In den großen Städten und kleinen Kommunen in Baden-Württemberg sind die Anmeldungen für das neue Kita- und Kindergartenjahr längst abgeschlossen. Inzwischen haben viele Eltern Bescheid bekommen und wissen, wo und in welchem Umfang sie ab September einen Betreuungsplatz bekommen. Schon im Vorfeld war für viele klar, dass die Kinderbetreuung nochmal teurer wird. Vor allem bei Kindern unter drei Jahren sind die monatlichen Elternbeiträge hoch und die regionalen Unterschiede groß. Auch in der Kindertagespflege, also bei Tagesmüttern oder -vätern, werden sie mancherorts höher.
Wir haben bei Eltern und Fachkräften, in Städten, Gemeinden und im Kultusministerium nachgefragt und geben Antworten auf die Frage: Wie geht Baden-Württemberg in das anstehende Kindergartenjahr?
- Betreuungsplätze ab September: So ist die Lage im Land
- Gebühren belasten: Kita und Tageseltern werden teurer
- Elternbeiträge: Transparenz und Geld vom Land gefordert
- Größere Gruppen, kürzere Betreuung: Was ist mit der Qualität?
- Wie BW-Kitas von kreativen Lösungen profitieren können
Betreuungsplätze ab September: So ist die Lage im Land
Zuerst die gute Nachricht: Aktuell kämen aus einigen Kommunen im Land Signale, die auf Entspannung bei der Kita-Platzvergabe hindeuteten. Das berichten Natascha Höh und Anna Radermacher aus Kornwestheim vom Landeselternbeirat Kindertagesbetreuung im Mai im Gespräch mit dem SWR. So freute sich punktuell der ein oder andere Bürgermeister darüber, den Platzbedarf im Kindergartenjahr 2025/26 decken zu können. Vor allem in Städten, in denen in den letzten Jahren kontinuierlich in den Bereich investiert wurde, so der BW-Städtetag. Oder dort, wo temporär weniger Kinder nachkommen. Doch zur Wahrheit gehört auch: in der Fläche gebe es keine Entspannung. Darauf verweisen der Landeselternbeirat, aber auch die Kommunalen Spitzenverbände auf SWR-Nachfrage.
Die Kita-Krise sei keineswegs beendet, die Probleme verlagerten sich lediglich. Natürlich bestehe der Fachkräftemangel weiterhin, doch der Erprobungsparagraf gebe den Trägern seit einiger Zeit die Möglichkeit, den Betrieb auch mit weniger Fachpersonal oder mit kürzeren Öffnungszeiten am Laufen zu halten.
In Tübingen oder Mannheim zum Beispiel wurden die Öffnungszeiten gekürzt - auch um mehr Kindern Plätze anbieten zu können. Das könne kurzfristig zu einer Entlastung und Stabilisierung des Systems führen, erklärt Benjamin Lachat, beim BW-Städtetag für Familie und Soziales zuständig. "Sie bedeuten aber faktisch eine Einschränkung der Kapazitäten in der Kindertagesbetreuung und erhöhen den Druck auf Familien mit berufstätigen Elternteilen." Und ohne die öffentlich geförderte und vermittelte Kindertagespflege, also selbstständige Tagesmütter und -väter, würde das System gerade im Bereich für Kinder unter drei Jahren gar nicht mehr funktionieren, sagen Radermacher und Höh.
Von echten Verbesserungen will auch Anja Braekow nicht sprechen. Sie ist Leiterin einer Kita in Rheinfelden (Kreis Lörrach) und Vorsitzende des Verbands Kitafachkräfte in Baden-Württemberg. Aus ihrer Sicht haben Familien und Kinder noch immer keine ausreichend starke Lobby. Zwar habe man in der Politik inzwischen erkannt, dass der Bedarf an Kita-Plätzen und -Fachpersonal hoch ist, trotzdem fehle es an einer ausreichenden Finanzierung. Für Infrastruktur wie Brücken würden Milliardenschulden angekündigt, während auf der anderen Seite Eltern zwanzig Prozent der Betreuungskosten für ihre Kinder bezahlen sollen, kritisiert Braekow. "Für mich geht da gerade eine Schere auseinander, wo die Investitionsprioritäten einfach mal komplett falsch gelegt werden." Bei ihrer Arbeit begegne sie gerade immer häufiger Eltern, die sich ganz genau überlegten, ob sie noch ein zweites Kind bekommen wollten.
