Grete Schade (22), Moritz Weber (23) und Viktoria Czichy (24) studieren Medizin in Tübingen, Mannheim und Freiburg. Ihren Studienplatz haben sie über die Landarztquote bekommen, ein Programm, das dem Hausarztmangel in ländlichen Regionen entgegenwirken soll. Im Interview sprechen die drei über das Bewerbungsverfahren, das Studium und die Zukunft.
SWR Aktuell: Warum habt ihr euch über die Landarztquote für einen Medizinstudienplatz beworben?
Viktoria Czichy: Bei mir hat sich der Wunsch gefestigt, Medizin zu studieren, nachdem mein Papa an Krebs erkrankt ist. Die Ärzte haben ihm damals nur noch ein paar Monate gegeben, waren aber so toll, dass ich noch drei Jahre mit ihm hatte. Dafür war ich so dankbar und dachte mir: Ich will auch Menschen helfen und Zeit mit ihren Liebsten geben. Während meiner Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten an der Uniklinik habe ich gemerkt, dass dort wenig Zeit für den Menschen bleibt. Deshalb möchte ich später aufs Land gehen, denn da ist man am nächsten am Menschen dran. Da begleitet man seine Patienten jahrelang, teilweise bis ans Lebensende. Seit 2019 habe ich mich für ein Medizinstudium beworben, bin aber nicht reingekommen. 2024 habe ich dann von der Landarztquote erfahren und dachte, das passt ja perfekt.
Moritz Weber: Bei mir hat es ungefähr drei Jahre bis zum Medizinstudienplatz gedauert. Im normalen Bewerbungsverfahren wurde ich zweimal abgelehnt, weil meine Abiturnote zusammen mit dem Ergebnis des Medizinertests, einem Eignungstest, leider nicht ausgereicht hat. Deshalb habe ich angefangen, mich zu informieren, was noch möglich ist. Ich habe auch überlegt, im Ausland zu studieren. Letztendlich habe ich mich aber dagegen entschieden, weil ich gerne hierbleiben wollte. Per Zufall habe ich dann von der Landarztquote erfahren. Ich habe mich auch wirklich ein, zwei Jahre intensiv damit beschäftigt, bevor ich mich entschieden habe, das zu machen.
Die Landarztquote hat mir überhaupt erst die Möglichkeit gegeben, Medizin zu studieren.
Grete Schade: Nach dem Abitur und einem freiwilligen sozialen Jahr bin ich nicht ins Medizinstudium reingekommen. Ich habe es auch in Österreich noch versucht, aber da hat es auch nicht geklappt. Deshalb habe ich eine Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten angefangen. Dann habe ich von der Landarztquote erfahren. Ich glaube, das stand auf einer Informationswebsite über mögliche Wege ins Studium. Ich habe mich während meiner Ausbildung dafür beworben und einen Platz bekommen.
SWR Aktuell: Die Bewerbung über die Landarztquote unterscheidet sich etwas von der klassischen Studienplatzvergabe. Wie lief es bei euch ab?
Weber: Bei der Landarztquote ist die Abiturnote erstmal irrelevant. Dass die nicht ausreicht, ist ja das Hauptproblem von vielen jungen Leuten, die Medizin studieren wollen. Deswegen gibt es bei der Landarztquote ein Punktesystem, bei dem die menschliche Eignung und die berufliche Erfahrung zählen. Bei mir wurden der Medizinertest und ein Bundesfreiwilligendienst im Rettungsdienst angerechnet. Das hat gereicht, dass ich zum Auswahlgespräch eingeladen wurde. Das ist dann die zweite Stufe, da konnte man noch mal Punkte sammeln. Am Ende wird eine Rangliste erstellt und die mit den meisten Punkten bekommen die Studienplätze.
SWR Aktuell: Ihr studiert gemeinsam mit allen anderen Medizinstudierenden. Unterscheidet sich für euch etwas im Studium?
