Italien 1944. In dem toskanischen Bergdorf Sant'Anna di Stazzema ermordet die deutsche Waffen-SS 560 Menschen, darunter 130 Kinder. Für das Verbrechen wurde keiner der Täter in Deutschland je vor Gericht gestellt. Die Soziologin Petra Quintini von der Uni Konstanz engagiert sich schon lange in der Erinnerungsarbeit. Vor einigen Jahren war sie zum ersten Mal in Sant'Anna di Stazzema.
Als ich den Menschen zum ersten Mal begegnet bin, haben sie uns umarmt.
Von Konstanz nach Italien: Suche nach Erinnerungen an das SS-Massaker
Vergangenes Jahr reiste Quintini mit Kulturwissenschaftlerinnen und Studierenden der Uni Konstanz erneut nach Sant'Anna. In den Begegnungen mit Überlebenden und deren Angehörigen wollten sie herausfinden, welche Erinnerungen die Menschen an das Massaker haben. Und wie unterschiedlich die Formen der Erinnerung sind.
Die Konstanzer Forschenden erfuhren, dass vor allem die Männer schon früh über das Massaker gesprochen hatten. Frauen dagegen hatten oft jahrelang geschwiegen. Dafür waren ihnen scheinbar einfache Arbeiten, etwa das Gießen der Blumen an der Gedenkstätte, wichtig, um die Erinnerung irgendwie zu verarbeiten.
Späte Aufarbeitung des Massakers erst nach 60 Jahren
In Deutschland interessierte sich jahrzehntelang niemand für das Massaker der Waffen-SS in dem italienischen Bergdorf bei Lucca. Erst vor rund 20 Jahren, zum 60. Jahrestag des Verbrechens, reiste der damalige Bundesinnenminister Schily (SPD) in das Dorf. Und 2013 gedachten Bundespräsident Gauck (parteilos) und sein italienischer Kollege Giorgio Napolitano in Sant'Anna der Opfer. Den Menschen in dem Dorf geht es aber nicht nur um das, was vor 81 Jahren geschehen sei, sagt die Kulturwissenschaftlerin Sarah Seidel.
Die Angehörigen und Überlebenden selber haben nicht nur in die Vergangenheit geblickt. Es war immer wichtig, auch in die Zukunft zu gucken, weil sie sehen, dass in Europa die Demokratie in Gefahr ist.
In der Ausstellung "ÜberLeben erzählen. Sant’Anna di Stazzema 12. August 1944/2024" im Bürgersaal der Stadt Konstanz sind bis Ende Mai Videofilme und Fotos von den Begegnungen mit den Menschen aus Sant'Anna zu sehen. Dokumente, die bleiben werden, auch wenn irgendwann die letzten Überlebenden des Massakers selbst nicht mehr berichten können.