Schweigen lässt Raum für Gerüchte

Meinung: Im Fall der drei toten Mädchen ist die Kommunikation der Stadt Pforzheim gescheitert

Nach dem Tod der drei Mädchen kommuniziert die Stadt Pforzheim nur das Mindeste und lässt damit Raum für Gerüchte. Das verunsichert die Bevölkerung meint SWR-Reporterin Annika Jost:

Teilen

Stand

Von Autor/in Annika Jost

Ende November ist etwas passiert, auf das man sich nicht vorbereiten kann. Drei Mädchen sterben bei einem Aussichtsturm in Pforzheim Hohenwart. Dieser schreckliche Vorfall beschäftigt die Pforzheimerinnen und Pforzheimer, vor allem auch die Menschen in Hohenwart. Sie haben Fragen, sie hören Gerüchte und sie haben Angst um ihre Kinder, Freunde und Nachbarn. Diese Ängste ernst zu nehmen, wäre Aufgabe der Verwaltung der Stadt Pforzheim. Sie müsste Gerüchten widersprechen und versuchen, Fragen zu beantworten. Sie tut allerdings das Gegenteil und kommuniziert nur ein Minimum.

Den kompletten Kommentar von SWR-Reporterin Annika Jost können Sie sich auch als Audio-Beitrag anhören:

Auf der Ortschaftsratssitzung von Hohenwart am Mittwochabend zeigte sich deutlich: Die Strategie der Minimalinformation ist gescheitert. Die Menschen blieben verunsichert, stellten immer wieder die selben Fragen, die Stimmung war emotional aufgeladen. Auch Ortsvorsteher Siegbert Morlock und Pforzheims Baubürgermeister Tobias Volle waren an diesem Abend genervt, vor allem, weil sie immer wieder unbestätige Social-Media-Gerüchte dementieren mussten.

Gerüchte zum Tod der Mädchen verunsichern Menschen in Pforzheim

Denn die Gerüchte rund um den Tod der drei Mädchen verbreiten sich immernoch wie ein Lauffeuer, vor allem auf den Sozialen Medien. Beispielsweise kursieren auf TikTok falsche Suizidzahlen zum Turm. Eine offizielle Zahl gibt es aber garnicht, merkte Ortsvorsteher Morlock an. Es gibt auch Gerüchte, dass der Turm abgerissen werden soll. Andere sagen, der geschlossene Aussichtsturm solle wieder geöffnet werden. Aber das sind ebenfalls Falschinformationen. Für die beiden Offiziellen war es an dem Abend fast unmöglich, gegen die Gerüchte anzukommen. Irgendwann sagten beide einfach garnichts mehr- aber ist das die Lösung?

Wir sind kommunizierende Wesen. Menschen sprechen über Dinge, die sie bewegen. Wenn es keine Aussagen der Stadt gibt, dann werden eben die Gerüchte zum Thema.

Nach dem Tod der Mädchen in Pforzheim: Menschen aus Hohenwart meiden den Turm

Einige Bürgerinnen und Bürger aus Hohenwart erzählten, sie meiden den Turm, das Wahrzeichen ihrer Gemeinde, seit dem Unglück. Zu groß sei der Schmerz und zu groß die Angst, selbst jemanden dort zu finden. Von der Verwaltung wollten sie wissen, warum der Turm nicht längst abgesichert wurde. Und sie hatten an dem Abend im Ortschaftsrat auf ein Gespräch gehofft. Nur dazu kam es nicht. Formal ist daran nichts auszusetzen. Es deutet aber auf wenig Empathie der Verwaltung gegenüber den verunsicherten Bürgern hin.

Fragen der Bürgerinnen und Bürger wurden so kurz wie möglich beantwortet. Eine Frau wollte beispielsweise wissen, ob das Turmfest im nächsten Jahr stattfinden wird. "Da müssen Sie den Veranstalter fragen, nicht die Stadt", war die kurze und knappe Antwort des Ortsvorstehers. Kein: "Wir prüfen, ob wir das möglicherweise absagen können", und kein: "Wir wünschen uns, dass es an einen anderen Ort verlegt wird." Das hätte der Frau als Antwort vielleicht schon gereicht. Ein Zeichen: Wir verstehen Ihr Anliegen und nehmen es ernst, auch wenn wir keinen direkten Einfluss darauf haben.

Immer wieder die Frage: Warum wurde der Turm nicht abgesichert

Anscheinend kommt es bei der Hohen Warte immer wieder zu Suiziden. Das hat auch Ortsvorsteher Morlock bestätigt. Hätte man sich da nicht schon früher Gedanken über ein Netz oder andere Sicherungsmaßnahmen machen müssen? "Jetzt wird der Turm ja abgesichert", hieß es kurz und knapp von Baubürgermeister Volle. Er sei aber skpetisch, dass damit alle künftigen Suizide verhindert werden könnten.

Anfang Februar soll auf einer weiteren Veranstaltung in Hohenwart über Absicherungsmöglichkeiten der Hohen Warte gesprochen werden. Bis die umgesetzt sind, soll der Turm abgesperrt bleiben. Das immerhin brachte viele Besucherinnen und Besucher zum Aufatmen, denn sie wollen vor allem eines nicht: dass die Dinge in Vergessenheit geraten.

Pforzheim

Emotionale Sitzung des Ortschaftsrates Nach Tod von Mädchen in Pforzheim: Bestürzung und Unverständnis in Hohenwart

Viele Menschen wollten sprechen auf der ersten Sitzung des Ortschaftsrates nach dem Tod von drei Mädchen in Pforzheim. Die Stadt präsentierte einen Plan zur Sicherung des Turms "Hohe Warte".

Pforzheim

Wie umgehen mit Trauer und Verzweiflung? Tote Schülerinnen unter Pforzheimer Aussichtsturm: Was Schulpsychologen raten

Trauer und Verzweiflung nach dem Tod der drei Schülerinnen in Pforzheim sind unvorstellbar. Im SWR erklären Psychologen, was Eltern und Lehrer jetzt tun können.

Pforzheim

Runder Tisch tagte Nach dem Tod von drei Jugendlichen: Aussichtstürme in Pforzheim sollen sicherer werden

Nach dem Tod dreier Jugendlicher an einem Aussichtsturm in Pforzheim-Hohenwart soll der Turm besser gesichert werden. Der Antrag des Ortschaftsrates wird von der Stadt unterstützt.