Wer das Tiny House von Jens Schäfer und Sonja Guglielmoni in Bühl-Eisental (Kreis Rastatt) betritt, ist überrascht, wie hell und geräumig es innen ist. Seit drei Jahren lebt das Paar in einem Tiny House auf 31 Quadratmeter Wohnfläche - und hat die Entscheidung seither nicht bereut.
Paar über Tiny House: "Es ist wie Urlaub"
"Ich würde es sofort wieder machen", berichtet Jens Schäfer. Auch für seine Partnerin Sonja Guglielmoni ist das Leben in ihrem kleinen Häuschen mit kleinem Gartengrundstück Freiheit pur: "Es ist für mich jeden Tag wie Urlaub hier. Ich bereue nur, dass ich es nicht schon früher gemacht habe."
Das holzverkleidete Minihaus besteht aus einer 10-Tonnen Stahlkonstruktion und thront auf einem Fahrgestell. Das Besondere: Der gesamte Wohnbereich befindet sich praktisch auf einer Ebene, nur unterteilt durch eine kleine Empore. "Ich wollte keinen Schlafbereich oben im Loft, der nur über eine Hühnerleiter zu erreichen ist", so Sonja Guglielmoni, "das ist zu unpraktisch und die Absturzgefahr nachts, wenn einer mal auf die Toilette muss, wäre einfach zu groß."
Durch verschiedene Erker nach allen Seiten wirkt es luftig und geräumig. Von der modernen Küche aus kann Sonja direkt ins Grüne blicken. Ein gemütlicher kleiner Wohnbereich mit Sofa, Flachbildschirm und schmalen Einbauschränken grenzt an ein schickes Mini-Bad, eine kleine Empore mit zwei Stufen führt zum großzügigen Büro- und Schlafbereich mit Rundum-Fensterfront.
Probewohnen im Tiny House
Von der ersten Idee bis zum Einzug dauerte es zwei Jahre. Als Sonja und Jens für ein paar Tage zum Probewohnen in einem Modell-Tiny House in Heidelberg verbrachten, fiel die Entscheidung. "Wir haben es uns angeschaut und waren begeistert", berichtet die 72-jährige Sonja Guglielmoni. Die gelernte Mediengestalterin wohnte früher in einer 140-Quadratmeter-Wohnung in Gaggenau. Als ihr Ehemann verstarb, verkaufte sie alles.
Dann lernte sie den 55-jährigen Jens Schäfer kennen, der nach einer Trennung auch nicht mehr in ein normales Haus ziehen wollte. Ihr gemeinsamer Wunsch: Ballast abwerfen und sich verkleinern. Damit begann die Suche nach einem geeigneten Tiny House Modell und nach einem geeigneten Grundstück.
Das Grundstück zu finden ist die größte Hürde bei einem Tiny House.
"Ein Grundstück für ein Tiny House zu finden, das ist die größte Hürde", so Jens Schäfer, der als technischer Angestellter im Münsterland arbeitet und dort noch ein zweites Tiny House auf einem Campingplatz besitzt, "ohne Stellplatz kein Haus."
Für das Tiny House: Großes Grundstück musste her
Doch sie hatten Glück: Über eine Kleinanzeige fanden sie ein 500 Quadratmeter großes Grundstück im Bühler Ortsteil Eisental und bekamen den Zuschlag unter 50 Mitbewerbern. Bis das Tiny House wirklich errichtet werden konnte, musste das Paar aber noch einen ganz normalen Bauantrag bei der Kommune stellen - die Baugenehmigung ist vergleichbar mit einem konventionellen Wohnhaus.
Es gab viele Bauvorschriften - von der Statik über die energetische Dämmung nach Gebäude-Energie Gesetz, plus dreifach verglaste Fenster bis hin zur Gebäude-Architektur und der Gestaltung des Außenbereichs.