Schade: Im Studium ist eigentlich alles gleich. Wir dürfen auch ganz normal ein Auslandssemester machen oder eine Doktorarbeit schreiben. Aber im Nachhinein sind wir auf jeden Fall eingeschränkt. Wir müssen einen der Fachärzte Allgemeinmedizin, Kinder- und Jugendmedizin oder Innere Medizin machen. Und wir dürfen nicht einfach irgendwo arbeiten, sondern es ist festgelegt, dass es ein unterversorgtes Gebiet sein muss.
Weber: Wir belegen alle die gleichen Kurse. Unsere Dozenten und Dozentinnen wissen wahrscheinlich gar nicht, wer über welches Bewerbungsverfahren reingekommen ist. Das Einzige, was anders ist, dass ich die Regelstudienzeit einhalten sollte, damit ich so schnell wie möglich ausgebildet bin.
Czichy: Wir haben einen Gruppenchat mit allen Studienanfängern an der Uni. Da gab es am Anfang Nachrichten wie: "Die vom Landarztprogramm, die sollten gar nicht studieren". Dass das so abwertend aufgenommen wurde, hat mich überrascht. Dadurch hatte ich am Anfang ein bisschen Angst, das meinen Kommilitonen in der Kennenlernphase zu sagen. Aber um ehrlich zu sein: Ich bin stolz darauf, diesen Studienplatz zu haben und später als Landärztin zu arbeiten. Deshalb habe ich es dann erzählt und zum Glück keine negativen Reaktionen mehr mitbekommen. In Freiburg gibt es auch ein Programm für alle, die über die Landarztquote studieren. Wir treffen uns ab und zu und es gibt Vorträge, zum Beispiel von einem Landarzt. Wir stärken uns gegenseitig. Diesen Rückhalt haben andere nicht.
SWR Aktuell: Ihr habt euch verpflichtet, nach dem Studium eine Facharztausbildung im hausärztlichen Bereich zu machen und mindestens zehn Jahre lang in einem unterversorgten Gebiet zu arbeiten. Wie blickt ihr mit dieser Verantwortung in die Zukunft?
Schade: Natürlich dachte ich mir am Anfang, dass das schon eine starke Einschränkung ist. Aber ich habe auch meine Ausbildung in einer ländlich gelegenen Hausarztpraxis gemacht. Da hat es mir gefallen, dass die Patienten so verschieden waren. Deshalb kann ich mir auch vorstellen, das später selbst zu machen. Ich kann mir nicht vorstellen, für immer in der Klinik zu arbeiten - mit der Arbeitsbelastung und unter den Bedingungen. Ich muss dazu sagen, dass ich jetzt erst mit dem vorklinischen Abschnitt fertig bin. Das heißt, nächstes Semester beginnt der klinische Teil mit den ganzen Fachrichtungen. Es kann natürlich sein, dass ich da irgendwas anderes total interessant finde. Aber die Allgemeinmedizin ist sehr breit, sodass man von allen Fächern ein bisschen was hat.
Ich dachte mir am Anfang, dass das schon eine starke Einschränkung ist.
Weber: Da ich sowieso den Wunsch habe, später als Hausarzt tätig zu sein mit einer eigenen Praxis, ist für mich die Einschränkung der Fachrichtung mehr oder weniger irrelevant. Natürlich bleibt die Einschränkung des Ortes. Ich wurde schon häufiger gefragt, wie ich damit umgehe. Darauf antworte ich immer, dass ich das gerne in Kauf nehme, um meinen Traum des Arztwerdens ermöglichen zu können. Die Landarztquote hat mir überhaupt erst die Möglichkeit gegeben, Medizin zu studieren.