Gebühren belasten: Kitas und Tageseltern werden teurer
"Und wenn wir keine Kinder mehr haben, funktioniert unser ganzer Generationenvertag, unser Rentensystem, der ganze Sozialstaat auf lange Sicht nicht mehr", sagt auch Anna Radermacher. "Da wünsche ich mir von der Landesregierung auch ein bisschen, dass die mal überdenkt: Wieviel wird gerade in die Bildung investiert?" Beim Landeselternbeirat Kinderbetreuung sagen sie ganz klar: die größte Herausforderungen seien für viele Eltern aktuell die gestiegenen finanziellen Belastungen. Denn Kita-Gebühren, aber auch die Beträge, die Eltern für öffentlich geförderte Tagesmütter und -väter an die Jugendämter überweisen müssen, nehmen zu.
Kommunale Träger bauten in den Städten und Gemeinden im Land Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren sukzessive ab, weil hier Kosten und Personalbedarf besonders hoch seien, berichten sie beim Landeselternbeirat. Oder die Plätze werden so teuer, dass sich Eltern zunehmend fragten, ob sie ihre Kinder überhaupt noch in die U3-Betreuung geben können. So wie etwa in Sachsenheim im Kreis Ludwigsburg. Dort werden für einen Ganztagesplatz im Bereich U3 laut Gebührenordnung vom September 2024 inklusive Mittagessen mehr als 860 Euro im Monat fällig.
Auch Benjamin Lachat vom BW-Städtetag sieht in den teils jährlichen Erhöhungen der Elternbeiträge ein Problem - und fordert eine stärkere Mitfinanzierung durch Bund und Land. "Aus Sicht des Städtetags muss das eines der ersten gemeinsamen Projekte zwischen uns und der künftigen Landesregierung sein", so Lachat. Es sei an der Zeit, die Kita-Finanzierung zwischen Land und Kommunen komplett neu zu gestalten - und abzusichern. Von Landesseite erhalte Lachat durchaus Signale für eine Gesprächsbereitschaft.
Wir bauen darauf, dass diese Gespräche dann geführt werden und auch jetzt in den nächsten Wochen und Monaten dieses Thema frühkindliche Bildung und deren Finanzierung eines mit politischer Priorität ist.
"Wenn ich sowieso aufgrund gekürzter Kita-Öffnungszeiten in Teilzeit arbeite, bleiben mir bei einer 50-Prozent-Stelle vielleicht noch 1.400 Euro übrig", rechnet Anna Radermacher vom Landeselternbeirat vor. Wenn für die Kinderbetreuung davon noch so viel Geld abginge, dann stelle sich für viele Familien die Frage, ob man vorrangig für die Betreuung arbeiten gehen wolle. "Und ich glaube, diese Frage werden viele Familien für sich einfach nicht mehr mit Ja beantworten." Denn auch eine Unterstützung wie der Geschwisterrabatt - also die vergünstigte Betreuung von Geschwisterkindern in einer Einrichtung - soll in einigen Kommunen wegen Sparzwängen wegfallen; zum Beispiel in Karlsruhe. Auch so könne sich auch der Fachkräftemangel im Land weiter verschärfen, sagt Radermacher, "weil Eltern dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen".
Elternbeiträge: Forderung nach Transparenz und Geld vom Land
Auch weil die Elternbeiträge so stark variierten, kämen zunehmend Eltern auf sie beim Landeselternbeirat zu, die wissen wollten, wie der Beitrag bei ihnen vor Ort zustande komme, berichten Höh und Radermacher. Auch hier versuchten sie als Landeselternbeirat zusammen mit Elternvertretern vor Ort auf die Stadtverwaltungen zuzugehen und diese Transparenz einzufordern. Die Offenheit werde größer, beobachtet Radermacher. Denn weder wolle die Gemeinde die Eltern ärgern, noch die Eltern die Gemeinde, sagt sie. Aber: "Es sind oft einfach zwei sehr gegensätzliche Standpunkte. Und die muss man irgendwie zusammenbringen." Auch beim BW-Städtetag zeigt man auf SWR-Nachfrage Verständnis. Im Zuge einer möglichen Neuaufstellung der Finanzierung der frühkindlichen Bildung sei es wichtig, auch an dieser Stelle eine nachvollziehbare Lösung zu finden.
Klar ist: Die finanzielle Situation vieler Städte und Gemeinden im Land ist alles andere als gut. Um überhaupt noch einen genehmigungsfähigen Haushalt aufstellen zu können, müssen die Gemeinderäte und Stadtverwaltungen den Rotstift ansetzen. Und während die Ausgaben verlässlich mehr werden, sind die Spielräume auf der Einnahmenseite häufig begrenzt. Gebühren - wie etwa für die Kinderbetreuung - sind da eine Stellschraube, an der gedreht werden kann, um wieder Spielräume im Haushalt zu schaffen.
