Auffälliges Verhalten vor der Tat

Welches Motiv hatte der Amokfahrer von Mannheim?

Warum ist ein Mann Anfang März mit seinem Auto in die Mannheimer Fußgängerzone gefahren und hat zwei Menschen getötet? Ende Oktober beginnt sein Prozess. Das Motiv bleibt vage. 

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Stand

Von Autor/in Patrick Figaj, Holger Schmidt

Am 31. Oktober beginnt am Mannheimer Landgericht der Prozess gegen Alexander S. Den Mann, der am Rosenmontag 2025 mit seinem Auto durch die Mannheimer Planken gerast sein soll. Eine 83-jährige Frau und ein 54-jähriger Mann wurden getötet. 14 Menschen wurden verletzt, fünf von ihnen schwer. Ein Schock für Passantinnen und Passanten, Ladenbetreiber, die Stadtgesellschaft. Wieder Mannheim. Wieder ein Vorfall in der Innenstadt, ist immer wieder zu hören.

Gedenkort nach Amokfahrt in Mannheim
Die Stadt Mannheim hat kurz nach der Tat am 3. März am Paradeplatz einen Gedenkort für die Opfer der Amokfahrt eingerichtet (Bild vom 13. Oktober 2025).

In den Minuten nach der Tat schrillen Smartphones - eine "lebensbedrohliche Lage", so der Hinweis, bestehe. In vielen Gesprächen erinnern sich Menschen bis heute an genau diese Momente. Und ein Gefühl der Unsicherheit, dass sich breit machte. Rasant verbreiteten sich Gerüchte, falsche Hinweise – Fake News

Mannheimer Polizeipräsidentin wird Augenzeugin 

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das Gebäude des Polizeipräsidiums Mannheim zu verlassen. Am 3. März 2025, dem Tag der Amokfahrt, entscheidet sich Polizeipräsidentin Ulrike Schäfer zur Mittagszeit für den Ausgang bei der Kripo. Die Tür führt auf die Straße Quadrat L4. Schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite, nur wenige Meter entfernt, hängt ein unscheinbares Schild an der Hauswand. Ein Rechtsanwalt hat hier seine Kanzlei. Einer seiner Mandanten wird für die Tat verantwortlich gemacht werden.  

Die Präsidentin möchte in der Stadt Besorgungen machen und ist ohne Uniform unterwegs. Ein Kollege der Kripo begleitet sie. Beide gehen in Richtung Innenstadt. Nüchtern schildert Ulrike Schäfer später den Kollegen in einem Vermerk, welches Grauen sie gesehen hat. Ihr Begleiter bemerkt den dunklen Kleinwagen einen Augenblick vor ihr. Dann sieht die Präsidentin das Auto mit hoher Geschwindigkeit durch die Fußgängerzone, die Planken, fahren. Subjektiv sei das Auto sehr schnell gewesen, notiert sie. Aufnahmen von Überwachungskameras zeigen später den Kleinwagen, wie er über die Straßenbahngleise rast. Sofort greift Ulrike Schäfer zum Smartphone, ruft den Polizeiführer vom Dienst im Präsidium an: "Amokfahrt!". Was sie im Detail an Verletzungen und Zerstörung gesehen und beschrieben hat, ist so drastisch, dass es hier nicht zitiert wird.  

Ein alter Hafenkran in Mannheim
Ein alter Hafenkran: Zugriffsort nach der tödlichen Amokfahrt durch die Mannheimer Planken.

Zugriff in einem alten Hafen-Kran 

Zufällig ist in diesem Moment auch der Leitende Oberstaatsanwalt von Mannheim, Romeo Schüssler, in der Innenstadt und kommt nach einem Anruf der Polizeipräsidentin ebenfalls zum Tatort. Weniger als ein Jahr nach dem Terroranschlag auf dem Mannheimer Marktplatz im Mai 2024 muss die eigentlich so integrative und lebensfrohe Stadt zwischen Rhein und Neckar eine weitere Katastrophe bewältigen. Staatsanwalt und Polizeipräsidentin bleiben nur wenige Minuten am Tatort. Noch vor 13:00 Uhr treffen sie sich mit anderen Beamtinnen und Beamten in der Einsatzzentrale des Präsidiums.

Ungefähr zu dieser Zeit wird der mutmaßliche Fahrer des Autos, Alexander S., von Streifenbeamten am Mannheimer Hafen entdeckt. Er hat sich unter einem alten Kran versteckt. Denn als der Mann sein Fahrzeug wenden wollte, um zu flüchten, hatte ihm ein Taxifahrer den Weg versperrt. Der 40-Jährige, heißt es in der Anklageschrift, habe daraufhin mit einer Schreckschusswaffe einen Schuss in die Luft abgefeuert, um den Taxifahrer einzuschüchtern. Anschließend sei er geflohen. Er habe sich mit der Schreckschusswaffe in den Mund geschossen, um sich selbst zu töten. Was ihm nicht gelang. Die Beamten konnten ihn festnehmen. Die Suche nach seinem Motiv begann.

Welches Motiv hatte Alexander S.? 

Im Juni wurde Alexander S. von der Staatsanwaltschaft Mannheim angeklagt. Der deutsche Tatverdächtige hat sich weiterhin nicht zu der Tat und den Hintergründen geäußert. Weitere Ermittlungen hätten "keine Hinweise auf ein politisches Motiv ergeben", hieß es weiter. Und: Nach dem Ergebnis der Ermittlungen sei "davon auszugehen, dass er seit vielen Jahren an einer psychischen Erkrankung leidet."   

Voraussichtlich bis kurz vor Weihnachten wird es am Landgericht Mannheim an 13 Verhandlungstagen darum gehen, ob Alexander S. zum Zeitpunkt der Taten vermindert schuldfähig war. Doch bereits in den Tagen nach der Tat gab es Anhaltspunkte, Alexander S. könnte eine rechtsextreme Gesinnung haben. Tatsächlich haben Ermittler nach SWR-Recherchen mehrere Zeugen und Hinweise gefunden, dass sich S. für Musik des Nationalsozialismus, wie etwa das Teufelslied der SS interessierte. Zudem ist S. wegen einer NS-Parole vorbestraft. Bei einer Sitzung des Innenausschusses des baden-württembergischen Landtags im März hatte Innenminister Thomas Strobl (CDU) gesagt, Hinweise auf mögliche Kontakte des Täters ins rechtsextreme Milieu seien den Behörden bekannt. Und auch in den sozialen Netzwerken wurden Ermittler fündig: Man habe festgestellt, dass der Täter an großen Versammlungen von "Reichsbürgern" teilgenommen habe. 

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Doch trotz dieser Erkenntnisse ist für die Staatsanwaltschaft Mannheim die geistige Gesundheit des Angeklagten von besonderem Interesse. S., der zuletzt in Ludwigshafen gelebt hat, soll eine lange Krankengeschichte mit Diagnosen im Bereich der Schizophrenie haben. Er soll sich unmittelbar vor der Tat in seinem Freundeskreis sehr auffällig verhalten haben - unter anderem beim Autofahren. Ab Ende Oktober muss sich der Mann unter anderem wegen zweifachen Mordes vor dem Landgericht Mannheim verantworten. Der Anwalt von Alexander S. wollte sich gegenüber dem SWR nicht zu den Vorwürfen äußern. 

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Patrick Figaj
SWR Journalist Patrick Figaj
Holger Schmidt

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