Als Aurelia Lamprecht aus Baden-Baden vor eineinhalb Jahren bei einer kosmetischen Behandlung gefragt wird, ob sie sich online prostituiere, verliert sie den Boden unter den Füßen. Ihr wird heiß und übel. Sie bricht den Termin sofort ab.
Zuhause fängt sie direkt an, sich zu googeln und findet unzählige Nacktbilder. Ihr nackter Körper - scheinbar ihr Körper - taucht direkt bei Google Bilder auf. Zugänglich für jeden. Die Angst, wer das alles gesehen haben könnte, war riesig: "Ich hab‘ mich irgendwie vor mir selbst geekelt."
Aurelia Lamprecht wurde vor sechs Jahren in einer Fernsehsendung bekannt: "Love Island". Als sie auf ihre vermeintlichen Nacktaufnahmen angesprochen wird, behält sie es wochenlang für sich. Die Scham und der Ekel sind zu groß. Sie fragt sich, ob sie Schuld hat. Ob sie irgendwas falsch gemacht hat. "Was eigentlich niemals sein dürfte", beschreibt sie rückblickend.
Digitale Gewalt: Was sind körperliche und psychische Folgen?
Betroffene erleben digitale Gewalt, als hätten sie sie in der analogen Welt erlebt, so Ronja Scheu vom Frauennotruf Worms: "Es sieht echt aus und so erlebe ich das auch." Somit hätten sie mit denselben Folgen zu kämpfen: Zu diesen gehören Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen.
Den Zustand von Aurelia Lamprecht und anderen Betroffenen von Deepfakes beschreibt Ronja Scheu mit einer bleibenden Betroffenheit: "Die Gewalt ist nie wirklich vorbei." Das führe zu permanentem Stresserleben. Sie seien in einer ständigen Alarmbereitschaft.
Welche Unterstützung und Hilfe gibt es für Deepfakes-Opfer?
Bei Fach- und Beratungsstellen wie dem Frauennotruf, HateAid und Weißer Ring können Betroffene vor Ort oder per Telefon unterstützt werden. Dort können Betroffene individuell entscheiden, welche Schritte für sie die richtigen sind. Rund um die Uhr können Betroffene auch kostenlos und anonym beim Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen unter der 116016 anrufen.
Ronja Scheu betont, wie wichtig es sei, das Gespräch zu suchen: "Wenn Betroffene darüber sprechen, dann haben sie das Gefühl, sie sind nicht mehr allein damit und sie tragen die Last nicht allein." Aurelia Lamprecht wusste damals nicht von diesen Anlaufstellen.
Deepfakes: Zwischen Angst und Verharmlosung
Später stellt sich raus, auch Aurelia Lamprechts Freundinnen - die ebenso in der Öffentlichkeit stehen - sind betroffen von sexualisierten Deepfakes. Und doch habe damals niemand darüber gesprochen, sagt sie. Das gehöre halt dazu. Sie solle bloß nicht offen damit umgehen, das schüre nur umso mehr Aufmerksamkeit.
Irgendwann hält Aurelia Lamprecht es nicht mehr aus. Sie will endlich klarstellen, dass sie das nicht ist auf diesen Fotos und Videos. Sie entscheidet sich, auf Instagram offen über die Deepfakes zu sprechen. Knapp ein Jahr ist das jetzt her.
Gibt es Gesetze gegen Deepfakes?
Aurelia Lamprecht will Anzeige erstatten - auch das wird ihr ausgeredet. Es bringe ohnehin nichts. In den meisten Fällen wie ihrem werden Anzeigen fallen gelassen. Der mit einer Anzeige verbundene Prozess kann zudem zusätzlich belastend sein.
Für die Statistik und den Druck auf die Regierung ist eine Anzeige trotzdem sinnvoll. Der Fall von Collien Fernandes hat Lücken im deutschen Strafrecht aufgezeigt. Über zehn Jahre wurden sexualisierte Deepfakes von ihr verbreitet.
Das soll sich ändern: Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) hat im April einen Gesetzentwurf vorgestellt, der unter anderem das Erstellen pornografischer Deepfakes unter Strafe bringen soll. Bis zu zwei Jahre Haft wären dann möglich. Bis das neue Gesetz in Kraft tritt, dürfte es aber noch Monate dauern.
Deepfakes melden und löschen - Wie KI helfen kann
Innerhalb des letzten Jahres wurden rund 7.800 Links zu sexualisierten Deepfakes von Aurelia Lamprecht veröffentlicht. Jeden einzelnen Link bei der Suchmaschine und der jeweiligen Plattform zu melden, wäre in ihrem Fall undenkbar gewesen.
Gegen das Problem hilft ihr eine Firma, die über einen Medienbericht auf ihre Geschichte aufmerksam wurde und ihr eine Anfrage zuschickte. Sie haben eine KI entwickelt, die solche Deepfakes findet und löscht. Mittlerweile unterstützen sie Aurelia Lamprecht seit einem Jahr. 100 Euro zahlt sie im Monat dafür, dass ihre Deepfakes gelöscht werden.
Zu wissen, dass die KI der Firma gegen die Deepfakes vorgeht, hilft ihr. Es gibt ihr ein Gefühl von Sicherheit zurück und Kontrolle. Dennoch bleibt da dieses Unbehagen. Das Problem sei nicht behoben. Bis heute weiß sie nicht, wer hinter den Deepfakes steckt. Sie googelt sich nach wie vor jeden Tag selbst.
Die Personen, die dahinterstecken machen das ja weiter… im Minutentakt.
Nach diesen Monaten der Ohnmacht und dem Gefühl, keine Kontrolle über die Situation zu haben, hat Aurelia Lamprecht eine Sportart gefunden, die ihr hilft, sich wieder stark zu fühlen. Drei Mal die Woche geht sie zum Kickbox-Training in Baden-Baden, um alles rauszulassen: die Wut, den Frust und die Verzweiflung.