Vor allem Einfallsreichtum und Kreativität sind gefragt, wenn ein verletzter Mensch schnell aus einer Wohnung gerettet werden muss, die alles andere als leicht zugänglich ist. Für Feuerwehr und Rettungsdienst beginnt dann ein Wettlauf gegen die Zeit: Enge Altbauten, verwinkelte Treppenhäuser, zugeparkte Straßen oder besondere medizinische Anforderungen können Einsätze erheblich erschweren - und im Extremfall sogar den Einsatz von Kränen notwendig machen.
Warum Rettungen immer häufiger kompliziert sind
Die Feuerwehren in der Region Heilbronn-Franken beobachten seit Jahren eine Entwicklung: Klassische Menschenrettungen bei Bränden werden seltener, erklärt Armin Klingenbeck, Kommandant der Feuerwehr Crailsheim (Kreis Schwäbisch Hall). "Die meisten können das Gebäude noch vor Eintreffen der Feuerwehr verlassen", sagt er. Ein wesentlicher Grund dafür sei die flächendeckende Einführung von Rauchmeldern.
Anders sehe es aber bei der technischen Unterstützung aus. Hier müssten Feuerwehren immer häufiger ausrücken. Und oft gehe es nicht um die eigentliche medizinische Versorgung, sondern um die Frage, wie ein Mensch möglichst schnell und schonend aus einem Gebäude zum Rettungswagen gebracht werden kann.
Feuerwehr: "Altbauten sorgen regelmäßig für Probleme"
Besonders anspruchsvoll seien Rettungen aus älteren Gebäuden, berichtet Thomas Blösch, stellvertretender Kreisbrandmeister im Landkreis Heilbronn und Kommandant der Feuerwehr Eppingen (Kreis Heilbronn). Während moderne Hochhäuser über großzügige Treppenräume, Rettungswege und entsprechend dimensionierte Aufzüge verfügen, sehe die Realität anders aus.
Bei Altbauten in Altstädten, die es ja in verschiedenen Gemeinden im Landkreis Heilbronn gibt, ist es meistens so, dass man sich dort viel einfallen lassen muss, um Personen retten zu können.
Manche Gebäude stammen aus Zeiten, in denen die heutigen Anforderungen an Rettungswege noch nicht existierten - mit verwinkelten Treppenhäuser und schmalen Türen oder engen Innenhöfen. Häufig gehe es um ältere Patientinnen und Patienten, die zu Hause und nicht in einem Pflegeheim versorgt werden. Sie leben oftmals in ihrer ursprünglichen Wohnsituation, die einen Transport erschweren kann.
Wenn die Drehleiter zur schonendsten Lösung wird
Kann ein verletzter oder pflegebedürftiger Patient nicht sicher über das Treppenhaus transportiert werden, komme häufig die Drehleiter zum Einsatz. Über Fenster oder Balkone können Patientinnen und Patienten dann direkt "auf Bodenniveau" gebracht werden, so Blösch. Besonders wichtig sei das bei Menschen mit schweren Verletzungen.
Der Feuerwehrkommandant erinnert sich an eine Patientin, die nach einem Sturz aus dem dritten Obergeschoss gerettet werden musste. Wegen schwerer Rückenverletzungen wurde sie in einer speziellen Vakuummatratze stabilisiert und anschließend besonders vorsichtig mit der Drehleiter nach unten transportiert. Teilweise kommen auch Rettungskörbe zum Einsatz, wie im Februar in Heilbronn, als ein Bauarbeiter aus 40 Metern Höhe abstürzte.
Solche Einsätze zeigen, dass nicht nur das Gewicht einer Patientin oder eines Patienten eine Rolle spielt. Manchmal aber sehr wohl. Denn ab 150 Kilogramm stößt eine Drehleiter an ihre Grenzen - dann müssten Speziallösungen her, heißt es. In der Regel wird dann die Feuerwehr Heilbronn angefordert, die mit einem Kran anrückt. So geschehen Anfang Juli in Untergruppenbach (Kreis Heilbronn).
Mehrere tausend Euro zusätzlich für Einsätze
"Kein alltäglicher Einsatz", sagt der Heilbronner Feuerwehrsprecher Jürgen Vogt. In den vergangenen Monaten kam es im Raum Heilbronn dennoch etwa vier bis fünf Mal vor, schätzt er. Manchmal müsse sogar ein Loch in die Wand geschlagen werden. Auch die Statik stelle oft ein Problem dar. Besonders ältere Holztreppen halten keine zehn Feuerwehrleute aus, die eine Person mit 160 Kilogramm heruntertragen.
Es kam schon vor, dass ein Fenster mit einem Presslufthammer vergrößert wurde. Solche Fälle sind aber sehr selten.
Zugeparkte Straßen kosten wertvolle Zeit
Wie gravierend Hindernisse und bauliche Herausforderungen sein können, erlebt auch die Feuerwehr Schwäbisch Hall regelmäßig. Kommandant Sven Kipphardt nennt vor allem falsch geparkte Fahrzeuge als Problem. Schon wenige Zentimeter könnten darüber entscheiden, ob eine Drehleiter rechtzeitig zum Einsatzort gelangt.
"Wie man sich auch als Laie vorstellen kann, verzögert jede weitere Maßnahme den Einsatzerfolg", sagt Kipphardt. Besonders kritisch werde es, wenn Feuerwehrzufahrten blockiert seien. Dann gehe es nicht nur um Parksünden, sondern im schlimmsten Fall um Menschenleben. Mehrmals im Jahr gibt es deshalb beispielsweise in Heilbronn Kontrollfahrten - auch um die Bevölkerung zu sensibilisieren.
Städte und Feuerwehr warnen Falschparken kann Leben kosten: Wenn blockierte Straßen Rettungskräfte stoppen
Falsch abgestellte Autos behindern Rettungskräfte, erhöhen das Unfallrisiko und kosten im Ernstfall Zeit. Städte wie Crailsheim warnen deshalb: Falschparken kann Leben gefährden.
Die Belastung für Feuerwehren wächst
Nach Einschätzung von Feuerwehrkommandant Armin Klingenbeck steigt die Zahl herausfordernder Einsätze kontinuierlich. Aber "Improvisationsfähigkeit ist ein Kernelement der Feuerwehrarbeit", sagt er. Bislang habe man für die unterschiedlichsten Situationen immer Lösungen gefunden.
Das zeigt auch ein Einsatz in Schwäbisch Hall, der Sven Kipphardt in Erinnerung geblieben ist. In einem "örtlichen Etablissement" hatte ein technischer Defekt an einem Schloss dazu geführt, dass ein Kunde "länger als geplant festsaß". Die Feuerwehr rückte mit technischem Gerät an und befreite den Mann aus seiner misslichen Lage - "mit Fingerspitzengefühl, professioneller Zurückhaltung und dem einen oder anderen unterdrückten Schmunzeln", erinnert sich Kipphardt.
Nicht jeder Einsatz endet dramatisch. Manche bleiben eben aus ganz anderen Gründen im Gedächtnis. Dennoch stünde für die Einsatzkräfte vor allem der Mensch im Mittelpunkt, so Kommandant Thomas Blösch: "Wenn man Rettungen durchführt, geht es den Menschen meistens nicht gut. Das ist auch nicht ganz einfach für uns Einsatzkräfte" - doch bleibe immer der Anspruch, den Betroffenen bestmöglich zu helfen.