Czichy: Ohne die Landarztquote hat man mehr Möglichkeiten bei der Facharztausbildung. Das ist natürlich für jemanden, der zum Beispiel für die Orthopädie brennt, eher ein Hindernis. Ich glaube, dass die Leute, die sich bewerben, sich dessen aber bewusst sind. Mein ärztliches Praktikum habe ich bei einem Landarzt gemacht. Der hat mich gleich gefragt: "Wollen Sie meine Praxis übernehmen?" Ich dachte mir, das dauert noch zwölf Jahre, aber vielen Dank. Aber es war total toll dort. Die Menschen kannten sich gegenseitig, der Arzt kannte alle Familiengeschichten. So habe ich mir das vorgestellt und gewünscht.
Wo würdet ihr später am liebsten arbeiten? Hättet ihr ein Problem damit, wenn es nicht euer Wunschort wird?
Schade: Darüber habe ich mir noch nicht so viele Gedanken gemacht. Bis ich fertig bin, sind es noch drei Jahre Studium und ein praktisches Jahr. Dann kommt noch die Facharztausbildung, die fünf bis sechs Jahre dauert. Ich glaube, in der Zeit wird sich noch verändern, wo die unterversorgten Gebiete sind. Irgendwo im Großraum Stuttgart, Schwäbische Alb wäre schön, damit ich nicht weit weg von zu Hause muss. Aber sonst ist es auch okay.
Czichy: Ich komme aus Freiburg und fände es toll, in der Gegend zu bleiben. Aber wo genau ich arbeiten werde, ist mir eigentlich egal. Hauptsache, ich finde da einen Ort, der mir gefällt. Natürlich muss man sich vorher überlegen, ob man sich wirklich vorstellen kann, in ein unterversorgtes Gebiet zu gehen. Da hat man potenziell mehr Verantwortung und muss vor allem aus der Stadt wegziehen. Aber das möchte ich sowieso gerne, um wirklich den Menschen zu behandeln und nicht nur die Zahl und die Akte. Im Bewerbungsprozess wurde mir im Vorstellungsgespräch auch die Angst genommen, dass ich einfach irgendwo hingeschickt werde. Ich kann mich daran beteiligen, Vorschläge machen, das finde ich dann auch in Ordnung.
Ich möchte wirklich den Menschen behandeln und nicht nur die Zahl und die Akte.
Weber: Wir können Wunschorte angeben. Wir haben zwar nicht das letzte Wort, aber das Land, beziehungsweise das Regierungspräsidium, versucht dann eine Lösung zu finden, die für alle Beteiligten die beste ist. Aktuell sind die Gebiete um meine Heimat Karlsruhe herum alle eher schlecht versorgt. Wenn das so bleibt und ich in der Nähe bleiben möchte, ist das bestimmt möglich. Wenn zu dem Zeitpunkt hier gar kein Bedarf ist, sondern nur 200 Kilometer von hier, dann muss ich der Verpflichtung nachgehen. Das habe ich vertraglich unterschrieben, dann werde ich da hingehen.
Was ratet ihr anderen, die sich für die Landarztquote interessieren?
Weber: Ich würde auf jeden Fall raten, sich ausreichend damit zu beschäftigen. Es ist wichtig, dass den Leuten bewusst ist, dass die Landarztquote keine Abkürzung zum Medizinstudium ist, sondern auch eine Verpflichtung, beziehungsweise eine Berufung. Man sollte gut abwägen, ob das zu einem passt. Was ich gemacht habe und auch empfehlen kann: Ich war in Freiburg auf einer Messe, auf der die Landarztquote vorgestellt wurde. Vor Ort konnte ich mit Menschen sprechen und bekam noch ein paar Informationen, die ich online nicht finden konnte.
Czichy: Es ist egal, wie man an diesen Studienplatz gekommen ist. Wer über Hochschulstart nicht reingekommen ist und sich fragt, bin ich wirklich schlau genug dafür? Dem möchte ich sagen: Ja, bist du. Wenn man dafür brennt und wirklich diesen Weg gehen möchte, dann schafft man das auch.