Wenn Eltern für ihre Kinder keinen Kitaplatz bekommen, greifen sie oft auf das Angebot von Tagesmüttern oder -vätern zurück. Tageseltern waren jahrelang ein wichtiger Pfeiler in der Kinderbetreuung in Baden-Württemberg. Die beklagen aber jetzt schlechter werdende Rahmenbedingungen und zu viele unbesetzte Betreuungsplätze. In Stuttgart haben einige Tageseltern schon aufgegeben, andere nehmen es jetzt selbst in die Hand und schalten Werbung für ihr Angebot. Im Rems-Murr-Kreis demonstrieren die Tagesmütter gegen Kürzungen. Wie passt das mit dem Mangel an Betreuungsplätzen zusammen, der seit Jahren für Schlagzeilen sorgt?
Tageseltern in Stuttgart kämpfen für mehr Aufmerksamkeit
In Stuttgart spüren die Tageseltern schon seit vergangenem Jahr, dass die Nachfrage nach Betreuung bei ihnen zurück geht. Deshalb haben sich die Tagesmütter und -väter jetzt vernetzt. Mehr als 100 von ihnen tauschen sich in einer WhatsApp-Gruppe über ihre Erfahrungen aus. Eine von ihnen ist Melanie Wilke. Sie sagt, ihre eigenen Betreuungsplätze seien alle belegt. Bei anderen sei die Situation aber anders, viele hätten aktuell freie Plätze. Zusammen mit zwei anderen Stuttgarter Tagesmüttern hat sie jetzt ein kleines Unternehmen gegründet. Auf einer Homepage machen sie Werbung für ihre Betreuungsmöglichkeiten. Über Spenden haben sie sogar eine Radiokampagne gestartet.
Ihnen fehle in Stuttgart vor allem die Aufmerksamkeit, es werde zu wenig auf ihr Betreuungsangebot aufmerksam gemacht, kritisiert Tagesmutter Melanie Wilke im Gespräch mit dem SWR. Einen Grund sieht sie darin, dass die Stadt Stuttgart 2024 entschieden hat, dass in Stuttgart nur noch der Caritasverband für die Kindertagespflege, also die Tageseltern zuständig ist. Die Caritas habe zu wenig Werbung dafür gemacht, dass es nicht nur das Betreuungsangebot der Kindertageseinrichtungen gebe, sondern auch Tageseltern.
Betreuungsplätze bei Tageseltern oft nicht in Bedarfsplanung
Die Tagesmütter kritisieren außerdem, dass bei der Bedarfsberechnung für Kita-Plätze in Stuttgart 1.000 Plätze bei Tageseltern nicht berücksichtigt worden seien. Deshalb entstehe nun ein Überangebot. In Stuttgart würden neue Kitaplätze geschaffen, auf der anderen Seite hätten Tagesmütter und -väter unbesetzte Plätze, beklagt Wilke. Viele Tagesmütter und -väter in Stuttgart würden deshalb arbeitslos.
Laut dem Jugendamt Stuttgart ist die Zahl der 1.000 Plätze nicht korrekt. Es würden rund 1.000 Kinder in Stuttgart im Laufe eines Jahres öffentlich gefördert, das sei richtig. Zum 1. März 2025 seien 600 Kinder bei Tageseltern in Stuttgart gefördert worden. Wie viele Plätze bei den Tageseltern insgesamt tatsächlich zur Verfügung stünden, sei schwierig zu erheben, heißt es vom Jugendamt. Der Grund sei, dass Tageseltern sich auch relativ spontan umentscheiden könnten, wie viele Plätze sie anbieten. Man versuche seit diesem Jahr, die Zahl der zur Verfügung stehenden Betreuungsplätze quartalsweise zu erheben, aber leider würde rund ein Drittel der Tagesmütter und -väter nicht antworten.
Tageseltern betreuen Kinder meist bis zum Alter von drei Jahren
Es habe alle überrascht, dass es plötzlich eine zurückgehende Nachfrage bei den Betreuungsplätzen der unter dreijährigen Kinder gegeben habe, heißt es vom Bereichsleiter Kinder, Jugend, Familie der Caritas Stuttgart, Armin Biermann. Das Jugendamt Stuttgart ist der Ansicht, dass der Rückgang der Geburtenzahlen überwiegend ausschlaggebend für die aktuelle Situation bei den Tageseltern ist. Die Caritas sieht aber auch andere Faktoren. Zum einen sei vielen Eltern nicht klar, dass sie die Wahlfreiheit hätten zwischen Kita und Tageseltern, zum anderen ist das Angebot der Tagesmütter und - väter meist nur für kleinere Kinder bis drei Jahre. "Wenn man beispielsweise ein zweijähriges Kind hat, entscheidet man sich vermutlich eher für die Kita, denn dann ist die Betreuung bis Schulbeginn gesichert", so Caritas-Bereichsleiter Biermann.
