In der Gorilla-Gruppe des Zoo Basel gab es vergangene Woche innerhalb eines Tages zwei Todesfälle. Nach Bissen des 14-jährigen Silberrückens Yeba musste das elfjährige Gorilla-Männchen Mobali eingeschläfert werden. Am gleichen Tag starb ein vier Tage altes Jungtier - ebenfalls durch einen tödlichen Biss von Yeba. Der Vorfall verdeutliche die hohe Komplexität sozialer Strukturen und Beziehungen innerhalb von Gorillagruppen, so der Zoo Basel. Als Silberrücken werden erwachsene männliche Gorillas bezeichnet, weil ihr Fell auf dem Rücken silbrig-grau ist. Yeba ist der Anführer der Gorilla-Gruppe im Zoo Basel.
Wie ist das Verhalten des Silberrückens einzuordnen?
Der Gorilla Species Survival Plan (SSP) unterstützt 51 US-amerikanische Zoos bei der Betreuung ihrer Gorillas. Kristen Lukas ist Vorsitzende des Gorilla SSP der Association of Zoos and Aquariums (AZA). Auf Anfrage des SWR berichtet Lukas, sie sei mit der Situation der Gorillas um den Silberrücken Yeba im Zoo Basel nicht vertraut und könne sich daher nur allgemein zu den vom Gorilla SSP empfohlenen Vorgehensweisen für den Umgang mit männlichen Gorillas äußern.
"Grundsätzlich empfiehlt das Gorilla SSP nicht, dass Silberrücken die Führung in gemischtgeschlechtlichen Gruppen übernehmen, bevor sie ein Alter von etwa 20 Jahren erreicht haben", sagt Lukas. Diese Empfehlung basiere auf Forschungsergebnissen, die darauf hindeuten, dass Silberrücken hormonell und in Bezug auf ihr Verhalten erst dann reif genug seien, eine Gruppe zu führen, wenn sie ihre Phase mit hohem Testosteronspiegel hinter sich hätten. Diese Phase trete in der Regel im Alter zwischen 14 und 20 Jahren auf, so Lukas.
Tödlicher Biss in Genitalbereich Silberrücken tötet zwei Gorillas im Basler Zoo
In der Gorillagruppe des Basler Zoos sind am Dienstag zwei jüngere Affen zu Tode gekommen. Beide Gorillas starben, nachdem der Silberrücken Yeba sie gebissen hatte.
Gorilla-Männchen im Basler Zoo laut Expertin zu jung als Anführer
Die Tierverhaltensforscherin erklärt außerdem, dass Silberrücken im Alter von 14 bis 20 Jahren aggressiver seien als ihre älteren Artgenossen. "Junge Silberrücken zeigen häufig aggressive Verhaltensweisen wie Schlagen, Treten oder Beißen, die absichtlich oder unabsichtlich zu Verletzungen bei Familienmitgliedern führen können", so Lukas. Im natürlichen Lebensraum würden wildlebende Flachlandgorrillas meist erst im Alter von 18 Jahren oder älter eine Gruppe anführen.
Junge Silberrücken zeigen häufig aggressive Verhaltensweisen wie Schlagen, Treten oder Beißen, die absichtlich oder unabsichtlich zu Verletzungen bei Familienmitgliedern führen können.
Wie häufig kommen schwere Verletzungen in Gorillagruppen vor?
Schwere Verletzungen seien bei in Zoos gehaltenen Gorillas relativ selten, erläutert die Tierverhaltensforscherin. "Weniger als zwei Prozent der in gemischtgeschlechtlichen Gruppen beobachteten Verletzungen werden als schwerwiegend eingestuft", so Lukas.
Gibt es ähnliche Verhaltensweisen auch in der freien Wildbahn?
"Kindermord ist eine Fortpflanzungsstrategie, die bei erwachsenen männlichen Gorillas beobachtet wird, jedoch häufiger in freier Wildbahn und gegenüber nicht verwandten Jungtieren neu erworbener Weibchen auftritt", erklärt Lukas. Der Tierverhaltensforscherin zufolge ist es wichtig, diese sozialen Strukturen der Gorillas zu berücksichtigen, wenn neue Silberrücken eine Gruppe mit Weibchen und nicht verwandten Nachkommen anführen sollen.
Welche Rolle spielt die Zoohaltung der Gorillas?
Ulrike Beckmann vom Jane Goodall Institut Deutschland betont, dass Menschenaffen in Zoos heute meist keine Wildfänge mehr seien, sondern eine Nachzucht in erster oder zweiter Generation. "Grundsätzlich haben Menschenaffen verglichen mit uns Menschen eine sehr lange Jugend. Wie wir müssen sie unter anderem das komplizierte Sozialverhalten in der Gruppe über Jahre erlernen", erklärt Beckmann. In einer zusammengestellten Zoogruppe seien die Bedingungen, um dieses Sozialverhalten zu erwerben, nicht mit jenen in der freien Wildbahn vergleichbar.
Deshalb könne man das Verhalten von Menschenaffen im Zoo heute nur bedingt mit dem natürlichen Verhalten der Tiere in ihren ursprünglichen Lebensräumen vergleichen und auch nicht immer mit diesem erklären, so Beckmann.