"Das Auge isst mit", zitierte Mercedes-Chef Ola Källenius bei der Präsentation des neuen E-Autos der Marke ein deutsches Sprichwort. Das sei der Grund, so Källenius weiter, warum der neue elektrische SUV auch den Beginn einer neuen Design-Ära bei Mercedes darstelle.
Besonders markant an dem neuen Fahrzeug, das bei der Mercedes-Show auf der IAA in schlichtem Weiß auf die Bühne gefahren kommt, ist der auffällige Kühlergrill im Retro-Design. Er erinnert an die Mercedes-Modelle der 60er- und 70er-Jahren, beleuchtet mit Hunderten Lichtpunkten.
Aber nicht nur optisch, sondern auch sonst will der elektrische GLC überzeugen - er soll, meint Källenius, das Beste liefern, was die E-Mobilität momentan zu bieten hat. Denn es steht viel auf dem Spiel für Mercedes. Der neue E-GLC ist ein Symbol dafür: Mit dem neuen Fahrzeug will sich das Unternehmen endlich im internationalen Wettbewerb der Elektroautos behaupten.
Bisher verkauft Mercedes zu wenige E-Autos
Dabei kommt dem neuen SUV eine Schlüsselrolle zu. "Der GLC ist das meistverkaufte Modell bei Mercedes-Benz, deswegen ist dieses Auto so wichtig", sagt Källenius. Die E-Variante soll an den Erfolg des Verbrenners anknüpfen. Der Markt für die SUVs wächst, die Stuttgarter hoffen, mit dem neuen Modell deutlich mehr elektrische Fahrzeuge zu verkaufen, so Michael Gerster von der Zeitschrift Automobilwoche. Und auch Autoexperte Stefan Bratzel spricht von einem extrem wichtigen Modell für Mercedes.
Der Hersteller muss liefern. Denn aktuell setzt kein anderer deutscher Autobauer anteilig weniger Stromer ab als das Unternehmen aus Stuttgart. Zwischen April und Juli waren nur 7,7 Prozent aller verkauften Autos vollelektrisch, Konkurrent BMW kommt auf rund 18 Prozent.
Källenius wirbt dafür, das "Verbrennerverbot" zu überdenken
Eine miese Bilanz, auch für Mercedes-Chef Ola Källenius, der noch vor ein paar Jahren davon sprach, dass Mercedes bis 2030 nur noch E-Autos anbieten wolle. Dieses Ziel hat der Schwede mittlerweile kassiert. Als Chef des europäischen Autoherstellerverbands ACEA wirbt Källenius außerdem dafür, das so genannte "Verbrennerverbot", das die EU für 2035 plant, zu überdenken. Der Weg zur Klimaneutralität erfordere "mehr Pragmatismus und Flexibilität, um den Motor der europäischen Automobilindustrie am Laufen zu halten", heißt es in einem offenen Brief von Källenius an Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.
Am Ziel der Klimaneutralität bis 2050 will der Mercedes-Chef nicht rütteln. Allerdings müssten die Rahmenbedingungen in Europa stimmen, wie beispielsweise die Ladeinfrastruktur. Er fordert, in die Voraussetzungen für die E-Mobilität müsse deutlich mehr und schneller investiert werden.
Mercedes setzt langfristig auf E-Mobilität
Doch letztendlich ist auch bei Mercedes klar: Dem E-Auto wird die Zukunft gehören. Umso wichtiger also, dass der Hersteller zeigen kann, dass er in diesem Segment vorne mitspielen und Autos produzieren kann, die weltweit nachgefragt sind.
Technologisch ist das neue E-Modell aus Sicht von Michael Gerster von der Automobilwoche auf einem Top-Niveau. Das Fahrzeug sei von der Software her definiert. Und mit der hohen Reichweite (der Hersteller selbst spricht von mehr als 700 Kilometern) und der kurzen Ladezeit (innerhalb von 15 Minuten kann das Auto etwa 400 Kilometer Reichweite nachladen) seien alle Nachteile der E-Mobilität passé, so Gerster.
Zum Preis macht das Unternehmen keine Angaben. Die Verbrenner-Variante beginnt bei etwa 54.000 Euro. Laut Källenius nähern sich die Preise von E-Autos und Verbrennern aber an. Produziert wird das neue E-Auto in Bremen.
Entscheidend sind die Verkäufe in China
Später soll dann eine Lang-Version speziell für den chinesischen Markt in Peking hergestellt werden. Und vor allem dort muss der elektrische GLC performen, das neue Modell solle die Wende auf dem chinesischen Markt bringen. Momentan läuft es nicht für Mercedes in China. Kundinnen und Kunden kaufen vor allem E-Autos heimischer Marken.
Das Problem der Schwaben: der Preis. Die chinesische Konkurrenz bietet ihre Modelle deutlich günstiger an. "Ich befürchte, dass Mercedes da nicht mit den lokalen Anbietern mitgehen kann", erklärt Gerster. Ob der Hersteller mit neuen elektrischen Fahrzeugen eine nachhaltige Wende in China erreichen kann? Gerster ist skeptisch. Und auch Bratzel erklärt, der Preiskampf, der momentan in China tobt, sei eine große Herausforderung: Um höhere Preis rechtfertigen zu können, müsse Mercedes deutlich mehr bieten als die Konkurrenz, "das sehe ich im Moment eben noch nicht".
Konkurrenz aus Deutschland: BMW
Auch Mercedes-Konkurrent BMW hat kurz vor der IAA den nächsten Schritt in Richtung E-Mobilität getan und seine "Neue Klasse" präsentiert. Technologisch sind beide Hersteller nach Einschätzung von Gerster auf Augenhöhe. Der Unterschied bestehe im Design. "BMW geht hier einen minimalistischeren Ansatz, Mercedes setzt auf das Gefühl des Heimkommens, auf traditionelle Markenwerte, man soll sich wohlfühlen in dem Fahrzeug." Welches Konzept bei den Käuferinnen und Käufern besser ankommt, wird sich noch zeigen. Beide E-Autos sollen noch in diesem beziehungsweise Anfang 2026 Jahr auf den Markt kommen.