Weniger Bedarf wegen G9

Lehrer-Nachwuchs am Gymnasium: Ministerin wirbt für Wechsel an andere Schulen in BW

Angehende Lehrkräfte haben es in den nächsten Jahren schwer, am Gymnasium unterzukommen. Die Ministerin will die jungen Pädagogen vorerst bei bedürftigen Gemeinschafts- und Realschulen unterbringen.

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Von Autor/in Henning Otte

Böse Überraschung für viele angehende Lehrkräfte an allgemeinbildenden Gymnasien: Mehr als die Hälfte von ihnen wird voraussichtlich nicht übernommen. Wie der SWR aus dem Kultusministerium in Stuttgart erfuhr, gibt es für das nächste Schuljahr 1.287 Bewerberinnen und Bewerber, aber nur 519 Stellen an den Gymnasien.

Alternative: Gemeinschaftsschule oder berufliche Schulen

Zuerst hatte es geheißen, dass in einer ersten Runde deutlich mehr junge Lehrkräfte übernommen worden seien, im sogenannten schulscharfen Verfahren. Doch von den genannten 428 jungen Lehrkräften gehen nur 159 ans Gymnasium, die anderen wechseln an eine Schule mit Oberstufe, also etwa an eine Gemeinschaftsschule.

Nun gibt es noch 360 Stellen zu vergeben, aber noch 1.128 junge Lehrkräfte, die ans öffentliche Gymnasium wollen, hieß es aus dem Ministerium. Mehr als die Hälfte wird im Juli mit dem 18-monatigen Referendariat fertig, der Rest hat sich schon mal beworben.

Lehrerverband warnt vor Abwanderung in andere Bundesländer

Wer bisher keine Zusage erhalten hat, kann sich um eine Stelle an einer Gemeinschaftsschule mit Oberstufe bewerben - hier seien nochmal 67 Stellen ausgeschrieben worden, hieß es im Ministerium. Ansonsten gebe es noch Posten an beruflichen Schulen. Für viele ist dann die letzte Hoffnung das Nachrückverfahren, das an diesem Mittwoch beginnen soll. Der Philologenverband BW warnt, viele junge Leute würden arbeitslos oder wanderten in andere Bundesländer ab. 

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Gymnasien: Weniger Unterricht bei G9 in ersten Jahren

Hintergrund für die neue Einstellungspolitik des BW-Kultusministeriums ist die schrittweise Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (G9) vom nächsten Schuljahr an. Schrittweise Rückkehr heißt: Zunächst starten im September die Klassen 5 und 6 mit G9 und ab dem Schuljahr 2032/2033 sollen in der Regel alle Schülerinnen und Schüler am Gymnasium wieder nach neun Jahren Abitur machen. 

In den ersten Jahren des Übergangs werden weniger Lehrkräfte gebraucht, weil Schülerinnen und Schüler in G9-Klassen weniger Unterricht pro Woche haben als bei G8. Nach Berechnungen des Ministeriums werden bis zum Schuljahr 2030/2031 knapp 1.600 volle Stellen weniger benötigt. Erst im Jahr 2031/2032 ändert sich das dann langsam und im Schuljahr darauf werden auf einen Schlag 860 mehr Stellen als heute gebraucht.

Kultusministerin bietet Wechseloption nach drei Jahren

Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) wirbt nun dafür, dass die angehenden Lehrkräfte erstmal an andere Schulen wechseln, etwa an berufliche Schulen, Real- oder Gemeinschaftsschulen, die großen Bedarf hätten. Das Kultusministerium wolle Gymnasiallehrkräften deshalb eine vorübergehende Einstellung an anderen Schularten anbieten, verbunden mit einer Wechseloption nach drei Jahren ins gymnasiale Lehramt, hieß es. Gymnasiales Lehramt bedeutet, dass man an einer Schule unterrichtet, die das Abitur anbietet, das kann auch eine Gemeinschaftsschule sein. Es ist also keine Wechselgarantie ans Gymnasium. Schopper sagte dem SWR: "Ich möchte die Situation nutzen und jetzt die anderen Schularten stärken und die Lehrkräfte und Schulleitungen dort entlasten."

