Unzählige Bewerbungen schreiben und trotzdem keinen Job bekommen - das kennen vor allem viele junge Menschen. In Baden-Württemberg sind so viele Menschen zwischen 15 und 25 Jahren arbeitslos wie zuletzt 2010. Das zeigen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit aus dem März.
Immer mehr Bewerberinnen und Bewerber, aber auch Unternehmen nutzen Künstliche Intelligenz (KI), um sich im Bewerbungsprozess unterstützen zu lassen - eine Entwicklung, die sich gegenseitig bedingt, sagt Markus-Oliver Schwaab, Professor für Personalmanagement an der Hochschule Pforzheim. Während die eine Seite durch KI immer bessere und auf die Stellenausschreibung angepasstere Bewerbungen verschicke, sei es für die andere Seite zunehmend eine Herausforderung, die passenden Kandidaten zu identifizieren.
KI im Bewerbungsprozess: Nicht unbedingt eine Erleichterung
KI verändert Bewerbungsprozesse. Aber sie bietet nicht unbedingt eine Erleichterung, so Schwaab. Das Bewerben sei durch KI zwar viel einfacher und weniger aufwendig geworden. Dadurch würden besonders attraktive Arbeitgeber aber geradezu mit Bewerbungen geflutet. Das bringe Unternehmen beispielsweise dazu, Bewerbungen automatisiert vorzufiltern, weil die Menge anders gar nicht zu bewältigen sei.
Für Bewerber sei es durch KI wiederum einfacher geworden, ihre Unterlagen zu optimieren. Aber: Dadurch "verlieren sie auch ihre persönliche Handschrift und somit ihre Aussagekraft", so der Experte. Das erkennen auch die Unternehmen. Um das wahre Potenzial von Kandidaten beurteilen zu können, müssten Arbeitgeber vermehrt auf Verfahren setzen, bei denen man ausschließen könne, das mit KI optimiert oder manipuliert werde - etwa durch sogenannte "Assessment Centers" oder persönliche Gespräche.
Unternehmen setzen KI beim Bewerbungsmanagement ein
Grundsätzlich gebe es mittlerweile viele Möglichkeiten für Unternehmen, KI in Bewerbungsprozessen einzusetzen, sagt auch SAP-Personalexpertin Diana Gajic. Wie genau die jeweiligen Programme eingesetzt würden, sei dabei individuell. Es könne von einer automatisierten Vorauswahl der Kandidaten bis hin zu ChatBots gehen, die Fragen von Bewerbern beantworten.
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Dass Arbeitgeber Programme nutzen, um Bewerbungen zu verwalten und zu bearbeiten, ist nicht neu. Durch KI lassen sich aber große Datenmengen schneller bearbeiten und analysieren, so Schwaab. Dabei sei die Auswahl schlussendlich jedoch nur so gut wie die Daten, die von den Kandidaten geliefert würden. Wenn aber Bewerber durch KI optimierte Unterlagen lieferten, könnte eine Verzerrung stattfinden. Das bedeutet: Wer die KI besser bedienen kann, könnte Vorteile haben.
KI kann für Zeitersparnis und Kostenreduzierung im Bewerbungsprozess sorgen
Für Unternehmen bringt eine Automatisierung der Bewerbungsprozesse durch KI vor allem Zeitersparnis und Kostenreduzierung, weil Kandidaten schneller eingestellt werden könnten, so Gajic. KI erkenne oft auch besser, wie gut Bewerber und Position zusammenpassten. Wichtig außerdem: KI könne helfen, "unbewusste menschliche Vorurteile im Auswahlprozess zu verringern" - und somit objektiver zu sein. Von Vorteil sei auch, dass die gewonnene Zeit in persönliche Gespräch investiert werden könne. Das werde auch von Kandidatinnen und Kandidaten sehr geschätzt.
Aber auch für Bewerberinnen und Bewerber kann KI in Bewerbungsprozessen einige Vorteile haben. Beispielsweise könnten diese über Chatbots ständig den Status ihrer Bewerbung verfolgen und zeitnah Antworten auf ihre Fragen bekommen, so Gajic.
Bewerber sollten KI mit Vorsicht behandeln
Aber auch die KI kann Fehler machen, gibt die Personalexpertin von SAP zu bedenken. Deswegen müsse immer ein Mensch die letzte Instanz sein - die KI solle lediglich unterstützen. Um mit KI eine möglichst inklusive Auswahl zu treffen, sei es wichtig, diese mit den richtigen Datensätzen zu trainieren. "Es muss ein gutes Zusammenspiel zwischen Mensch und KI geben, um eine richtige Entscheidung zu treffen", so die Personalexpertin.
Darauf weist auch Schwaab hin. Es gebe in der Forschung Belege dafür, dass beispielsweise videogestützte KI-Tools zu diskriminierenden Einschätzungen gelangen. Das habe auch mit den Daten zu tun, mit der KI trainiert werde. Denn dabei werde versucht, aus vergangenen Daten abzuleiten, was für die Zukunft wichtig werden könnte. Deswegen sei hier besondere Vorsicht geboten.
Es muss ein gutes Zusammenspiel zwischen Mensch und KI geben, um eine richtige Entscheidung zu treffen.
Arbeitgeber müssten demnach sicherstellen, dass solche Fehler ausgeschlossen oder korrigiert werden. Schlussendlich sollte KI niemals genutzt werden, um eine Endauswahl zu treffen, so Schwaab. Auch wenn nur eine Vorselektion stattfinde, könne nicht verhindert werden, dass gute Kandidaten ausgeschlossen würden.
Tipps für Bewerber: Die Menschlichkeit hervorheben
"Unsere Bewerbenden sind sehr fit im Umgang mit KI und wir heißen das auch sehr willkommen", erzählt Gajic. Die Nutzung von KI sei längst normal geworden. Das sei also nichts, was Bewerberinnnen und Bewerber verstecken sollten. Schlussendlich komme es auf die persönliche Note an. Zudem würden solche Fähigkeiten immer wichtiger werden, die von einer KI nicht leicht repliziert werden könnten - wie etwa Empathie oder Teamfähigkeit. "Ich würde Bewerberinnen und Bewerbern raten, dass sie sich überlegen: Was macht mich als Mensch aus?"
Vorstellungsgespräche mit KI - ist das die Zukunft?
Der Bewerbungsprozess werde sich in Zukunft immer weiter automatisieren, vermutet Gajic. Gerade am Anfang müssten menschliche Recruiter die KI streng kontrollieren. "Ich kann mir aber vorstellen, dass das dann perspektivisch sehr gut laufen und die Zeitersparnis immer größer wird", sagt Gajic.
"Entscheiden sollte am Ende immer ein Mensch", sagt auch Schwaab von der Hochschule Pforzheim. Zudem sei zu beachten, dass es bei Bewerbenden oft nicht unbedingt gut ankomme, wenn Unternehmen KI in Bewerbungsprozessen einsetzten. Trotzdem kann KI laut Schwaab definitv eine Chance sein - vor allem, um gute Kandidaten zu identifizieren und zu finden - beispielsweise im Online-Karrierenetzwerk LinkedIn. Am Ende müsse man dann aber Methoden auswählen, mit denen man die wahre Persönlichkeit der Kandidaten erkennen könnte. Sein Fazit: "KI verantwortungsvoll nutzen, aber am Ende eine Entscheidung treffen, die unabhängig von KI ist."