Wegen der Landtagswahl wurde er offiziell schon Ende Februar verabschiedet. Nun ist es tatsächlich so weit: Uwe Stürmer geht zum 1. April in den Ruhestand. Dem Präsidium zufolge wird er einen Tag davor noch mal ab etwa 6:30 Uhr an seinem Schreibtisch Platz nehmen. Dann aber bleibt dem 63-Jährigen viel Zeit für seine Hobbys: für Fahrten mit seinem Segelboot "Stürmi" auf dem Bodensee, die Pflege von Weinreben in seinem Heimatort Weingarten (Kreis Ravensburg) und anderes mehr. Und es bleibt Zeit zurückzublicken.
Stürmer zieht positives Fazit seiner Arbeit als Ravensburger Polizeipräsident
Uwe Stürmer zieht insgesamt ein positives Fazit seiner Arbeit. Man habe einen tollen Zusammenhalt im Präsidium gehabt, gerade wenn es um die Aufklärung von Straftaten ging, sagt er im SWR-Interview. Zudem habe er versucht, mit Kolleginnen und Kollegen respektvoll umzugehen, nahbar zu sein. Als Präsident war Stürmer zuständig für acht Polizeireviere und 19 Polizeiposten in den Landkreisen Ravensburg und Sigmaringen sowie im Bodenseekreis und damit für 1.300 Mitarbeitende, darunter gut 1.100 Polizeibeamtinnen und -beamte.
Ich hab anfangs gespürt, dass manche vor mir Angst hatten als Direktor. Und heute sagen mir viele: Der ist ganz O.K., der ist normal.
Es sei unter anderem seine jahrelange Arbeit bei der Mordkommission in Stuttgart gewesen, die ihn befähigt habe, die Bedürfnisse der Kolleginnen und Kollegen zu kennen. Hätten anfangs einige vor ihm Angst gehabt, würden heute viele sagen: Der ist ganz O.K., der ist normal.
Zudem sei es ihm wichtig gewesen, mit den Kommunen, den Landkreisen, der Feuerwehr und dem Rettungsdienst gut umzugehen. Stürmer führte etwa Sicherheitskonferenzen ein, um mit den jeweiligen Akteuren ins Gespräch zu kommen, um mögliche Probleme bei der Zusammenarbeit zu lösen. Permanent im Präsidium gewesen sei er nicht, so der 63-Jährige.
Ein Polizeipräsident zum Anfassen: Stürmer sucht Kontakt zu Bürgern
Es habe ihn immer nach draußen gezogen - etwa, um Kontakt zu den Bürgern zu halten. Sitze man nur in seinem Büro hinter dem PC, habe man nur einen Teileindruck von der Welt draußen. Daher sei er zum Beispiel bei vielen Neujahrsempfängen gewesen, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen.
Ganz wichtig sei ihm, "dass man vor der Polizei keine Angst hat", dass man ihr vertraue. Nur so sei es möglich, dass sich Menschen bei Straftaten und Vergehen etwa als Zeuge zur Verfügung stellten. Wichtig sei es aber auch, schwere Straftaten aufzuklären. Schaffe man das nicht, verunsichere das die Leute. Und auch für die Ermittler selbst sei das unbefriedigend. Eine Sternstunde sei es hingegen, wenn man Angehörigen eines Mordopfers sage könne: Wir haben den Täter!
Stürmers perfidester Fall: der Supermarkterpresser
Als Beispiel nennt Stürmer den Fall des Supermarkterpressers. Es sei das Perfideste, was er in seiner gesamten Laufbahn erlebt habe. Bei dem Fall hatte 2017 ein 53-jähriger Mann aus dem Raum Tübingen angekündigt, vergifteten Babybrei in Drogerie- und Supermärkten zu platzieren, um so knapp 12 Millionen Euro zu erpressen. Stürmer war damals stellvertretender Leiter der Polizeidirektion Konstanz. Dem Präsidium gelang es unter Stürmers Leitung, den Erpresser zu fassen.
