Traditionsfirma mit fast 150 Jahren Geschichte

Haushaltsgerätehersteller NEFF in Bretten stand schon öfter am Abgrund

Es ist eine Entscheidung, die Experten nicht nachvollziehen können: Bis 2028 soll der Küchenhersteller NEFF Bretten abgewickelt werden. NEFF stand schon mehrfach vor dem Aus. Diesmal wirklich?

Teilen

Stand

Von Autor/in Heiner Kunold

Drinnen im Büro des Betriebsrates sitzen sie am Freitagnachmittag beisammen: Krisentreffen von Beschäftigten, Gewerkschaft und von Politikern aus der Region. Nicht mit dabei ist Alt-OB Paul Metzger, er hat NEFF in Bretten (Kreis Karlsruhe) schon einmal gerettet, das war 1986. Ob dieses Kunststück seinen Nachfolgern erneut gelingt?

Höhen und Tiefen in der Geschichte von NEFF

Die Geschichte von NEFF in Bretten war vielleicht nicht durchweg eine Erfolgsstory. Mit dem Zweiten Weltkrieg ging auch für den Elektroofenbauer alles bei Null los. Bis Ende der 60er Jahre schaffte es NEFF Bretten zu Europas Nummer eins bei der Produktion von Elektroherden. 500.000 Stück pro Jahr bauten sie damals, mit 4.400 Beschäftigten in den allerbesten Zeiten. Dann kam 1968 das Ende des Wirtschaftswunders 1968 und mit ihm die erste NEFF-Pleite.

Aber auch die hat das Unternehmen überlebt. Die Neffler mussten viele Federn lassen. Von den über 4.000 Arbeitsplätzen blieben gerade mal 2.300 übrig. Aber das Elektroofenwerk machte weiter und NEFF war der Mercedes unter den Küchenöfen.

Das ist lange her und trotzdem erinnert man sich in Bretten mit Stolz an die wechselvolle Geschichte des Unternehmens. Es gibt andere, wichtige Firmen in der Stadt, keine Frage - trotzdem sind es die Öfen von NEFF, die gerade in diesen Tagen in einer Ausstellung im Rathaus zu sehen sind.

Bretten

Schließung von Neff-Werk Interview mit Nico Morast: "Schlag ins Gesicht" für Bretten

Die geplante Schließung des Neff-Werks in Bretten ist für Oberbürgermeister Nico Morast besonders bitter. Im SWR-Interview sieht er bei 1.000 wegfallenden Jobs jetzt auch die Landesregierung gefordert.

SWR4 BW am Samstagmorgen SWR4 Baden-Württemberg

1982 stolperte NEFF über die AEG-Krise

1982 kam die nächste NEFF-Pleite. Diesmal war das Unternehmen allerdings nicht selber schuld. NEFF als Tochterunternehmen des AEG-Konzerns war nur eines von vielen Opfern im AEG-Portfolio. Und auch Anfang der 80er Jahre sollte NEFF liquidiert werden. Aber dazu kam es nicht.

Auszubildende bei Neff in Bretten demonstrieren in der AEG-Krise für den Erhalt des Standorts
Auszubildende bei Neff in Bretten demonstrieren in der AEG-Krise für den Erhalt des Standorts

Mit vereinten Kräften, zehn Millionen Mark aus der Landeskasse und der tatkräftigen Unterstützung eines Ministerpräsidenten Lothar Späth konnte NEFF erneut gerettet werden. Diesmal wurde die Küchenschmiede eine Tochter der BSHG, der Bosch und Siemens Hausgeräte Gruppe. Die gibt es noch heute, allerdings nur noch als BSH-Hausgeräte, eine hundertprozentige Bosch-Tochter.

Eine Kundgebung in Bretten im Jahr 1982
Eine Kundgebung in Bretten im Jahr 1982

BSH wollte NEFF Bretten 1986 schon einmal dicht machen

Mit der Übernahme durch die BSHG war in Bretten in den 80ern noch längst nicht alles klar. 1986 kam die nächste NEFF-Krise. Auch diesmal sollte der Standort geschlossen werden. Die Zahl der Mitarbeiter lag damals bei weit über Tausend. Diesmal war es vor allem dem damals noch ganz neuen Oberbürgermeister Paul Metzger zu verdanken, dass NEFF erneut gerettet wurde. Praktisch im Alleingang zauberte Metzger ein Standorterweiterungskonzept für NEFF aus dem Hut. Dem konnte die Münchner Konzernleitung einfach nicht widerstehen.

Noch heute ist der Alt-OB stolz auf seinen Coup. Praktisch am Gemeinderat vorbei entwickelte Metzger aus der Hüfte ein komplett neues Gewerbegebiet am Rande der Innenstadt. Er verpflanzte ganze Firmen und die Brettener Stadtwerke gleich noch mit dazu und schaufelte in Nullkommanichts mehrere Hektar für eine NEFF-Erweiterung frei. Auf diese Weise konnte am Standort ein Dunstabzugshaubenwerk gebaut werden - heute das zweite große Standbein von NEFF in Bretten.