Kita-Portal in Stuttgart berücksichtigt jetzt auch Tageselternangebot
Dass die Tageseltern bei der Bedarfsplanung nicht berücksichtigt werden, begründet die Stadt Stuttgart mit dem deutlich kleineren Angebot von bis zu fünf Plätzen pro Tagesmutter oder -vater. Das Angebot von alleinbetreuenden Tageseltern hänge zudem stark von der privaten Lebenssituation ab. Deshalb sei es im Rahmen einer langfristigen Bedarfsplanung schwer einschätzbar, wie sich die Versorgungssituation diesbezüglich entwickle und welche Platzzahlen in die Planung aufgenommen werden könnten, heißt es vom Jugendamt Stuttgart.
Mehr Aufmerksamkeit für ihr Angebot könnten die Tageseltern in Stuttgart nun durch das Kita-Portal der Stadt bekommen. Hier können Eltern seit Kurzem nicht nur nach Plätzen in Kindertageseinrichtungen suchen, sondern auch nach Plätzen bei Tageseltern. Das sei ein wichtiger Schritt, betont Tagesmutter Wilke. Sie hätten sich lange dafür eingesetzt als Tageseltern und seien gespannt, ob sich nun die Nachfrage verbessere.
Rems-Murr-Kreis kürzt Ausfalltage für Tagesmütter und -väter
Ein paar Kilometer weiter im Rems-Murr-Kreis haben die meisten Tageseltern noch nicht so große Probleme, ihre Plätze zu besetzen. Sie sehen ihre Existenz aber trotzdem bedroht, denn der Landkreis hat ihre Bezüge gekürzt. Bisher hätten sie Geld bekommen, wenn sie krank gewesen seien oder zum Beispiel wegen eines Trauerfalls spontan Urlaub gebraucht hätten. Das soll sich ab nächstem Jahr ändern, erzählen Jessica Weindl und Sonia Secreto im SWR-Interview. Sie sind Tagesmütter in Schwaikheim und können es sich nach eigener Aussage jetzt quasi nicht mehr leisten, krank zu werden.
Konkret sei es bisher so gewesen, dass Kinder und Tageseltern gemeinsam zwölf Wochen Ausfallzeiten haben konnten, berichten die Tagesmütter aus dem Rems-Murr-Kreis. Die neue Regelung sieht vor, dass der Landkreis ab nächstem Jahr insgesamt sechs Wochen Ausfallzeit bezahlt, wenn die Kinder im Urlaub sind. Fallen die Tageseltern aus, bekommen sie kein Geld. Sie können aber gemeinsam mit den Kindern Urlaubszeiten vereinbaren und bekommen dann weiterhin Geld. Entscheide eine Mutter, ihr Kind spontan nicht zu bringen oder ein Vater bringe zum Beispiel das Kind für eine Weile zu Oma und Opa, würde das schon zu ihren sechs freien Wochen zählen, berichtet Jessica Weindl.
Rems-Murr-Kreis: "Haben bessere Standards als in anderen Kreisen"
Der Rems-Murr-Kreis begründet die neue Regelung auf Anfrage des SWR mit der aktuell schwierigen Finanzlage und dass man deshalb zu Einsparungen gezwungen sei. Im Fall der Kindertagespflege habe es für Tagesmütter und -väter im Rems-Murr-Kreis sehr hohe Standards gegeben. Die müsse man jetzt mit Blick auf die Finanzen hinterfragen, da sie über denen anderer Landkreise lägen. Im September solle es bei den Beratungen zum Haushalt des Rems-Murr-Kreises nochmal um die Situation der Tageseltern gehen, heißt es.
Landesverband fordert Gleichstellung von Kitas und Tageseltern
Bei der Kinderbetreuung zu sparen, sei definitiv der falsche Weg, warnt der Landesverband der Kindertagespflege in Baden-Württemberg. Er ist für die Tageseltern zuständig. "Jeder Euro, der in die frühkindliche Bildung investiert wird, ist wohl investiert", betont die Vorsitzende Christine Jerabek. Vieles könnte in der Kindertagespflege besser laufen, sagt Jerabek. Problematisch sei auch, dass es keine einheitlichen Regelungen bei Tageseltern in Baden-Württemberg gebe. Jeder Landkreis lege seine eigenen Rahmenbedingungen für Tagesmütter und -väter fest. Bei einigen gebe es daher Probleme, bei anderen laufe es aber auch gut.
Als Positivbeispiele nennt sie Göppingen, Horb (Kreis Freudenstadt), Ettlingen (Kreis Karlsruhe) und Öhringen (Hohenlohe-Kreis). Hier sei die Kindertagespflege fest in die Bedarfsplanung integriert und werde als gleichberechtigte Betreuungsform neben Kitas berücksichtigt. Das sei die richtige Herangehensweise. Damit Tagesmütter und -väter bei der Kinderbetreuung mehr berücksichtigt werden, fordert Christine Jerabek, dass die Landkreise eine Geschäftsstelle für Tageseltern mitfinanzieren, die könne sich um Dinge wie Akquise, Qualifizierung und Beratung kümmern. Das gebe es zum Beispiel in Tübingen. Meist organisierten sich Tageseltern in den Landkreisen ehrenamtlich.