Archäologen des Landesamts für Denkmalpflege (LAD) haben bei Arbeiten für die Verlegung der Trasse der Süddeutschen Erdgasleitung (SEL) bei Heidelberg auf einem Baufeld erstaunlich viele Dinge aus der Erde befördert, die aus der römischen Kaiserzeit stammen. Das Landesamt geht von mehr als 1.000 Funden aus, darunter Scherben von Schüsseln und Krügen, außerdem Münzen, Werkzeug und Schmuck. Die Baustelle in der Nähe des Grenzhofs bei Heidelberg ist nötig, um dort ein Lager für die Erdgasleitungsrohre einzurichten. Verantwortlich für den Bau der Leitung ist der Netzbetreiber terranets BW. Die Leitung, durch die zunächst Erdgas, später auch Wasserstoff fließen soll, reicht von Südhessen bis nach Bayern und ist insgesamt 250 Kilometer lang.
Rohre für Erdgasleitung sollen hier zwischengelagert werden
Bei der Einrichtung der Baustelle musste der Boden verdichtet und sozusagen "tiefergelegt" werden, damit dort später tonnenschwere Lkw die Leitungsrohre verladen können. Tatsächlich ist mit bloßem Auge zu erkennen: Das Baufeld liegt etwa einen bis zwei Meter unterhalb der Höhe der umliegenden Äcker. Bei diesen Grabungen wurden die Archäologen fündig - und zwar weitaus reichlicher, als man das ursprünglich erwartet hatte. Das teilten die Verantwortlichen am Montag bei einem Pressetermin vor Ort mit.
Fund bei Heidelberg: Gewandspangen aus der römischen Kaiserzeit
Die archäologischen Funde liegen an der Baustelle schön aufgereiht, sorgfältig verpackt und nummeriert auf einem Tisch oder in Kisten. Darunter sind auch zwei, drei sogenannte Fibeln. Das sind den Archäologen zufolge Gewandspangen, mit denen man seinerzeit sein Gewand fixieren konnte, damit es nicht verrutscht. Die Spangen sind nur etwas größer als eine Zwei-Euro-Münze. Sie seien die spektakulärsten und außergewöhnlichsten Funde, so René Wollenweber vom LAD. Sie stammen aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus, wurden entweder von den Römern oder den Germanen hergestellt. Die Teile sind allerdings so klein, dass vor den Grabungen Spezialisten mit Metalldetektoren auf dem Baufeld unterwegs waren.
Es ist ganz selten, dass solche Fibeln so erhalten sind wie hier - mit Nadel, Bügel und Spirale. Sie funktioniert wie die heutige Sicherheitsnadel.
Antikes Hundegrab auf Baustelle
Etwa dreißig Meter weiter kniet ein Archäologe mit Helm und gelber Warnweste über den Überresten eines Hundes. "Vielleicht ein Terrier", vermutet der Experte. Mit kleinen Pinseln, Mini-Maurerkelle und weiteren Spezialwerkzeugen legt er das Skelett des Hundes nach und nach frei. Sein Eindruck: Das tote Tier wurde von seinem Besitzer wohl ganz bewusst auf die Seite gelegt und in dieser Haltung begraben. Die Arbeit an einem solchen Skelett kann schon mal mehrere Tage dauern. Um sich vor der Sonne zu schützen, hat der Mann neben dem antiken Hundegrab einen Schirm aufgestellt, der ihm Schatten spendet.
Möglicherweise haben hier Neckarsueben gelebt
Die Baustelle samt den etwa ein Dutzend archäologischen Ausgrabungsstellen liegt mitten zwischen landwirtschaftlich genutzten Äckern, im Niemandsland zwischen Heidelberg, Edingen-Neckarhausen und Eppelheim (Rhein-Neckar-Kreis). Vor rund 2.000 Jahren könnte es hier laut dem Landesamt für Denkmalpflege eine Siedlung gegeben haben, in der möglicherweise Menschen aus dem germanischen Stamm der Neckarsueben gelebt haben. Darauf jedenfalls deuten die archäologischen Befunde auf der Baustelle hin. So gibt es hier mehrere Stellen, an denen wohl sogenannte Grubenhäuser standen - einfache Bauten für Gerätschaften oder Waren, mit denen die Neckarsueben wohl gehandelt haben - sehr wahrscheinlich mit den römischen Besatzern. In manchen Gräbern hier wurden auch römische Münzen gefunden, das könnte ein Beleg dafür sein.
Unbefugte mit Metalldetektoren nachts auf der Baustelle?
René Wollenweber vom LAD teilte dem SWR mit, dass sich in den vergangenen Wochen Unbekannte mehrfach unbefugt Zutritt zu der Baustelle verschafft haben. Die archäologischen Mitarbeiter haben demnach dort Fußspuren und "unautorisierte" Erdlöcher festgestellt. Wollenweber geht davon aus, dass dort nachts Personen mit Metalldetektoren unterwegs waren. Das Problem: In den sozialen Medien werde sofort in Umlauf gebracht, wenn irgendwo größere Erdarbeiten stattfänden. Das locke dann selbsternannte Schatzsucher an. Wollenweber merkte an, dass das Betreten der Baustelle mit Metallsensoren nicht nur verboten, sondern auch gefährlich sei, weil sich eventuell auch noch Kampfmittel im Boden befinden könnten.
Bauherr terranets BW teilte dazu auf SWR-Anfrage mit, es sei bis jetzt nichts von der Baustelle gestohlen worden. Auf Empfehlung des Landesdenkmalamts habe man allerdings die Baustelle umzäunt und dort eine Bewegungskamera installiert. Mehr Schutzmaßnahmen plane man nicht - eine hundertprozentige Sicherheit gebe es nie.
Funde werden in Landesamt für Denkmalpflege archiviert
Spätestens Mitte September soll das Rohr-Lager hier fertig sein, dann werden die archäologischen Fundstücke längst in Sicherheit sein, genauer gesagt: In den Räumlichkeiten des Landesamts für Denkmalpflege. Dort werden sie mit speziellen Mitteln behandelt, die sie vor Korrosion (Zersetzung) schützen, teils werden sie restauriert und dann archiviert. Ob sie vielleicht irgendwann mal im Rahmen einer Ausstellung in einem Museum zu sehen sein werden, steht laut dem LAD noch nicht fest.
Bauarbeiten für Erdgasleitung "voll im Zeitplan"
Die archäologischen Arbeiten haben übrigens den Baufortschritt für die Erdgasleitungstrasse nicht entscheidend behindert. Eine terranets-Sprecherin sagte dem SWR, man liege beim aktuellen rund 60 Kilometer langen Bauabschnitt zwischen Heidelberg und Heilbronn noch voll im Zeitplan und habe bereits bei der Projektplanung die archäologischen Untersuchungen mit einberechnet. Die Kosten für den Leitungsbau allein in diesem Abschnitt liegen laut terranets bei etwa 200 Millionen Euro. Davon aber machten die archäologischen Ausgrabungsarbeiten nur einen kleinen Bruchteil aus, hieß es.