Seit Jahren setzt sich der Konstanzer Informatikstudent Marian Grau für Familien mit schwerstbehinderten Kindern ein. Der Verlust seines Bruders hat ihn geprägt und wurde zum Antrieb für sein außergewöhnliches Engagement. Nun wird der 23-Jährige vom Deutschen Studierendenwerk und dem Deutschen Hochschulverband als "Student des Jahres 2026" ausgezeichnet.
Grau ist Botschafter des Deutschen Kinderhospizvereins und hat die Initiative "Geschwisterkinder" ins Leben gerufen. Diese setzt sich für Jugendliche ein, die mit schwerstbehinderten Geschwistern aufwachsen oder einen Bruder, eine Schwester verloren haben.
Tod des Bruders: Ein Verlust, der für Marian Grau alles veränderte
Als Marian Grau neun Jahre alt war, verlor er seinen zwei Jahre älteren, schwerstbehinderten Bruder Marlon. "Ich bin ja mit dem Wissen aufgewachsen, dass mein Bruder sterben wird", erzählt Marian im Rückblick. Aber als Marlon mit elf Jahren tatsächlich starb, war der Schmerz dennoch überwältigend.
Es war plötzlich sehr viel Leere - ich wusste gar nicht, wohin damit.
Die Pflege von Marlon sei sehr intensiv gewesen, erinnert sich Marian. Seine Eltern hätten kaum Kapazitäten gehabt, sich auch noch um ihn zu kümmern. "Da musste vieles einfach so funktionieren."
"Student des Jahres": Programm von Geschwistern für Geschwister
Aus dieser Erfahrung entstand bei Marian der Wunsch, anderen Geschwistern in ähnlichen Situationen zu helfen. Als Schüler schreibt er ein Buch über seine Familie. In "Bruderherz: Ich hätte Dir so gern die ganze Welt gezeigt" erzählt er, wie eingeschränkt das Familienleben durch die Pflege seines Bruder war. Man habe nicht einfach mal in den Zoo gehen oder einen Ausflug machen können. "Stattdessen verbrachte meine Familie die Ferien in einem Kinderhospiz."
Marian Grau beginnt außerdem, sich in zahlreichen Ehrenämtern zu engagieren. Er wird Pate beim Verein Julius Philip e. V., der sich um Familien mit schwerstbehinderten Kindern kümmert. Und er ruft das Programm "Von Geschwistern für Geschwister" ins Leben. Darin begleitet er Jugendliche, die ein ähnliches Schicksal wie er haben. Die Betroffenen treffen sich, tauschen ihre Erfahrungen aus, trauern gemeinsam.
Und die "Geschwisterkinder" haben einen Film gemacht. Er hat den Titel "Eine einfache Frage". Darin thematisieren die Jugendlichen, wie schwer es für sie ist, auf die scheinbar harmlose Frage "Hast du Geschwister?" zu antworten. "Egal, was ich sage, es ist immer falsch", sagt eine Stimme im Film.
Zwischen Informatik und Ehrenamt
Trotz seines intensiven Engagements verfolgt Marian auch akademisch ehrgeizige Ziele. Er steht kurz vor dem Abschluss seines Informatikstudiums an der Universität Konstanz. "Hier an der Uni bin ich sehr sachlich und nüchtern unterwegs - ein Gegenpol zu den schweren Themen im Ehrenamt", sagt er. Seine Professorin Sabine Storandt ist voll des Lobes: "Was er unter einen Hut bringt, ist super beeindruckend. Er könnte auch für seine akademischen Leistungen eine Auszeichnung bekommen."
Für Marian ist die Auszeichnung als "Student des Jahres 2026" eine besondere Ehre. Doch sein größter Antrieb bleibt, das Andenken an seinen Bruder Marlon zu bewahren. "Jedes Mal, wenn ich 'Marlon' sagen kann und Leute seinen Namen hören, macht mich das stolz."