Den Tod von Babys in Kauf zu nehmen, ist für mich bis heute nicht fassbar.
Der Eindruck damals, man habe den Mann 51 Stunden nach Bekanntgabe der Erpressung geschnappt, entspreche allerdings nicht der Realität. Laut Stürmer wusste das Präsidium schon 16 Tage zuvor von der Sache. Man habe dann Tausende von Videos ausgewertet, 250 Beamte mit Ermittlungen betraut, Hunderte von Babybrei-Gläsern aus Supermärkten geholt und vom LKA untersuchen lassen, bevor man an die Öffentlichkeit ging. Der Fall habe ihn damals mehrere schlaflose Nächte beschert, so Stürmer. Den Tod von Babys in Kauf zu nehmen, das sei für ihn bis heute nicht fassbar.
Pandemie versetzt Präsidium unter Stürmers Führung in Krisenmodus
Die wohl schwierigste Zeit als Leiter des Präsidiums Ravensburg war für Uwe Stürmer die Pandemie. "Wir hatten ja kaum die Indienststellung gefeiert, da kam innerhalb von weniger als 100 Tagen Corona. Und dann waren wir von da ab im Krisenmodus". Viele seiner rund 1.300 Mitarbeitenden im Bereich des Präsidiums seien infiziert gewesen, teils mit schweren Verläufen. Man habe alles umschmeißen müssen, damit die insgesamt gut 40 Immobilien des Präsidiums besetzt sind.
Unter die Haut ging dem Polizeipräsidenten damals ein Anruf vom Oberschwabenklinikverbund mit Sitz in Ravensburg. Laut Stürmer hatte die Leitung angekündigt: Gehe die Zahl der Infizierten weiter hoch, müsse die Polizei Patienten am Eingang der Krankenhäuser abweisen.
Wir sind zur Polizei gegangen, um zu retten, um zu helfen, um Gefahren abzuwehren. Und wenn wir dann durchsetzen müssen, dass Angehörige mit ihren Kranken an der Pforte abgewiesen werden?
Das habe ihn schwer getroffen, so Stürmer. Noch dazu hätte ihm in jener Situation das Personal gefehlt - auch viele seiner Leute seien krank gewesen. "Wir sind zur Polizei gegangen, um zu retten, um zu helfen, um Gefahren abzuwehren. Und wenn wir dann durchsetzen müssen, dass Angehörige mit ihren Kranken an der Pforte abgewiesen werden und das möglicherweise ein Todesurteil ist? - Das war in der Waagschale!" Glücklicherweise kam es dazu nicht.
Stürmer: "Wollte eigentlich nie weg von der Stuttgarter Mordkommission"
Dass Uwe Stürmer Polizeipräsident in Ravensburg wurde, war mehr oder weniger Zufall. Stürmer wollte nach seiner Schulzeit – er bezeichnet sie als langweilig - 1979 zur Polizei, um mit Menschen zu tun zu haben, wie er sagt. Dass er am Ende doch noch einen guten Abschluss an der Realschule Weingarten hingelegt hatte, half dabei.
Seine Bestimmung fand er schließlich in der Stuttgarter Mordkommission, deren Leiter er später wurde. Und von dort wollte er eigentlich nicht mehr weg. Weil seine Vorgesetzten ihn aber überzeugten, ins Innenministerium zu wechseln, fand er über kurz oder lang den Weg zurück nach Oberschwaben. Er wurde Leiter der früheren Polizeidirektion Ravensburg, danach stellvertretender Leiter des Polizeipräsidiums Konstanz und dann Polizeipräsident in Ravensburg.
Nun geht Uwe Stürmer in den Ruhestand. Dass er beliebt war, zeigte sich bei seiner offiziellen Verabschiedung. Da stand viel Herzlichkeit im Raum, viel Anerkennung, viel Lob und auch viel Humor. Und es gab Standing Ovations. Und eine seiner Mitarbeiterinnen sagte im Vorfeld: "Wir sind alle traurig, dass er geht."