Metzger bekam damals viel Lob für sein beherztes Eingreifen. Auch sein Gemeinderat zog den Hut und stimmte gerne zu. Aber ob das heute nochmal gelingen könnte?

Neff-Werk in Bretten

Ist NEFF vielleicht doch noch zu retten?

Der Brettener Stadtrat Wolfgang Lübeck von den "aktiven" ist sich nicht ganz sicher. Er ging 1982 selbst gegen die NEFF-Schließung auf die Straße. Als 22-Jähriger war er dort am Band gestanden und hatte die Schließung hautnah miterlebt. Er kann die Beschäftigten bei NEFF gut verstehen und ihre Gefühlslage auch, sagt Lübeck.

Das ist genauso gelaufen wie Anfang der 80er. Auch damals wurden die Beschäftigten von der Entscheidung der Konzernleitung aus heiterem Himmel getroffen.

Der Unterschied zu damals, sagt Lübeck, sei, dass es 1982 um einen Konkurs und nicht um eine endgültige Werksschließung gegangen sei. Als Gemeinderat will er heute mitkämpfen, dass es nicht so kommt. Das Wichtigste sei nun, dass Stadt und Land mit der BSH in Verhandlungen treten. Vielleicht, so Lübeck, sei eine Übernahme erneut eine Lösung?

Alt-OB Metzger will keine Waffenschmiede am Standort

Das sieht Alt-OB Metzger nicht ganz so. Wer denn da kommen soll, fragt er? In Bretten kocht die Gerüchteküche. NEFF ist noch gar nicht abgewickelt, da ranken sich schon Gerüchte um den ab 2028 frei werdenden Standort. Rheinmetall könnte ja hier Waffen produzieren, wird in Bretten kolportiert. Aber davon will Metzger nichts wissen.

Der Retter von 1986 sieht immer noch großes Potential im NEFF-Werksgelände. Das sei nicht nur ein Standort mit langer Geschichte, die Ofenschmiede von BSH sei auch wirtschaftlich gesund, es gebe genügend Fachkräfte und die Verkehrsinfrastruktur stimme, so Metzger.

Das NEFF-Werk in Bretten ist ein Vorzeigestandort, den gibt man nicht einfach so her.

Eine Verlagerung nach Traunreut in Bayern, wie sie von BSH ins Auge gefasst wurde, hält Metzger für wenig sinnvoll. Dort haben sie genau dieselben Voraussetzungen wie überall sonst am Wirtschaftsstandort Deutschland, sagt er. Und Bayern sei auch nicht besser als Bretten, fügt er noch an.

Dass Polen und Spanien, zwei ebenfalls genannte Alternativstandorte, billiger produzieren könnten als Bretten, das gesteht Metzger ein. Der Alt-OB sagt aber: "Was wir brauchen, ist ein Bekenntnis zum Standort Deutschland und damit zum Standort Bretten. Sonst machen wir uns über kurz oder lang hier selbst kaputt." Das müsse auch die BSH-Geschäftsführung einsehen.

NEFF-Schließung auch Thema im Landtag

Mit einer Anfrage des FDP-Abgeordneten Christian Jung war die drohende Schließung von NEFF am vergangenen Donnerstag auch Thema im Landtag in Stuttgart. Jung wollte wissen, welche Maßnahmen gegen den Abbau von rund tausend Arbeitsplätzen ergriffen werden.

Wirtschaftsstaatssekretär Patrick Rapp erklärte nach der Fragestunde schriftlich, sein Ministerium sei unmittelbar nach Bekanntwerden der Pläne aktiv geworden: So habe Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut bereits Gespräche mit der Geschäftsführung, der Arbeitnehmervertretung sowie dem Oberbürgermeister der Stadt Bretten und dem Landrat des Landkreises Karlsruhe geführt. Es sei erklärtes Ziel der Landesregierung, Ansätze zu finden, wie möglichst weite Teile der Produktion und Logistik am Standort verbleiben und dadurch Arbeitsplätze erhalten werden können.

Raufen sich die Helfer zusammen?

Nachdem Vertreter von SPD und FDP in den vergangenen Tagen im Alleingang an die BSH-Konzernleitung appelliert haben, ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken, warten die Mitarbeitenden nun gespannt auf die Ergebnisse der ersten Krisensitzung beim NEFF-Betriebsrat. Raufen sich die Parteivertreter hier zusammen? Gelingt vielleicht eine konzertierte Aktion von Politikern aller Couleur gemeinsam mit der IG Metall und der Stadtverwaltung? Die Uhr in Bretten läuft. 2028 ist der Ofen aus.

Bretten

"Schwieriges Marktumfeld" 1.000 Arbeitsplätze betroffen: Bosch will NEFF-Werk in Bretten schließen

Bosch will die Produktion von Haushaltsgeräten in Bretten (Landkreis Karlsruhe) im Frühjahr 2028 beenden. Betroffen sind etwa 980 Beschäftigte.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Heiner Kunold
Das ist Heiner Kunold

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!