Wo Klosen-Sänger zum Brand ausrücken

Miteinander und Brauchtum: Was man von diesem Ort in BW lernen kann

Wangen im Allgäu hält an alten Traditionen und einem Miteinander fest. Selbst die Vereine haben viel Zulauf. Wie funktioniert das?

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Jedes Jahr, am Abend vor Nikolaus, ziehen sie durch die Gassen von Wangen im Allgäu: eine geheimnisvolle Gruppe von Männern in schwarzen Mänteln, mit ernsten Gesichter und mit alten Gesängen. Die Klosen-Sänger. Ein Brauchtum, das hier seit über 700 Jahren lebt - während in vielen anderen Städten Traditionen wie diese längst verschwunden ist.

"Nikolai festo, seculorum, seculam, seculorum… steck’s in den Sack!" Auf Deutsch:
"Zum Fest des Nikolaus, für alle Zeiten, immerdar..." Was folkloristisch klingt, meint dann doch ziemlich handfest: Steck das Geld in den Sack. Denn die Klosen-Sänger sammeln Geld für Familien in Not. Ehrenamtlich. Jedes Jahr. Ohne großes Tamtam.

Jung und alt bei Klosen-Sängern
Groß und klein sind in Wangen bei den Klosen-Sänger aktiv und sammeln Geld für Familien in Not.

700 Jahre altes Brauchtum: Klosen-Sänger sammeln für Familien in Not

Organisiert wird das Ganze von Stephan Wiltsche. Während sie durch Wangen laufen, verschwinden plötzlich einige der Klosen-Sänger. Viele sind nämlich auch Feuerwehrleute. Und das merkt man dann sofort: "Wir hatten gerade vorhin einen Einsatz. Da waren plötzlich Dreiviertel der Sänger weg", sagt er. "Wenn Sankt Florian ruft, muss Sankt Nikolaus weichen."

Wenn Sankt Florian ruft, muss Sankt Nikolaus weichen.

Was auffällt: Jung und alt stehen hier nebeneinander. Nachwuchssorgen? Fehlanzeige. "Das gibt den Menschen ein Stück Heimat", sagt einer der Sänger. "Und das ist mir brutal wichtig."

Klosen-Sänger Stephan Wiltsche
Klosen-Sänger Stephan Wiltsche organisiert das traditionelle Singen in Wangen.


Ein anderer ergänzt: "Brauchtum ist dafür da, dass Menschen in Krisen zusammenstehen - und nicht jeder nur auf sich selbst schaut." Der Brauch ist nie verschwunden. Er wurde auch nicht museal konserviert, sondern aktiv weitergegeben. Der Hut geht wieder herum. Für Familien, die Unterstützung brauchen.
"Das bewegt einen einfach", sagt eine Passantin. "Diese Mischung aus jungen und alten Burschen - das schafft ein Wir-Gefühl."

Tatort-Star lebt in Wangen - und schätzt das Zusammengehörigkeitsgefühl

Unter anderem dieses 'Wir-Gefühl' hat auch sie angezogen: Schauspielerin Christine Urspruch lebt in Wangen. Im Fernsehen steht sie für den "Münster-Tatort" vor der Kamera - hier zeigt sie seit 18 Jahren Kunst aus der Region. Nicht in Berlin, nicht in München, sondern in Wangen. "In Wangen bleibt man hangen", sagt sie lachend. Vieles sei hier noch intakt und ursprünglich. "Es gibt dieses starke Zusammengehörigkeitsgefühl. Man kann hier sehr individuell sein - und trotzdem gemeinsam etwas machen."

Tatort-Star Christine Urspruch
Tatort-Star Christine Urspruch lebt in Wangen und betreibt dort eine Kunstgalerie.

Während in vielen Teilen Baden-Württembergs Vereine überaltert sind und Ehrenamtliche fehlen, scheint Wangen ein Gegenmodell zu sein. So verfügt die Feuerwehr bei rund 28.000 Einwohnern über rund 300 aktive Einsatzkräfte plus Jugendfeuerwehr und Altersabteilung. 18.400 Menschen sind in Wangen in Sportvereinen aktiv - ein Strukturmix, der zeigt, dass Ehrenamt nicht nur von Älteren getragen wird, sondern auffällig viele jüngere und aktive Ehrenamtliche anzieht.

Zusammenhalt stärkt Wirtschaft und Staat

Wangen ist stark vom Tourismus geprägt und wirtschaftlich gibt es nach Angaben der Stadt keine großen Probleme. Eine aktuelle Studie des Roman-Herzog-Instituts zeigt: Gesellschaftlicher Zusammenhalt und wirtschaftlicher Erfolg sind keine getrennten Phänomene, sondern hängen eng miteinander zusammen. Je stärker eine Gesellschaft zusammenhält, desto wahrscheinlicher ist es demnach auch, dass die Wirtschaft läuft und der Staat funktioniert. Umgekehrt bedeutet das aber auch: Eine gespaltene Gesellschaft kann zur Folge haben, dass die Stabilität des Staates abnimmt und die Wirtschaftskraft schwindet.

Das Ehrenamt ist essenziell für unsere Demokratie und unser Gemeinwesen.

Muhterem Aras (Grüne), Landtagspräsidentin von Baden-Württemberg, zu Gast bei der SWR-Sendung "Zur Sache vor Ort" in Wangen im Allgäu.
Muhterem Aras (Grüne), Landtagspräsidentin von Baden-Württemberg, zu Gast bei der SWR-Sendung "Zur Sache vor Ort" in Wangen im Allgäu.

Kommt die Ehrenamtskarte für Wangen?

Ein weiterer Baustein für ein stabiles Miteinander ist das Ehrenamt. In der SWR-Sendung "Zur Sache Baden-Württemberg", die live aus Wangen übertragen wurde, bekräftigte auch Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne), wie wichtig das Ehrenamt sei. "Dem Land und dem Landtag ist das Ehrenamt wirklich wichtig. Es ist essenziell für unsere Demokratie und unser Gemeinwesen." Sie erinnerte noch einmal daran, dass man das Engagement mit der in diesem Jahr eingeführten Ehrenamtskarte würdigen könnte. Oberbürgermeister Michael Lang (parteilos) erklärte, dass die Entscheidung über die Einführung der Ehrenamtskarte dort noch diskutiert werde. Offenbar besteht die Sorge, dass sich das Land aus der Förderung zurückziehen könnte.

Brauchtum und Tradition als Gegenentwurf zum schnellen Alltag

Dabei sind Vereine wie die Klosen-Sänger so wichtig. Sie tragen ein Gemeinschaftsgefühl nach außen. Die Klosen-Sänger sind inzwischen am Rathaus angekommen. Oberbürgermeister Michael Lang bekommt gegen Ende des Rundgangs sein traditionelles Ständchen. "Sie sind ein Ausschnitt der Gemeinschaft einer ganzen Stadt", sagt er. Warum das wichtig ist? "Weil sich gerade sehr viel sehr schnell verändert. Und dann tut es gut, wenn es Dinge gibt, die jedes Jahr gleich sind."

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Autor/in
Natalie Meyer
Natalie Meyer ist Teil des Teams von "Zur Sache! Baden-Württemberg".
Sebastian Schley
Sebastian Schley ist Teil des Teams von "Zur Sache! Baden-Württemberg".

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