Der Frust sitzt tief. Das verrät schon der erste Blick in den gemeinsamen Online-Chat der Referendarinnen und Referendare. Sie haben sich zusammengeschlossen, um Informationen auszutauschen, sich gegenseitig Halt zu geben und einen vielstimmigen Protest gegen die Einstellungspolitik des Kultusministeriums zu organisieren. Nach und nach wurden es immer mehr, nun sind es über 1.000. Sie alle eint eine große Sorge: nach gut fünf Jahren Studium und 18 Monaten Referendariat vor dem Nichts zu stehen.
Junge Lehrkräfte fühlen sich nicht gebraucht
Die junge Frau ist nur eine von vielen. Sie will anonym bleiben, weil Seminarleiter ihr wie anderen Anwärterinnen und Anwärtern raten, lieber die Füße stillzuhalten. Man müsse sich an den Dienstweg halten. Seit sie ein kleines Mädchen war, will sie Lehrerin am Gymnasium werden. Bis heute hat sie diesen Traum konsequent verfolgt, doch jetzt wird sie - so empfindet sie das - nicht gebraucht. Dabei war doch immer von Lehrermangel die Rede. Sie kann nicht glauben, dass nach dem nervlich aufreibenden Referendariat - in der man ständig unter Beobachtung steht - nun kein Job winkt, mit dem sie ihre Miete und ihr Essen bezahlen kann.
Ministerium will mehr Flexibilität sehen - bei Ort und Schulart
Was viele schon geahnt hatten, weil sie bis kurz vor den Sommerferien noch keine Zusage für einen Job bekommen haben, wurde jetzt vom grün-geführten Kultusministerium bestätigt. Knapp die Hälfte der Bewerberinnen und Bewerber wird voraussichtlich nicht übernommen. Mehrere hundert angehende Lehrkräfte müssen sich nun etwas einfallen lassen. Das Ministerium rät zu Flexibilität: Sie könnten sich doch zum Beispiel an Gemeinschafts- oder auch Grundschulen bewerben. Außerdem seien die jungen Leute Anfang vergangenen Schuljahres gewarnt worden, dass es mit Stellen am Gymnasium wegen G9 schwierig werden könnte.
Das Dilemma mit G9 beim Lehrerbedarf
Schon länger ist bekannt, dass es durch die schrittweise Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (G9) einen anderen Lehrerbedarf geben würde. Im September starten die Klassen 5 und 6 mit G9 und ab dem Schuljahr 2032/2033 sollen in der Regel alle Schülerinnen und Schüler am Gymnasium wieder nach neun Jahren Abitur machen. Das Problem: In den ersten Jahren des Übergangs werden weniger Lehrkräfte gebraucht, weil Schülerinnen und Schüler in G9-Klassen weniger Unterricht pro Woche haben als bei G8. Erst im Schuljahr 2031/2032 dreht sich das dann langsam, im Schuljahr darauf werden plötzlich wieder viele neue Lehrkräfte gebraucht.
"Dass sich mit der Umstellung so eine Konsequenz ergibt, ist schon klar gewesen", sagte Baden-Württembergs Kultusminsterin Theresa Schopper (Grüne) im SWR-Interview:
Ein echtes Dilemma für Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne), die aus Spargründen nicht einfach weiter Jung-Lehrerinnen und -Lehrer einstellen darf. Andererseits muss sie Sorge tragen, dass dann in einigen Jahren wieder genügend Lehrkräfte zur Verfügung stehen. Nur wie das gehen soll, ist nicht klar.
Weniger Bedarf wegen G9 Lehrer-Nachwuchs am Gymnasium: Ministerin wirbt für Wechsel an andere Schulen in BW
Angehende Lehrkräfte haben es in den nächsten Jahren schwer, am Gymnasium unterzukommen. Die Ministerin will die jungen Pädagogen vorerst bei bedürftigen Gemeinschafts- und Realschulen unterbringen.
