639 Viertklässlerinnen und -klässler können im kommenden Schuljahr in Baden-Württemberg aufs Gymnasium gehen, obwohl sie zunächst keine entsprechende Empfehlung ihrer Grundschule bekommen hatten. Sie haben die Prüfungen beim Potenzialtest bestanden. Das teilte das Kultusministerium mit. "Der Potenzialtest hat seine Aufgabe erfüllt und eine weitere Zugangsmöglichkeit zum Gymnasium eröffnet", so Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne).
Test in Deutsch, Mathe und logischem Denken
Insgesamt hatten am 18. Februar 2.075 Schülerinnen und Schüler an dem Potenzialtest teilgenommen. Das entspricht in etwa 2 Prozent aller Viertklässler. Rund ein Drittel (31 Prozent) haben den Test laut Kultusministerium bestanden. Knapp ein Viertel der Kinder, die den Potenzialtest bestanden haben, habe seine Eignung durch gute Leistungen im überfachlichen Teil erbracht - also im logischen Denken.
Der Potenzialtest ist Bestandteil der neuen Grundschulempfehlung, die die grün-schwarze Landesregierung wieder eingeführt hat. Der Test vom Februar dauerte eine Stunde und setzte sich aus drei Teilen zusammen: Deutsch, Mathematik und Aufgaben zum logischen Denken.
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Ziel des Potenzialtests war es laut Kultusministerium, mit landesweit einheitlichen überfachlichen und fachlichen Aufgaben herauszufinden, ob Kinder trotz einer anderslautenden Schulempfehlung doch den Anforderungen im Gymnasium gewachsen sind.
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GEW übt grundsätzliche Kritik
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) reagierte auf die Ergebnisse des Potenzialtests mit einer grundsätzlichen Kritik: Die Trennung der Kinder nach Leistung in der vierten Klasse sei unsinnig. "Sie produziert unnötig Verlierer und ist für erfolgreiche positive Lernprozesse in einer modernen Gesellschaft kontraproduktiv", sagte Monika Stein, Landesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft, dem SWR.
Insgesamt bezeichnet die GEW die Daten, die vom Kultusministerium zum Potenzialtest veröffentlicht wurden, als nicht ausreichend. Es seien noch viele Fragen zum Verfahren offen. Die Bildungsgewerkschaft fordert unter anderem, das Testverfahren - wenn daran festgehalten werde - kindgerecht zu konzipieren. Es habe eindeutige Rückmeldungen in der GEW-Umfrage gegeben, dass die Tests zu lange und zu textlastig waren und dass sie zu früh im Schuljahr stattfanden.
Landeselternbeirat für mehr Aufklärung der Eltern
Sebastian Kölsch, Vorsitzender des Landeselternbeirats Baden-Württemberg, forderte angesichts der Ergebnisse beim diesjährigen Potenzialtest, dass der überfachliche Teil mehr Gewicht bekommen sollte. "Da ein Viertel der erfolgreichen Kinder über den überfachlichen Test, also den eigentlichen Potenzialtest, bestanden haben, sollte dieser Teil künftig dringend der Hauptbestandteil sein", sagte Kölsch auf SWR-Anfrage. Denn hierbei werde ein Bereich getestet, der sonst nicht zwingend im Grundschulalltag vorkomme - anders als beim Wissenstest Kompass 4 und der Einschätzung der Lehrkräfte.
Insgesamt bleibe der Landeselternbeirat bei seiner grundsätzlichen Haltung, so Kölsch: Information und Aufklärung der Eltern seien besser als eine vorgeschriebene Schülerstromlenkung.