Lange wurde darüber diskutiert, am Freitag hat der Bundestag über das neue Wehrdienstgesetz entschieden. Es sieht die verpflichtende Musterung aller Männer ab dem Geburtsjahr 2008 vor. Im Falle fehlender Rekruten kann später nach einem weiteren Gesetzesbeschluss noch eine Wehrpflicht greifen. Wie das Auswahlverfahren aussehen soll, wird dann erst geklärt.
Zwei Schüler aus Karlsruhe geben im Interview ihre jeweilige Sicht auf das neue Wehrdienstgesetz und die Möglichkeit einer Wehrpflicht wieder.
Kamran ist gegen die Wehrpflicht: "Männer sollen sich freiwillig für einen Wehrdienst entscheiden können"
Kamran Ahmad Dogar ist Schüler aus Karlsruhe und wurde 2008 geboren. Im Falle einer Zwangseinberufung wäre er betroffen. Er ist gegen eine Wehrpflicht, weil junge Männer für sich selbst entscheiden sollten, ob sie den Wehrdienst antreten oder nicht.
Kamran möchte in einer Demokratie mitbestimmen und findet, dass man seiner Stimme Gehör verschaffen sollte. Er setzt sich als Mitglied des Landesschülerbeirates für die Interessen der Jugendlichen ein.
Bündnis hat zum Protest aufgerufen "Schulstreik gegen Wehrpflicht": Schüler-Demonstrationen in ganz BW
Schülerinnen und Schüler sind am Freitag deutschlandweit auf die Straßen gegangen, um gegen die Wehrdienst-Pläne der Bundesregierung zu demonstrieren. Auch in Baden-Württemberg gab es Streiks.
Hubert ist für die Wehrpflicht: "Deutschland muss sich verteidigen können"
Nicht alle im Umfeld von Kamran sind gegen eine Wehrpflicht - zum Beispiel sein Freund Hubert Herman Paul Dorner. Er findet, dass der Wehrdienst jungen Männern Ordnung geben kann. Und wenn es zu einem Krieg kommen würde, müsste Deutschland verteidigt werden können.
Die beiden Klassenkameraden kennen sich seit zwei Jahren und diskutieren gerne mit Respekt und auf Augenhöhe über das Thema. SWR-Reporterin Mirka Tiede hat mit beiden gesprochen:
SWR Aktuell: In den Augen von Experten ist in der aktuellen Lage eine bewaffnete Auseinandersetzung der NATO mit Russland und somit ein Krieg mit deutscher Beteiligung möglich. Wie soll sich Deutschland eurer Meinung nach auf diese Situation vorbereiten?
Kamran: Ein verpflichtender Wehrdienst ist nicht die Lösung. Deutschland muss sich verteidigen können. Aber wer soll Deutschland verteidigen? Sicherheit entsteht nicht durch Zwang. Sicherheit entsteht durch gut überlegte, professionelle Entscheidungen und Handlungen. Und die sollte auch jemand treffen, der diese Erfahrungen mit sich bringt. Der diese Entscheidungen auch treffen kann. Und es sind leider Gottes nicht 18- und 19-Jährige, die gerade in den Wehrdienst einberufen worden sind, weil wir uns in einem Krisenzustand befinden.
Hubert: Diese 18- und 19-jährigen Leute, die sind nicht da, um Entscheidungen zu treffen. Sie sind da, um Entscheidungen auszuführen. Und natürlich will ich damit nicht sagen, dass sie auf eine gewisse Art und Weise Kanonenfutter sind. Wir brauchen Menschen. Wir brauchen die Bundeswehr. Sie ist in keinem guten Zustand. Es wird zwar besser, aber sie ist in keinem guten Zustand. Da müssen wir was tun. Und die 18- und 19-Jährigen, die werden nicht direkt an die Front geschickt oder direkt in der Abwehr. Die werden erst ausgebildet, um dann Kommandos auszuführen.