Sieben Jahre warten auf den richtigen Lehrer-Job?
Am Sonntag haben die angehenden Lehrkräfte eine Online-Petition gestartet. Sie fühlen sich nicht ernst genommen von der Politik. In der Petition heißt es: "Bereits jetzt kursieren zynisch klingende, an uns herangetragene Empfehlungen, man solle bis 2032/33 warten, dann werde sich die Situation bessern." Die Referendarinnen und Referendare warnen Schopper: "Sollte sich die Einstellungspolitik nicht ändern, sehen wir die Gefahr, dass ein nicht unerheblicher Teil von uns sich beruflich umorientiert, da die unsichere berufliche Perspektive nicht vereinbar ist mit den Verpflichtungen des Lebens."
Ministerpräsident Kretschmann sieht kein größeres Problem
Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hält es für zumutbar, dass angehende Gymnasiallehrkräfte zunächst in anderen Schularten zum Einsatz kommen. Bei einer Pressekonferenz sagte Kretschmann, der selbst als Lehrer am Gymnasium gearbeitet hat, für ihn sei es kein Problem gewesen, erst einmal an einer anderen Schule zu unterrichten. Dort könne man Erfahrungen sammeln.
Jetzt Lehrkräfte an den Gymnasien einzustellen, die man aktuell nicht beschäftigen könne, wenn an anderen Schulen dringend Lehrkräfte gebraucht würden, sei bei der derzeitigen Haushaltslage nicht denkbar, so der 77-Jährige.
Kritik an Sparmaßnahmen bei der Bildung
Nach der SWR-Berichterstattung über die wenige Plätze an Gymnasien gibt es auch zahlreiche Kommentare. Einer kommt von Ulrich Kiebler, dessen Tochter jetzt mit dem Referendariat fertig wird und bislang keinen Job hat. "Man will halt sparen, so sieht es aus", schreibt er. "Zu behaupten, dass die Studenten ja gewarnt wurden, ist Hohn, denn was hätten die denn nach 6 Jahren Studium kurz vor dem Ziel machen sollen." In der Tat ist die Umstellung auf G9 erst Anfang 2025 im Landtag beschlossen worden. Kiebler fordert, dass es mehr Stellen geben müsse, damit vernünftiger Unterricht gemacht werden könne.
Immer mehr Schulpersonal steigt aus Lehrkräfte am Limit: Warum zwei Lehrerinnen den Job gekündigt haben
Zu große Klassen, zu viel Druck, zu wenig Zeit: In Baden-Württemberg steigen immer mehr Lehrkräfte aus dem Beruf aus. Grund: Die hohe Arbeitsbelastung und Stress. Zwei Betroffene erzählen.
Privatschulen könnten Ausweichmöglichkeit sein
Ein anderer User verweist darauf, dass die Jung-Lehrerinnen und -Lehrer doch auch auf Privatschulen ausweichen könnten. Es gebe viele "sehr gute Ersatzschulen (Privatschulen), die tolle Arbeitsbedingungen bieten und noch offene Stellen für das kommende Schuljahr haben", schreibt Jens Geiger. Auf die Idee sind viele junge Lehrkräfte auch schon gekommen. Fast 500 haben sich laut Kultusministerium bei privaten Schulen beworben.
Für Martina Scherer vom Philologenverband Baden-Württemberg muss trotzdem eine andere Lösung her, denn sonst hätte das negative Konsequenzen für die Qualität des Unterrichts am Gymnasium. "Das ist einfach ein Drama. Es war klar, es wird kommen und natürlich kostet es Geld, aber an Bildung wird immer so früh gespart. Und es tut mir dann in der Seele weh, wenn wir so viele gute Kolleginnen haben und in ein paar Jahren muss dann wieder jeder genommen werden, der quasi eine Kreide halten kann."
Das Thema "Junge Lehrkräfte ohne Job" wird auch auf dem SWR Aktuell-Instagram-Kanal viel diskutiert: