Wer in der Zeit um Weihnachten und Neujahr bei der Telefonseelsorge anrufen möchte, der wird es mehr als einmal versuchen müssen. Während die einen beim Festtagsbraten zu Hause feiern, sind Ehrenamtliche der Telefonseelsorge Nord-Württemberg in Heilbronn den ganzen Tag und die ganze Nacht im Einsatz. Die Helferinnen und Helfer sind jetzt besonders oft gefordert. Nicht nur Trauer spielt in diesen Tagen eine Rolle. So manch ein Anrufer und manche Anruferin ist auch einfach nur wütend, sagt Astrid Barnowsky, Leiterin der Telefonseelsorge.
Denn die Weihnachtszeit macht es für so manchen besonders schwer. Nach außen hin sehen viele das Bild eines harmonischen Fests, einer heilen Welt, so Barnowsky. Das prallt dann auf die eigenen schmerzhaften Gefühle. Das ist der Moment, in denen bei vielen die Wut hochkommt, eine Gefühl von Ungerechtigkeit.
Über 30 Mal am Tag klingelt das Telefon
Rund 12.000 Anrufe gehen jährlich bei der Telefonseelsorge alleine in Heilbronn ein, sagt Leiterin Astrid Barnowsky. Der Großteil, nämlich rund drei Viertel der Anrufe, kommt von Frauen. Das häufigste Thema ist Einsamkeit, das verbindet auch beide Geschlechter. Abgesehen davon berichten Frauen häufiger von Beziehungsproblemen, bei den Männern geht es häufiger um psychische Belastungen und Erkrankungen.
Gefühl von Ungerechtigkeit sorgt für Wut - gerade zu Weihnachten
Hohe Mieten, steigende Preise, das Gefühl, vom Staat im Stich gelassen zu werden: Auch das sind einige Beispiele, was die Anruferinnen und Anrufer als ungerecht empfinden, so Barnowsky. Bei Erkrankungen stellen sich viele die Frage: Warum dauert es so lange, einen Termin beim Facharzt zu bekommen? Oder einen Termin für ein MRT?
Die Anrufer fragen sich: Kann ich das alles überhaupt schaffen? Woher soll ich die Kraft nehmen?
Manche würden dann in eine Art Kampfmodus übergehen: Zähne zusammenbeißen und durch. Doch irgendwann sei die Kraft dafür weg. Das seien die Momente, in denen die Menschen häufig zum Hörer greifen und bei der Telefonseelsorge anrufen.
Die Zukunft: Von der Telefonseelsorge zur Chatseelsorge
Sehr oft greifen Hilfesuchende mittlerweile auch zur Tastatur. Die Nachfrage nach einem textbasierten Angebot per Chat oder auch Email steigt vor allem bei den Menschen unter 35, bemerkt Barnowsky. Sie sieht hier auch Vorteile: Die Hemmschwelle für einen Chat sei deutlich geringer. Gerade bei Menschen, die sich im Gespräch vielleicht schwer tun, Worte für die eigenen Gefühle zu finden.
Ob dann so mancher in Zukunft seine Sorgen auch einfach mit einer KI wie ChatGPT teilt? Dafür sei der echte zwischenmenschliche Kontakt noch zu wichtig, ist sich Barnowsky sicher. Denn es zeigt sich: Auch wenn es 105 Dienststellen deutschlandweit gibt - der Bedarf ist sogar noch größer geworden.