Datenrecherche zum Hausarztmangel

Warum der Hausarztberuf Nachwuchs braucht

Viele Hausärzte in Baden-Württemberg stehen kurz vor dem Ruhestand. Nachwuchs fehlt, vor allem auf dem Land. Eine stärkere Allgemeinmedizin und neue Praxiskonzepte könnten helfen.

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Von Autor/in Stephanie Jauss, SWR Data Lab

Eigentlich ist Hausarzt John Lindquist mit 73 Jahren schon reif für den Ruhestand. Doch seit fünf Jahren findet er niemanden, der seine Praxis in Eberhardzell (Kreis Biberach) weiterführen möchte. Und das, obwohl seine Mitarbeiterin Sonja Gastel viel unternommen hat, um einen Nachfolger zu finden. 

Die Praxis ist eine von zwei Hausarztpraxen für gesetzlich Versicherte im 4.700-Einwohner-Ort. Wenn sie schließt, hätten rund 2.000 Patientinnen und Patienten keinen Hausarzt mehr. 

In zwei Dritteln des Landes fehlen Hausärztinnen und -ärzte

Wie viele Hausärztinnen und Hausärzte es geben soll, legt die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) fest. In der Planungsregion Biberach, zu der Eberhardzell gehört, lag der Versorgungsgrad zuletzt bei rund 96 Prozent. Das bedeutet: Auf dem Papier ist der Bedarf an Hausärzten nahezu gedeckt.

Der Versorgungsgrad berücksichtigt aber nicht, ob es innerhalb einer Region Orte wie Eberhardzell gibt, in denen die Versorgung schlecht ist oder bald werden könnte. 

Von den knapp über 100 Planungsregionen im Land sind etwa ein Drittel rechnerisch ausreichend oder sogar überversorgt. In zwei Dritteln gibt es zu wenige Hausärztinnen und Hausärzte. Vier davon haben sogar einen Versorgungsgrad von unter 75 Prozent und gelten damit rechnerisch als unterversorgt. 

Bei einem Versorgungsgrad von unter 75 Prozent prüft in Baden-Württemberg der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen, ob eine ausreichende Versorgung tatsächlich nicht mehr sichergestellt werden kann, und beschließt gegebenenfalls Maßnahmen.

Die vier betroffenen Regionen Vaihingen, Rottweil, Balingen und Backnang hält der Landesausschuss aktuell nicht für unterversorgt. Auf die Einstufung als unterversorgt könne verzichtet werden, wenn "sich in dem besagten Gebiet gerade viele Ärzte in Weiterbildung befinden […], weil eine oder mehrere Praxen eine Vergrößerung planen - oder weil bestimmte Förderungen demnächst greifen werden", schreibt die KVBW. 

Über 1.000 Hausarztsitze offen, Ruhestandswelle steht noch bevor 

Allerdings steigt die Anzahl nicht besetzter Hausarztsitze seit Jahren. Zuletzt war jeder siebte kassenärztliche Hausarztsitz in Baden-Württemberg nicht besetzt. 

Ein Grund dafür: Hausärztinnen und -ärzte sind besonders alt. In Baden-Württemberg sind knapp 2.700, über ein Drittel, 60 Jahre oder älter und gehen voraussichtlich in den nächsten Jahren in den Ruhestand. 

Die noch berufstätigen Hausärztinnen und -ärzte haben in Deutschland viel Arbeit. Laut einer Befragung für das Bundesgesundheitsministerium arbeiten mehr als 80 Prozent mindestens 45 Stunden in der Woche, ein Drittel sogar 60 Stunden oder mehr - deutlich mehr als in anderen europäischen Ländern. 

Eine Studie der Robert Bosch Stiftung und des Berliner IGES Instituts hat 2021 prognostiziert, dass bis 2035 deutschlandweit etwa 11.000 Hausärztinnen und -ärzte fehlen werden. Rund 40 Prozent aller Landkreise könnten dann unterversorgt sein, in Baden-Württemberg wären es 14 Kreise.

Das Problem: Für die älteren Hausärztinnen und -ärzte, die in den Ruhestand gehen, kommen nicht genügend Medizinstudierende nach, die eine hausärztliche Tätigkeit aufnehmen. 

Zu wenige entscheiden sich für die Allgemeinmedizin

Grundsätzlich gibt es in Deutschland genügend Ärztinnen und Ärzte, aber zu wenige arbeiten in der Allgemeinmedizin.

"Wir haben seit den 90er-Jahren ein eklatantes Missverhältnis zwischen den Absolvent*innen, die später in der hausärztlichen Versorgung arbeiten, und denen, die in den fachärztlichen Bereich gehen", sagt Simon Schwill, Dozent an der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung der Universität Heidelberg. 

Wir müssen die Qualifizierung der Mediziner*innen von morgen mehr an den Bedarfen des Gesundheitssystems ausrichten.

Er arbeitet selbst als Hausarzt und möchte als Leiter des Kompetenzzentrums Weiterbildung in Baden-Württemberg die allgemeinmedizinische Ausbildung verbessern. Schwill fordert: "Wir müssen die Qualifizierung der Mediziner*innen von morgen mehr an den Bedarfen des Gesundheitssystems ausrichten."

Eigentlich müsste mindestens die Hälfte der Absolventinnen und Absolventen in die Allgemeinmedizin gehen, sagt der Experte. Letztes Jahr wurden in Baden-Württemberg aber nur 14 Prozent der Facharztprüfungen in diesem Fachbereich abgelegt. 

Ein Grund: Studierende kämen aktuell kaum mit der Allgemeinmedizin und der Hausarzttätigkeit in Kontakt, obwohl das später ihre häufigste Tätigkeit sein müsse. 

