Traditionsunternehmen aus Radolfzell

Feinripp vom Bodensee: Unterwäsche-Firma Schiesser wird 150 Jahre alt

Fast jeder kennt sie, viele tragen sie: Unterwäsche der Firma Schiesser. In diesen Tagen wird die Firma 150 Jahre alt. Eine Geschichte von Erfolg, Niedergang und Rettung.

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Von Autor/in Bernhard Hentschel

Feinripp vom Bodensee: Seit 150 Jahren gibt es die Firma Schiesser. Noch immer ist Radolfzell (Kreis Konstanz) der Firmensitz. Dort gründete Jacques Schiesser, ein findiger Unternehmer aus der Schweiz, 1875 eine Fabrik für die Produktion von Unterwäsche. Womöglich war die Wahl des Standorts der Initiative eines klugen Dienstmädchens zu verdanken.

Dienstmädchen hat entscheidende Idee

In der aktuellen Chronik der Stadt Radolfzell steht jedenfalls zu lesen, dass das junge Ehepaar Schiesser, das im Kanton Thurgau eine kleine Buntweberei betrieb, über eine mögliche Verlagerung ihres Kleinbetriebes ins Ausland nachdachte. Eigentlich wollten sie sich in Königsberg ansiedeln. Doch ihr Dienstmädchen Adelheid Hiller, eine junge Radolfzellerin, schlug ihrer Herrschaft vor, sie möge doch einmal nach Radolfzell kommen. Die Not in ihrem Heimatstädtchen wäre groß. Deshalb würden die Ratsherren der Stadt Schiesser sicherlich mit offenen Armen empfangen.

Porträt des Schweizer Firmengründers Jacques Schiesser
Schweizer Firmengründer Jacques Schiesser

Radolfzell am Bodensee war damals eine badische Provinzstadt in Nachbarschaft des Kantons Thurgau. Warum also sollte Schiesser dort überhaupt eine Fabrik gründen? Ganz einfach, erläutert Rüdiger Specht, Leiter des Stadtmuseums Radolfzell. Die Stadt lag auf deutschem Boden. Das Deutsche Reich habe damals versucht, seine entstehende Industrie durch hohe Importzölle zu schützen: "Und wer diesen Markt in Deutschland erobern wollte, der schaute nach einer Möglichkeit, in den Grenzen des Deutschen Reiches zu produzieren." 

Schiesser feiert mit Unterwäsche Erfolge

Das frisch gegründete Unternehmen war erfolgreich und wuchs rasant. Schiesser-Unterwäsche war in kurzer Zeit in ganz Deutschland bekannt. Die Firma produzierte sogenannte "Abhärtungswäsche". Etliche Mediziner waren damals überzeugt, dass kratzige Wäsche die Durchblutung fördere, Schwitzen vermindere und die Haut kräftige. Schiesser war innovativ. Für seine diversen Patente erhielt er auf der Pariser Weltausstellung im Jahr 1900 einen Preis. Nach dem Tod des Firmengründers stellten seine Erben dann 1923 eine weitere Erfindung vor, die bis heute mit dem Namen Schiesser verbunden ist: Feinripp.

Radolfzell wurde von einer ländlichen Kleinstadt zur gründerzeitlichen Industriestadt

Der Aufstieg von Schiessers Trikotagenfabrik veränderte das Leben in dem Bodenseestädtchen Radolfzell enorm, erläutert Museumsleiter Specht: "Innerhalb von dreißig Jahren wurde Radolfzell von einer ländlichen, von Landwirtschaft geprägten, Kleinstadt zur gründerzeitlichen Industriestadt." Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte das Unternehmen eine Hochphase. Für Schiesser arbeiteten zeitweise rund 4.000 Menschen am Bodensee.

1929 wirbt Schiesser für Feinripp-Unterwäsche
Traditionelles Feinripp und Pfeife. Werbefoto der Firma Schiesser von 1929

Die häufig als bieder belächelte Marke verbreitete bisweilen sogar einen Hauch von Eleganz: "Schiesser ist modisch", heißt es in einem Werbespot in Schwarz-Weiß aus der Zeit der jungen Bundesrepublik. Auch in Ostdeutschland wurde Schiesser getragen, wenn auch nicht unter diesem Namen: Das Unternehmen hatte Ende der 1980er Jahre die Lizenz zur Produktion von Schiesser-Wäsche in die DDR vergeben.

Unterwäsche-Marke droht das Ende

Doch dann geriet das Traditionsunternehmen in Turbulenzen: Rote Zahlen, Stellenstreichungen, Proteste. 2009 schließlich die Insolvenz. Aber die Sanierung gelang, und es ging wieder bergauf. 2011 machte Schiesser Schlagzeilen, weil der Potsdamer Modemacher Wolfgang Joop als Berater und Kreativdirektor dem Unternehmen zur Seite stehen sollte. Daraus wurde jedoch nichts. Kurz darauf übernahm der israelische Konzern Delta Galil den Wäschehersteller vom Bodensee.

Schiesser-Chefin bekennt sich zu Standort Radolfzell

Mittlerweile schreibt Schiesser wieder schwarze Zahlen. Die Produktion wurde zwar nach Tschechien verlagert. Aber rund ein Drittel der insgesamt 1.500 Beschäftigten arbeitet am Firmensitz in Radolfzell. Und das soll auch so bleiben, sagt Sonja Balodis, die heutige Schiesser-Geschäftsführerin: "Ich finde es fantastisch, dass wir hier - genau dort, wo das Unternehmen gegründet wurde - nach wie vor aktiv sind. Und das soll auch so bleiben!"

Erstmals publiziert am
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Autor/in
Bernhard Hentschel
SWR-Redakteur Bernhard Hentschel Autor Bild

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