Beispiel Ludwigsburg: Die Stadt mit mehr als 94.000 Einwohnern nördlich von Stuttgart muss dringend ihr Loch im Haushalt verkleinern, aber eben auch die Einnahmen steigern. Daher stimmte der Gemeinderat im Juni über ein Sparprogramm ab. Beschlossen wurden unter anderem die Erhöhung der Grundsteuer und die Einführung einer Bettensteuer. Außerdem stimmte der Gemeinderat dafür, dass die Kita-Gebühren jährlich um sechs Prozent steigen. Ludwigsburgs Oberbürgermeister Matthias Knecht (parteilos) ist sich bewusst, dass dadurch die Bürger stärker belastet werden. "Solange sich aber an der dramatischen strukturellen Unterfinanzierung der Kommunen durch Bund und Land nichts ändert, sehen wir leider keinen anderen Weg", sagte Knecht. Eine neue Landesregierung müsse "endlich" für richtige Verhältnisse sorgen.
Seit 2013 sei der städtische Zuschuss zu den Kosten der Kinderbetreuung in Ludwigsburg um 29 Millionen Euro angestiegen. "Jeder Cent für die Kinderbetreuung ist zwar ein gut investierter Cent", so Knecht, "aber die Kinderbetreuungskosten fressen uns quasi auf, egal wo wir an anderer Stelle im Haushalt sparen". Hinzu kämen noch weitere finanzielle Belastungen wie die energetische Sanierung von Gebäuden.
Unsere finanzielle Unterstrukturierung wird ja immer größer, und wir merken das einfach, dass wir die Last als Kommunen nicht mehr stemmen können.
Klage gegen das Land Baden-Württemberg?
Sollte sich an der Situation nichts ändern, wolle Ludwigsburg alleine oder gemeinsam mit anderen Kommunen überlegen, das Land Baden-Württemberg zu verklagen, sagte Knecht im Gespräch mit dem SWR. Die prekäre Finanzlage sieht der Oberbürgermeister als möglichen Eingriff in das kommunale Selbstverwaltungsrecht - und damit als einen Ansatzpunkt für eine mögliche Klage.
Auf SWR-Anfrage weist das BW-Kultusministerium darauf hin, dass die Landesregierung die Gemeinden im Bereich frühkindliche Bildung "in beträchtlichem Umfang" unterstütze. So erhielten die Gemeinden pauschale Zuweisungen zum Ausgleich von Kindergartenlasten in Höhe von derzeit 925,6 Millionen Euro im Jahr. Bei der Kleinkindbetreuung leiste man aus Geld vom Bund und vom Land 68 Prozent der Betriebsausgaben.
Wir wünschen uns hier vom Land noch mehr Engagement, vor allem finanziell.
Bei allem Verständnis für das finanzielle Dilemma vieler Kommunen wünschen sie sich auch beim Landeselternbeirat mehr finanzielles Engagement vom Land. "Jeder Euro, den wir in Kinder investieren, bekommt die Volkswirtschaft um ein Vielfaches zurück. Es sind also nicht einfach nur Ausgaben, sondern langfristige Investitionen in die Zukunft unseres (Bundes-)Landes", sagt Anna Radermacher. So gut etwa beim Erprobungsparagraphen eine kommunale Steuerung sei, so dürfe es bei den Gebühren keine eklatanten Unterschiede geben. Der Landeselternbeirat plädiert deshalb für eine "landesweit angepasste Gebührenstruktur, die die Lebenswirklichkeit von Familien nicht verkennt".
Auf die Festsetzung der Elternbeiträge dürfe die Landesregierung wegen der grundgesetzlich garantierten kommunalen Selbstverwaltung aber keinen Einfluss nehmen, heißt es dazu aus BW-Kultusministerium. Sollten Eltern durch die Elternbeiträge wirtschaftlich überlastet werden, sei die öffentliche Jugendhilfe angewiesen, diese zu erlassen oder zu übernehmen. "Eltern können sich jederzeit an das Jugendamt wenden um zu prüfen, ob dies für sie in Betracht kommt", so das Kultusministerium.
Größere Gruppen, kürzere Betreuung: Was ist mit der Qualität?