Wohnen im Tiny House ist Lebensqualität
Am Ende haben sie es geschafft. Seit Mai 2023 wohnen sie in ihrem Tiny House und sind glücklich. "Es ist alles da, es gibt keinen toten Raum, alles wird genutzt, mehr brauchen wir nicht. Für uns ist das Lebensqualität pur", so das Fazit von Jens Schäfer. Und Sonja ergänzt: "Ich habe schon zweimal in meinem Leben die Erfahrung gemacht, was es heißt, ein Haus und eine Wohnung mit allen Möbeln und Sachen aufzulösen. Es war der reine Horror."
Für uns ist es Lebensqualität pur.
Kosten bei einem Tiny House summieren sich
Dennoch kam unter dem Strich so einiges an Kosten für das Minihäuschen zusammen: 128.000 Euro kostete das Tiny House inklusive Ausstattung auf bereits erschlossenem Grundstück. Dazu kamen noch 3.500 Euro für die Klimaanlage und ein teurer Spezialtransport.
Auch laufende Kosten sind zu beachten: In Eisental zahlen Jens und Sonja 500 Euro Pacht für das Grundstück, 120 Euro für Strom, Wasser, Abwasser. Eine Solaranlage mit Speicher betreibt im Sommer die Klimaanlage. Die Nebenkosten sind vergleichbar mit denen in einer Wohnung für zwei Personen.
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Kommunen bekommen viele Anfragen
Die Nachfrage bei den Kommunen nach geeigneten Tiny House Grundstücken ist unterschiedlich, doch Regina Schleyer vom Tiny House Verband registriert einen deutlichen Zuwachs beim Interesse - vor allem bei der Zielgruppe 55 Plus. Doch wenn es um die Realisierung von Tiny House Projekten geht, läuft es in der Praxis immer noch sehr schleppend bei Genehmigungen in Quartieren oder als Siedlungen.
So verhält sich die Stadt Karlsruhe traditionell eher restriktiv, weil Tiny Häuser nach Angaben des Bauamts nicht in den städtischen Kontext passen und zu geringe Wohneinheiten pro Geschosshöhe bieten, so Baubürgermeister Daniel Fluhrer auf SWR-Anfrage. "Wir bauen lieber was Großes als was Kleines im städtischen Kontext", so Fluhrer. Bis auf wenige Ausnahmen mit Sonderkonstruktionen zum Beispiel über Garagen gebe es keine Tiny Häuser in Karlsruhe.
Karlsbad-Langensteinbach und Au am Rhein offen für Tiny Häuser
In Karlsbad-Langensteinbach (Kreis Karlsruhe) hat dagegen der Gemeinderat einen Grundsatzbeschluss für die Errichtung von sieben Tiny Häusern auf einem Areal der Gemeinde gefasst. Allerdings muss der Gemeinderat noch über einen konkreten Bebauungsplan abstimmen. Fällt das Votum positiv aus, können die Grundstücke vergeben werden und die Erschließung beginnen.
In Au am Rhein hatte die Gemeinde schon 2021/2022 einen Bebauungsplan für eine Tiny-House-Siedlung auf einem 7.000-Quadratmeter großen Grundstück erstellt. Doch dann sprang der Investor ab, der auf einem Areal 21 Minihäuser geplant hatte, das Tiny House Projekt geriet ins Stocken. Seitdem liegt die Baugenehmigung zwar vor, es fehlt aber an einem Investor oder Pächter.
Tiny House Verband hofft auf "Bauturbo"
Regina Schleyer, Vorsitzende des Tiny House Bundesverbands und Mitbegründerin des Tiny House Vereins hofft auf positive Effekte durch den im Herbst beschlossenen Bau-Turbo. "Die Nachfrage ist definitiv groß. Und die Themen Wohnraummangel, Wohnen im Alter und der Wunsch nach Minimalismus - das alles spricht dafür, dass im Bereich Tiny House noch viel Potenzial steckt. Die Kommunen müssen einfach offener mit dem Thema umgehen."