Eirliani Abdul Rahman hat einen mutigen Schritt gewagt: Die Wissenschaftlerin verließ die Universität Harvard in den USA, um nach Deutschland zu ziehen. Anfang März kam sie in Mannheim an. Bis dahin sagt sie, sei ihr gar nicht bewusst gewesen, wie angespannt sie war. Doch schon einen Tag später habe sie die Veränderung gespürt.
Ich war ruhiger. Es ist so eine Erleichterung, die USA an diesem Punkt zu verlassen.
Abdul Rahman beschreibt die Zustände in den USA als belastend für sie: "Wenn man in einem quasi faschistischen Regime lebt, versteht man oft nicht, was das mit einem macht. Man ist sehr, sehr wachsam." Jeden Morgen sei sie in Sorge aufgewacht, ob neue politische Entscheidungen ihre Arbeit oder ihr Leben beeinträchtigen könnten.
Wissenschaft im Spannungsfeld von US-Politik Trumps und Meinungsfreiheit
Die Trump-Regierung und ihre Nähe zu großen Tech-Konzernen habe Abdul Rahman ihre Arbeit im Bereich der Online-Kommunikation und Meinungsfreiheit stark erschwert, sagt sie. Beide würden nach eigenen Regeln spielen, sagt sie und berichtet von einer "abschreckenden Wirkung" auf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den USA. Auch für sie selbst sei es extrem schwer gewesen, noch an ihrer eigentlichen Forschung im Bereich Internet-Belästigung zu arbeiten.
Tech-Firmen und die Trump-Administration sind eng verzahnt.
Doch die Angst vor Repressalien treffe die gesamte Bevölkerung. Ein Beispiel: Förderanträge (Anm. d. Redaktion: hier am Bespiel National Institutes of Health, NIH) unterliegen strengen Einschränkungen. "Es gibt 200 Wörter, die nicht verwendet werden dürfen, darunter Begriffe wie 'Frauen', 'Indigene' oder 'LGBTQ'. Solche Einschränkungen sind Teil des Alltags geworden", umreißt Abdul Rahman. Für sie untragbar.
Deutschland: Zufluchtsort und neue Heimat in Mannheim
Der Wechsel nach Mannheim sei ihr sehr leicht gefallen, erzählt die Wissenschaftlerin weiter. Deutschland und die Uni Mannheim bieten ihr nicht nur berufliche Perspektiven, sondern auch ein Gefühl von Zugehörigkeit, sagt sie. Die Forscherin hat bereits in ihrer Kindheit Deutsch gelernt, war von 2007 bis 2011 in diplomatischen Positionen in Berlin tätig. "Für mich ist es wie eine Rückkehr. Ich habe hier alte Freunde und fühle mich sehr wohl", sagt sie.
Die Universität Mannheim beschreibt sie als "einladenden Ort". Besonders beeindruckt habe sie die Offenheit in der wissenschaftlichen Zusammenarbeit. Und, dass sie ihre Arbeit frei und ungehindert fortsetzen könne.
Ich schätze mich wirklich sehr glücklich, dass ich hierher zurückkehren kann.
KI im Kampf gegen Kinderhandel in Indien einsetzen
Abdul Rahman erhielt durch die Förderung der Baden-Württemberg-Stiftung die Zusage für einen dreijährigen Aufenthalt. Außerdem die Option auf eine Verlängerung um weitere drei Jahre am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES), heißt es von Seiten der Universität Mannheim. Im Rahmen ihres aktuellen Forschungsprojekts will sie bis Ende 2027 einen Prototypen für ein KI-gestütztes Tool zur Bekämpfung von Kinderhandel in Indien entwickeln. Dank einer Förderung der Baden-Württemberg-Stiftung kann sie nun mindestens drei Jahre lang am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung arbeiten und ihr neuestes Projekt verfolgen. Sie hat davor bereits über ein Jahrzehnt lang mit dem Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi in Indien zusammengearbeitet, um Kinderhandel und sexuellen Missbrauch von Kindern zu bekämpfen. In Indien wurden laut dem Kriminalitätsbericht der Regierung im Jahr 2023 rund 82.000 Kinder entführt.
Künftig sollen es beispielsweise spezielle Heatmaps möglich machen, zusammenhangslose Datensätze zu bündeln, um so Strafverfolgungsbehörden bei der Planung von Einsätzen zu unterstützen. So soll die Infrastruktur zur Bekämpfung des Menschenhandels gestärkt werden. Ein Pilotprojekt läuft derzeit im im indischen Bundesstaat Odisha. Eirliani Abdul Rahman geht es nicht um bloße Theorie. Die Forscherin möchte KI in der Praxis einsetzen. Die nötige Ruhe für ihre Forschung scheint sie zu nun gefunden zu haben.