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Schopper verweist auf finanzielle Zwänge

Die Grünen-Politikerin ergänzte: "Wir freuen uns, wenn Gymnasiallehrkräfte von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. Auf diese Weise können wir aktuellen Engpässen in den Schulen der Sekundarstufe I oder auch an den beruflichen Schulen begegnen und gleichzeitig G9 vorbereiten." Sie warb um Verständnis. "Jetzt Lehrkräfte an Gymnasien einzustellen, die wir aktuell nicht beschäftigen können und dafür hunderte von Stellen neu zu schaffen, während wir an anderen Schularten dringend Lehrkräfte brauchen, wäre mit Blick auf eine solide Haushaltspolitik nicht vertretbar." Ihr Haus verwies darauf, dass die Unterrichtsversorgung an den Gymnasien auch im kommenden Schuljahr bei etwa 105 Prozent liegen werde.

Ministerpräsident Kretschmann sieht kein Problem

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hält es für zumutbar, dass angehende Gymnasiallehrkräfte zunächst in anderen Schularten zum Einsatz kommen. Bei einer Pressekonferenz sagte Kretschmann, der selbst als Lehrer am Gymnasium gearbeitet hat, für ihn sei es kein Problem gewesen, erst einmal an einer anderen Schule zu unterrichten. "Ich wüsste nicht, was daran schlimm sein soll. Ganz im Gegenteil, das kommt einem nachher sehr zugute, wenn man Erfahrungen gemacht hat auch mit Schülern anderer Schulen", so der 77-Jährige.

Junge Lehrkräfte: SPD wirft grün-schwarzer Landesregierung "grobe Fahrlässigkeit" vor

Die oppositionelle BW-SPD ist entsetzt über die niedrigen Einstellungszahlen. SPD-Bildungsexperte Stefan Fulst-Blei sagte dem SWR: "Wenn sich tatsächlich bewahrheiten sollte, dass um die Hälfte aller neu ausgebildeten gymnasialen Lehrkräfte kein Einstellungsangebot bekommt, dann ist das ein Skandal und eine grobe Fahrlässigkeit der grün-schwarzen Landesregierung." Es sei wenig vorausschauend, weil die Fachkräfte in einigen Jahren dringend gebraucht würden. Auch weil dann viele Lehrkräfte in Pension gingen. "Die Referendarinnen und Referendare von heute werden uns dann aber nicht mehr auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen."

Fulst-Blei ist dafür, Geld in die Hand zu nehmen, um die jungen Lehrkräfte zu halten. Stattdessen wolle Grün-Schwarz sparen und nehme weiter Unterrichtsausfall hin. Nach jüngsten Zahlen war am Gymnasium in etwas mehr als jeder zehnten Stunde die Lehrkraft verhindert. Knapp die Hälfte davon wurde vertreten. Aus Sicht von Fulst-Blei werde jede Lehrkraft zur Entlastung der G8-Jahrgänge gebraucht. Zum Beispiel könne man dann Klassen in Hauptfächern wie Mathe oder Englisch für zusätzliche Übungsphasen aufteilen. Zudem wäre es wichtig, die Reserve für Krankheitsvertretungen aufzustocken.

CDU fordert Richtungswechsel, sonst werde es "richtig teuer" 

Auch die CDU hält es für falsch, im kommenden Schuljahr weniger Lehrkräfte einzustellen. Sie fordert einen Kurswechsel von Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne). "Wer heute spart, riskiert morgen einen Zusammenbruch der Unterrichtsversorgung. Das ist nicht vorausschauend - das ist fahrlässig", sagte der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Landtag, Andreas Sturm. 

Er fürchtet, dass angehende Lehrkräfte, die jetzt keine Stelle bekommen, vergrault werden könnten. "Wenn wir jetzt keine Perspektiven bieten, wandern die Leute ab - nach Bayern, nach Hessen oder ganz raus aus dem Beruf. Dann wird es richtig teuer."

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Das Thema "Junge Lehrkräfte ohne Job" wird auch auf dem SWR Aktuell-Instagram-Kanal viel diskutiert:

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Henning Otte
SWR-Reporter und -Redakteur Henning Otte, SWR Landespolitik