Lange habe die Allgemeinmedizin unter Studierenden einen schlechten Ruf gehabt, auch deshalb, weil sie im Vergleich zur fachärztlichen Tätigkeit schlechter bezahlt worden sei. Aber das ändere sich langsam, sagt Schwill. Die Attraktivität des Hausarztberufs zu steigern, könne auch Quereinsteigerinnen und -einsteiger aus anderen Fachrichtungen anziehen. 

Studienplätze und Förderungen für Landärztinnen und -ärzte 

Dass Hausärztinnen und -ärzte vor allem in kleinen Gemeinden fehlen, liegt auch daran, dass der Nachwuchs ungern auf dem Land arbeiten möchte.  

Das hat auch Sonja Gastel aus Eberhardzell gemerkt. "Wir haben über Kleinanzeigen und über die Zeitung geschaltet, wir waren beim Speed-Dating von der Ärztekammer. Da waren die jungen Ärzte zwar begeistert, aber sie wollten aus der Stadt nicht raus." 

Baden-Württemberg hat das erkannt. Seit 2021 werden deshalb jedes Jahr 75 Medizinstudienplätze über das Sonderverfahren "Landarztquote" an Studierende vergeben, die sich verpflichten, anschließend für mindestens zehn Jahre als Hausärztin oder -arzt in einem unterversorgten Gebiet tätig zu werden. 

Wir waren beim Speed-Dating von der Ärztekammer. Da waren die jungen Ärzte zwar begeistert, aber sie wollten aus der Stadt nicht raus.

Das baden-württembergische Sozialministerium fördert außerdem Hausärztinnen und -ärzte, die sich in ländlichen akut oder perspektivisch unterversorgten Gemeinden niederlassen. Seit 2012 wurden über 300 Ärztinnen und Ärzte finanziell unterstützt, aktuell läuft eine Evaluierung. 

Auch die KVBW und die gesetzlichen Krankenkassen fördern seit 2015 Praxisgründungen, -übernahmen und Anstellungen in rechnerisch drohend unterversorgten Regionen. 

Finanzielle Anreize begrüßt Stefanie Joos, Mitglied des Sachverständigenrats Gesundheit und Leiterin des Instituts für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung der Universität Tübingen. Sie sagt aber auch: "Sie sind allein nicht ausreichend. Ohne, dass wir das System reformieren, bringen sie nur kurzzeitig etwas." 

Versorgungszentren als Zukunftsmodell 

Aktuell arbeiten laut Statistischem Bundesamt zwei Drittel der deutschen Hausärztinnen und -ärzte in Einzelpraxen. Das kann sich über die Hälfte der Studierenden laut dem Berufsmonitoring Medizinstudierende nicht mehr vorstellen. Über 60 Prozent wünschen sich das Arbeiten im Team mit anderen Ärztinnen und Kollegen anderer Gesundheitsberufe. 

Möglich wäre das in sogenannten Primärversorgungszentren. Diese hat der Sachverständigenrat Gesundheit, der die Bundesregierung berät, bereits 2014 für den ländlichen Raum empfohlen.

Das Konzept: Ärztinnen und Ärzte arbeiten mit weiteren Berufsgruppen wie studierten Pflegefachkräften zusammen. Diese können zum Beispiel Tätigkeiten bei der Versorgung älterer und chronisch kranker Menschen übernehmen und so für Entlastung sorgen. 

Für Patientinnen und Patienten könne sich zwar die Entfernung zur Praxis erhöhen, dafür sei das Angebot besser, sagt Versorgungsforscherin Joos. "Und Ärzte können eher wieder Hausbesuche machen, die mit einer Einzelpraxis oft gar nicht leistbar sind." 

Pilotprojekte in Baden-Württemberg

Wie das aussehen kann, zeigt die Gemeinde Hohenstein auf der Schwäbischen Alb. Dort gibt es seit 2019 ein Versorgungszentrum, das neben Allgemeinmedizin auch unter anderem Kinder- und Jugendmedizin, Physiotherapie und eine Hebammenpraxis bietet.

Das Projekt zeige, "dass ländlicher Raum und gute Versorgung sich nicht ausschließen müssen", sagt Bürgermeister Simon Baier. Doch ohne die finanzielle Förderung durch die Robert Bosch Stiftung und einen Investor sei die Umsetzung nicht möglich gewesen. 

Ein weiteres Finanzierungskonzept sind Gesundheitsgenossenschaften, in denen sich Ärztinnen und Ärzte, teilweise auch Bürgerinnen und Bürger oder Gemeinden zusammenschließen. Davon gibt es laut baden-württembergischem Genossenschaftsverband bereits 25 im Land, zum Beispiel im Ostalbkreis.

Damit es mehr Versorgungszentren geben kann, fordert die Robert Bosch Stiftung eine Verankerung im Gesetz. Geplant war das in einem Entwurf des Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetzes, wurde aber letztendlich nicht umgesetzt. Das kritisierte der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe.  

Nachfolgesuche in Eberhardzell 

In Eberhardzell sucht Sonja Gastel weiterhin eine Nachfolge für die Hausarztpraxis. Zuletzt hat sie sich um die Förderung der KVBW beworben. Eine Zusage ist ungewiss, da die Region Biberach rechnerisch ausreichend versorgt ist.  

Hausarzt Lindquist möchte erst in den Ruhestand gehen, wenn eine Nachfolge gefunden ist. "Wir hoffen, dass der gute Gesundheitszustand meines Chefs noch ganz lange anhält", sagt Sonja Gastel. 

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Stephanie Jauss
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