes "Naturverträglicher Wassersport“. Zunächst fokussiert sich der NABU dabei in Kooperation mit zwei Vereinen auf den Untersee.

Wollmertinger Ried

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Interessierte Wassersportler sollen mit Informationen versorgt werden und diese dann in ihre Vereine und Interessensgruppen tragen. Außerdem wolle man genauer erfassen, welche Störungen überhaupt wo und in welchem Umfang stattfinden. Beispielsweise von der schwimmenden Beobachtungsstation "Netta“ aus, von der Freiwillige jeden Sommer die Vogelbestände beobachten.

Von den Schiffen sollen keine Kippen mehr in den See gelangen

Das Problem Müll wird von den Bodensee-Schiffsbetrieben als Teil des Nachhaltigkeitsnetzwerkes "Echt Bodensee" angegangen. Künftig werden dort kleine Aschenbecher mit maritimen Motiven ausgegeben. Damit soll verhindert werden, dass die Zigarettenstummel einfach über Bord geworfen werden. Außerdem wird mit Infomaterial über die Auswirkung von Zigarettenstummeln auf das Gewässer aufmerksam gemacht.

Ein kleiner Klick-Klack-Aschenbecher vor dem Hafen von Uhldingen
Die Aschenbecher werden auf den Schiffen ausgegeben und sollen verhindern, dass Zigarettenkippen einfach über Bord geworfen werden.

"Jede Kippe, die nicht in der Natur landet, ist erstmal gut", findet Frank Gaffry von den BSB. Schließlich handle es sich beim Bodensee um den größten Trinkwasserspeicher Deutschlands.

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