Am Flugplatz Hilzingen-Binningen im Landkreis Konstanz werden derzeit 32 Waldrappküken von Hand aufgezogen. Doch in diesem Jahr gibt es eine Neuerung. Denn eine chinesische Doktorandin der Beijing Forestry University ist in diesem Jahr Teil des Waldrappteams und führt Verhaltensexperimente mit den Tieren durch.
Im Ruhezelt zeigt sich der Charakter
Die Wissenschaftlerin Yun Zhu hat ein blaues Zelt neben dem Aufzuchtwagen der Tiere aufgebaut. Sie erklärt dem SWR ihr Experiment: "Wir bringen die Vögel zuerst in das Zelt. Da gibt es keine Geräusche und keine anderen Vögel. Die Umgebung ist ganz ruhig. Der Vogel kann sich umschauen, ganz wie er will. Wir nehmen das mit einer Kamera auf und können so genau verfolgen, wie viele Sektoren der Vogel erkundet hat."
Nach vier Minuten wird der Vogel wieder von der menschlichen Ziehmutter abgeholt und zu den anderen zurückgebracht. "Die sind dann immer ganz aufgeregt und freuen sich uns zu sehen", so Ziehmutter Eszter Bajka.
Wer hat bei den Waldrappen das Sagen?
Die chinesische Wissenschaftlerin will nun systematisch untersuchen, was die beiden menschlichen Ziehmütter täglich beobachten: Waldrappküken unterscheiden sich deutlich in ihrem Verhalten – ähnlich wie Menschen. "Es gibt ein paar, die sind mutiger und wollen mehr Kontakt mit uns", beobachtet Ziehmutter Fabienne Tilg. "Ein paar sind zurückhaltender und machen lieber ihr eigenes Ding. Da sind ganz unterschiedliche Charaktere dabei."
Die Hypothese von Yun Zhu: Die Vögel, die ihre Umgebung erkunden, sind später die Vögel, die in der V-Formation vorne und an den Enden fliegen werden. Das will sie überprüfen.
Rangordnung und Verhalten im Vogelzug
In einer zweiten Phase will die Wissenschaftlerin beobachten, wie die Tiere ihre Rangordnung ausmachen. Dafür beobachtet sie die Vögel aus einem Zelt heraus, wenn diese das Nest verlassen haben und sich in der Voliere vor dem Aufzuchtwagen aufhalten.
In einem dritten Experiment analysiert sie, wie die Vögel sich im Vogelzug verhalten. Alle Waldrappküken werden später mit einem Sender ausgestattet. Durch die Analyse der Senderdaten kann sie später sehen, welcher Vogel an welcher Stelle in der V-Formation geflogen ist. Somit kann sie überprüfen, ob ihre Annahmen über die Charaktereigenschaften der Tiere richtig waren.
Für Projektleiter Johannes Fritz ist die Forschungsarbeit ein Glücksfall. Die Ergebnisse könnten dem Waldrappteam künftig nutzen, so Fritz.
Die Forschung ist spannend. Jedes Forschungsergebnis hat letztlich einen Nutzen und kann einfließen in das Artenschutzprojekt.