SWR Aktuell: Wer sollte denn in den Krieg ziehen, wenn es zu einem kommen sollte?
Kamran: Ein Zwangsdienst würde nur Unruhe schaffen und uns keine Sicherheit gewähren. Zumindest keine vollständige Sicherheit. Und da wäre es eher schlauer, wenn man sich auf die Profis verlässt, auf diejenigen, die schon jahrelang Erfahrung damit haben oder diejenigen, die halt auch hoch motiviert sagen: "Hey, ich möchte zum Bund."
Hubert: Es sollten nur motivierte Leute zu Kriegen ins Ausland geschickt werden. Die, die nicht wollen, können zur Verteidigung hierbleiben. Bei der Verteidigung ist man motiviert. Man macht es für die Familien, für Freunde, für zukünftige Kinder und Enkel. Um Deutschland, wie wir es heutzutage kennen, zu verteidigen. Das ganze Grundprinzip kann nur funktionieren, indem wir genügend freiwillige Menschen haben, die sich dafür opfern, was wir in Deutschland haben. Für unsere Demokratie und für unseren Sozialstaat.
SWR Aktuell: Wie empfindet ihr die Diskussion um die Wehrpflicht innerhalb der Politik und der Gesellschaft? Habt ihr das Gefühl, ausreichend gehört zu werden?
Kamran: Dass sich heute [Anmerkung der Redaktion: am Tag der Abstimmung im Bundestag] bei dem bundesweiten Schulstreik sehr viele Jugendliche dafür stark machen, gehört zu werden, verdeutlicht nur umso mehr, wie wenig wir dort mitzusprechen hatten - bei einer Entscheidung, die uns betrifft. Und dementsprechend finde ich es auch umso wichtiger, dass man jetzt erst recht und auch in der Zukunft uns mehr in solche Entscheidungsprozesse mit einbezieht.
Hubert: Die Politik schaut auf ganz Deutschland - und auch in die Zukunft. Die Politik ist ja nicht nur für uns da. Deswegen finde ich, was die Politik macht, richtig. Ich finde auch die Diskussion wichtig. Auch manchmal ist mir der Diskurs etwas zu aufgehetzt, zu emotional. Was ich auch nachvollziehen kann. Niemand möchte, dass sein Kind in den Wehrdienst geht und dann für Deutschland kämpft. Die wenigsten Jugendlichen mögen es. Bei emotionalen Themen muss man immer die andere Seite verstehen. Aber die Meinung müssen auf Fakten basieren, damit man nicht Fehlinformationen in die Welt setzt.
SWR Aktuell: Wir haben eine gesellschaftliche Struktur, dass wir in den älteren Jahrgängen sehr viele Menschen haben. Wohingegen wir in den jüngeren Jahrgängen eher wenige Leute haben. Das heißt: Im Prinzip werden Entscheidungen von Leuten getroffen, die in Zukunft eventuell gar nicht mehr da sind, um diese Entscheidungen zu verantworten. Wie steht ihr dazu?
Hubert: Wir können an diesem Problem leider nichts ändern. Das ist ein Problem, was wir anerkennen müssen. Das sind ja auch die Probleme der Demokratie. Niemand hat gesagt, dass die Demokratie perfekt ist. Aber sie ist die beste Wahl.
Kamran: Man kann das Wahlalter bei der Bundestagswahl auf 16 Jahre senken. Das EU-Parlament darf man ab 16 wählen. Kommunalwahlen sind ab 16, zumindest hier in Baden-Württemberg. Und dementsprechend könnte man auch durchaus sagen: Hey, das wäre ein Schritt in Richtung Besserung. Das wäre ein Schritt Richtung mehr Mitbestimmung für Jugendliche. Und da kann man sich wiederum fragen: Ist die politische Bildung richtig angesetzt? Aber das ist nochmal ein größeres Problem.
Die Online-Fassung des Interviews mit den Beiden wurde für die schriftliche Fassung gekürzt und redigiert.