In der Fußballferienfreizeit der Sportschule Schöneck in Karlsruhe trainieren 48 Jugendliche aus ganz Deutschland gemeinsam. Das Projekt des DFB hat zum Ziel, Fairplay zu vermitteln. Dazu gibt es ein Programm mit unterschiedlichen Modulen. Unter anderem ein Training, in dem elementare Regeln des Fußballs nicht mehr gelten sollen. Dabei geht es um Spaß, aber auch um den Umgang miteinander.
Der Ball ist unförmig, ein Spiel dauert wenige Minuten
An diesem Mittag spielen Jugendliche aus vier verschiedenen Vereinen im Stadion der Sportschule Schöneck in Karlsruhe. Sie sind zwischen 13 und 15 Jahre alt und kommen aus ganz Deutschland. Beim Aufwärmen sieht es noch nach normalem Fußball aus. Nach wenigen Minuten stehen sie gemeinsam im Halbkreis um Coach Martin Bieser. Die Abseitsregel soll aufgehoben werden.
Was heißt das als Stürmer? Ich kann ganz vorne parken.
Das machen sich einige direkt zunutze. Gilt die Abseitsregel nicht mehr, wird es wesentlich einfacher, nach vorne zu spielen. Die Position des letzten Gegenspielers vor dem gegnerischen Tor spielt keine Rolle mehr. Es fallen mehr Tore. Die Jungs und Mädchen lässt das aber erstmal kalt. Einen Wettkampfcharakter hat das Spiel nicht.
Regeländerung führt zu Frust
Interessant wird es bei der nächsten Regel. Handspiel ist erlaubt für alle, nur nicht für den Torwart. Das führt schnell zu Verwirrung. "Der darf doch gar nicht die Hand nehmen", ruft der 12-jährige Niklas Stute in Richtung Trainer. "Das war aber gar nicht der Torwart", entgegnet eine Mitspielerin. Niklas prüft und stellt fest, sie hat recht. Kurz ärgert er sich noch, dann akzeptiert er die Entscheidung schnell.
Wenn ich den Ball in die Hand nehmen würde und so ein Tor machen würde, gäbe es viel Diskussion, auch mit dem Schiri.
Doch die Regeln sind anders. Das hat Niklas akzeptiert, auch wenn es in diesem Fall zu seinem Nachteil ausging. Die nächste Veränderung: Ein unförmiger Ball kommt ins Spiel. Immer wieder springt den Jugendlichen der Ball vom Fuß. Pässe werden ungenau, Schüsse gehen daneben, Teamplay wird wesentlich schwieriger. Das sorgt für Frust.
Wenn das bei der FIFA kommt, hör' ich auf mit Fußball.
Davon lässt sich Niklas aber nicht lange beirren. Denn wie die anderen hier, hat er Talent und offenbar auch gute Nerven. Aufgeben kommt nicht infrage. Auch wenn der unförmige Ball nervt, verstehen die Jugendlichen den Gedanken dahinter schnell.
Die Umstände waren natürlich ein bisschen schwieriger, wenn der Ball mal überspringt oder so, dass man sich nicht gegenseitig anmeckert, sondern sich aufmuntert - auch unter schwierigen Umständen. Dass man trotzdem fair bleibt und nicht frustriert ist.
Fairplay im Fußball: Erkenntnis durch das Gegenteil
Für Trainer Martin Bieser geht das Konzept auf. Zwar sei es erst mal eine Umstellung, wenn zentrale Regeln geändert würden, doch die Erkenntnis komme schnell.
Wenn man die ein oder andere Regel weglässt, dann merken sie schon, dass es ein ganz anderes Spiel ist und nicht das Spiel, das sie eigentlich mögen.
Die Regeln zu akzeptieren sei elementar. Auch, weil es Kindern und Jugendlichen oft anders vorgelebt werde, erzählt Bieser. Dazu zähle zum Beispiel die Diskussionskultur aus dem Profisport. Jede Szene im Fernsehen werde dort vom Videoassistenten zerlegt.
Auch die Profispieler selbst seien oft keine guten Vorbilder, wenn es um die Einhaltung der Regeln geht. Und auch manche Eltern von Amateurspielern kommen beim Trainer nicht gut weg. Es komme nicht selten vor, dass sich Eltern am Spielfeldrand lauthals über den Schiedsrichter beschweren.
Wenn hier keiner reinschreit, kicken die Kinder einfach. Es gibt auch mal ein Foul, da gibt es keine Diskussion. Und da muss man hinkommen, dass auch die Erwachsenen einfach die Kinder Kinder sein lassen und spielen lassen.
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Fußball als moralischer Kompass fürs Erwachsenwerden
Am Spielfeldrand steht der Projektleiter des DFB, Joel Reinholz. Für ihn geht das Projekt über den Fußball hinaus. Deshalb sei es auch wichtig, im Nachgang des Trainings mit den Jugendlichen zu sprechen. Denn Regeln gibt es nicht nur auf dem Platz.
Jeden Tag haben wir Regeln für's Miteinander. Ohne Regeln würde es nicht funktionieren. Klar versuchen wir, das hier spielerisch im Fußballbereich umzusetzen. Aber ganz bewusst versuchen wir auch in der Nachbesprechung mitzugeben - aus dem Fußball heraus - dass das Leben aus Regeln besteht, an die man sich halten muss, für ein gutes Miteinander.
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Fußballferienfreizeit jedes Jahr in ganz Deutschland
Finanziert wird die Fußballferienfreizeit von der Egidius-Braun-Stiftung des DFB. Jedes Jahr lädt die Stiftung deutschlandweit 1.000 Kinder und Jugendliche in sechs verschiedene Camps in ganz Deutschland ein. Darauf kann man sich bewerben. Die Kosten übernimmt die Stiftung.
Eine Woche verbringen die Kinder in Camps wie etwa in der Sportschule Schöneck in Karlsruhe. Jedes Jahr gibt es ein anderes Motto. Dieses Jahr: Fairplay. Dazu gehören mehrere Trainings, diesmal auch mit U-18 Nationaltrainer Hanno Balitsch. In Karlsruhe konnten die Kinder und Jugendlichen außerdem Blindenfußball und Rollstuhlfußball ausprobieren.