Viel Skepsis hatte die Entscheidung der Landesregierung Ende 2023 ausgelöst, Kita-Trägern mit dem Erprobungsparagrafen vor Ort die Möglichkeit zu geben, zeitlich begrenzt von den Vorgaben des Kitagesetzes abzuweichen. Größere Gruppen, weniger Fachkräfte, dafür Zusatzkräfte zur Entlastung sollten flexible und individuelle Lösungen möglich machen. Denn allen war klar, dass die je nach Berechnung bis zu 40.000 fehlenden Kita-Fachkräfte in den kommenden Jahren trotz Ausbildungsoffensive und Quereinsteigerprogramm nicht so einfach zu finden sein werden.
Nun haben KVJS, Städte-, Gemeinde- und Landkreistag Anfang 2025 Kita-Trägern und Kommunen ihr sogenanntes Rahmenkonzept KiTaFlex präsentiert. Eine Hilfestellung für Kita-Träger, um den Erprobungsparagrafen in ihrer Einrichtung nutzen zu können. Mit KiTaFlex reagiere man auf das große Interesse von Trägern, sich zum Erprobungsparagrafen beraten zu lassen, so der KVJS. Das Modell solle, wie es der Gemeindetag gegenüber dem SWR ausdrückt, einen "vertretbaren Rahmen" abstecken, "der mit weniger Fachkräften weiterhin eine gute und verlässliche Bildung und Betreuung gewährleistet". Bundesweit stehe Baden-Württemberg beim Fachkraft-Kind-Schlüssel so gut da, dass dieser "Vorsprung es ermöglichen sollte, in Krisenzeiten vom bestehenden Standard abzuweichen".
Eine aktuelle Umfrage des Deutschen Kitaleitungskongresses (DKLK) unter mehr als 1.000 Kita-Leitungskräften in Baden-Württemberg zeigt, wie schwierig die Situation in der Praxis teilweise ist: So arbeitete laut Umfrage fast jede zweite Kita in den vergangenen zwölf Monaten in mehr als 20 Prozent der Zeit unter Gefährdung der Aufsichtspflicht. Bei rund jeder zehnten Kita sei das demnach sogar in mehr als 60 Prozent der Zeit der Fall. "Solange der Anspruch auf Betreuung mit der Brechstange durchgesetzt wird, leidet das System der frühkindlichen Bildung an seiner eigenen Überlastung", so der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg, Gerhard Brand.
Wie der Personalschlüssel in Ihrem Kreis zuletzt aussah, zeigt diese Grafik:
Wie BW-Kitas von kreativen Lösungen profitieren können
"Ich finde es natürlich nicht toll, wenn man nur um die Öffnungszeiten zu halten, die Qualität runterfährt", sagt Anna Radermacher vom Landeselternbeirat Kindertagesbetreuung. Sie sieht aber auch die Chance mit dem Erprobungsparagrafen in eng gesteckten Grenzen, das bisherige Kita-Modell im Land zu überdenken. Wenn zum Beispiel als Zusatzkraft ein Sportlehrer ein Bewegungsangebot in der Kita anbiete und damit die Personalsituation entschärfe, dann "würde ich als Elternbeirätin und Mutter sagen, das ist super sinnvoll und allemal besser für die Kinder, als mit einer überforderten Fachkraft in einem Raum zu sitzen, die nicht einmal aufs Klo gehen kann".
Fachkräfte, Träger und Politik seien sich einig, dass es für das Problem der fehlenden Kita-Fachkräfte keine pauschale Lösung gebe, sagt auch Anja Braekow vom Verband Kitafachkräfte in BW. Aber: Auf der einen Seite den Fachkräftemangel zu beklagen und auf der anderen Personalschlüssel und Fachkraft-Kind-Verhältnis immer weiter aufzuweichen, "das passt für mich nicht zusammen", so Braekow.
Doch immer nur meckern, sei auch keine Lösung. Die Kita einer Kollegin zum Beispiel habe mit Hilfe des Erprobungsparagrafen nun eine Musikzimmer bekommen. Ein Raum im Gebäude wurde nur an einem Tag in der Woche für ein paar Stunden vom örtlichen Jugendorchester genutzt. Nun darf die Kita den Rest der Woche den Raum mitbenutzen. "Da können sie jetzt Musikpädagogen einsetzen, das kommt den Kindern zugute und den Eltern, die sich sowas sonst vielleicht nicht leisten könnten", sagt Braekow.
Da entstehe also gerade genau so ein Projekt, wie man sich das als Pädagogin wünsche. Eines, das Kita-Fachkräfte entlastet und sogar noch einen Pluspunkt bietet. Jetzt wollen Braekow und ihre Kolleginnen im Verband Kitafachkräfte sich mal umhören. Vielleicht finden sie ja noch mehr solcher Beispiele.