Lamija hat sich vorbereitet. Für sie und ihre Freundin Alisa ging es nach Karlsruhe, wo sie an einer Mahnwache zum 30. Jahrestag des Genozids von Srebrenica teilnahm.
Die beiden Mannheimer Freundinnen haben eine Gemeinsamkeit: Ihre beiden Väter stammen aus Srebrenica. Als der Jugoslawienkrieg 1991 begann, flüchtete Lamijas Vater zusammen mit seiner Mutter nach Österreich. Als sich der Konflikt drei Jahre später zuspitzte und bosnisch-serbische Truppen zusammen mit serbischen Paramiltärs in Srebrenica einmarschierten, war Alisas Vater noch vor Ort. Fünf Tage lang musste er sich ohne Verpflegung im Wald durchschlagen, ehe er sich auf bosnisches Gebiet retten konnte.
Während die Väter der beiden Mädchen damals also überlebten, verloren zahlreiche andere männliche Familienmitglieder ihr Leben: Bei der Belagerung von Srebrenica wurden sie hingerichtet.
Opa, Onkel, Cousins: Lamija verliert insgesamt acht Familienmitglieder
"Als ich acht war, habe ich zum ersten Mal erfahren, was meinen Familienmitgliedern und über 8.372 weiteren Menschen in Srebrenica geschehen ist." Mit 14 Jahren schreibt Lamija ihre Gedanken auf und verfasst eine Rede zum Gedenken der Opfer des Genozids. Diese verfeinert sie jedes Jahr, passt sie an ihre Sprechweise an und hält sie auf Gedenkveranstaltungen am 11. Juli. Bei der Belagerung von Srebrenica sterben Lamijas Opa, dessen Eltern und Geschwister sowie deren Söhne. Der jüngste ist gerade mal 16 Jahre alt. In ihrer Rede sagt sie: "Wir stehen heute nicht hier aus Wut und Hass. Wir sind hier, um an Srebrenica und ihre Opfer zu erinnern, sie niemals zu vergessen."
Genozid an den Bosniaken
Während das ehemalige Jugoslawien zerfiel, kam es zu blutigen Auseinandersetzungen an verschiedenen Fronten. Bosnisch-serbische Truppen haben mithilfe von den Überbleibseln der jugoslawischen Armee versucht, Teile des heutigen Bosnien & Herzegowina an sich zu reißen. Gleichzeitig gab es auch kroatische Bemühungen, gewaltsam Gebiete einzunehmen. Erst das Dayton-Abkommen von 1995 konnte nach dreieinhalb Jahren einen Frieden in die Region bringen.
Die Bosniaken, die zur größten Bevölkerungsgruppe Bosniens gehören, sind während des Krieges einem Genozid ausgesetzt gewesen. Im multiethnischen Bosnien befürworteten vor allem die Bosniaken einen unabhängigen bosnischen Staat. Alleine im Zuge der Besetzung von Srebrenica im Juli 1995 wurden über 8.000 Bosniaken hingerichtet. Der Völkermord in Srebrenica gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.
Friedensmarsch in Karlsruhe
Anlässlich des 30. Jahrestags des Genozids in Srebrenica veranstaltete die Gesellschaft für bedrohte Völker und die DZEMAT Karlsruhe (Bosniakisch-Deutschen Gemeinde) einen Friedensmarsch mit anschließender Mahnwache. Der Marsch begann am Freitagabend am Kirchplatz St. Stephan und endete am Schlossplatz.
Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) eröffnete dort das Anschlussprogramm. Geplant waren verschiedene Beiträge, unter anderem von der Jugendgruppe der DZEMAT Karlsruhe. Etwa 200 bis 250 Menschen haben am Marsch teilgenommen. Auch Lamija war unter ihnen.
Der Frieden in Bosnien: Zerbrechlich
Auch wenn der Vertrag von Dayton 30 Jahre lang für Frieden sorgen konnte, beendet hat er den Konflikt nicht. Die Leugnung des Genozids ist nicht nur in Serbien Alltag. Auch bosnische Politiker wie der ehemalige Bürgermeister von Srebrenica, Mladen Grujicic, der Präsident Serbiens, Aleksandar Vucic, und der Präsident des serbischen Teils Bosniens, Milorad Dodik, spielten die Geschehnisse von Srebrenica nach Einschättzung ihrer Kritiker in der Vergangenheit wiederholt herunter. Milorad Dodik sagte diesbezüglich vor kurzem "die Armee der Republika Srpska ist eine Armee der Freiheit. Sie hat keinen Genozid verübt. Es gab ein Verbrechen und Verurteilungen. Aber die Zahl von 8.000 Toten ist ausgedacht. Rund um Srebrenica gab es seit Kriegsbeginn 3.600 getötete Serben. Es gab genauso ein Verbrechen an der serbischen Bevölkerung".
Bosnien-Herzegowina: Ein zerbrechlicher Frieden
Bald wieder Krieg in Bosnien-Herzegowina? Auch 30 Jahre nach Kiregsende ist der Konflikt nicht gelöst. Die ARTE-Doku entschlüsselt die komplexe geopolitische Lage der Balkanregion.
Lamija fühlt dennoch keinen Hass für die damaligen Täter von Srebrenica, ihr geht es bei ihren Bemühungen darum, die Erinnerung an die Opfer zu bewahren. In ihrer Rede heißt es wörtlich: “Meine Oma hat mir ihre grausamen Erfahrungen und das, was sie gesehen und erlebt hat, nie erzählt, um Hass gegen die Täter zu empfinden und zu verbreiten.”