Landgericht Stuttgart

Prozess gegen mutmaßliche "Pedo-Hunter" beginnt

In Stuttgart beginnt am Freitag der Prozess gegen vier mutmaßliche "Pedo-Hunter". Die Masche, vermeintliche Pädophile in eine Falle zu locken und auszurauben, macht Ermittlern Sorgen.
 

Teilen

Stand

Von Autor/in Eric Beres

Seit Sommer hat es Kriminalbeamter Julian Gerhard vom Polizeipräsidium Stuttgart mit einem besonderen Fall zu tun: Er und seine Kolleginnen und Kollegen der Ermittlungsgruppe "Teddy" bearbeiten den nach eigenen Angaben bisher größten "Pedo-Hunter"-Fall in Baden-Württemberg. Sie ermitteln gegen 22 Beschuldigte. Über die Internet-Plattform "Knuddels" sollen sie Männer in eine Falle gelockt haben, indem sie sich etwa als 17-jähriges Mädchen ausgaben.

Als es zu dem vermeintlichen Sex-Treffen kommen sollte, griffen die mutmaßlichen Täter ihre Opfer an und raubten sie aus. "Für mich wirkt es so, als wären die Täter inspiriert worden von den ganzen Videos, die im Netz kursieren von den 'Pedo-Hunter'-Aktionen und haben das einfach als Geschäftsmasche ausgenutzt, um an Geld zu kommen,“ sagt Gerhard im SWR-Interview.

Stuttgart

Angeklagte schweigen bei Prozessbeginn Vorwurf versuchter Mord: Selbst ernannte "Pedo-Hunter" in Stuttgart vor Gericht

Vier junge Angeklagte sollen sich im Internet als Frauen ausgegeben haben, um Männer zu Treffen in Stuttgart und Esslingen zu locken und zu überfallen. Nun stehen sie vor Gericht.

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR BW

Die vier Hauptbeschuldigten, alle zum Tatzeitpunkt nicht älter als 19 Jahre, stehen seit Freitag vor der Jugendstrafkammer des Landgerichts Stuttgart. Es geht um 15 Straftaten zwischen Januar 2024 und Juni 2025. Ihnen wird unter anderem versuchter Mord vorgeworfen. Anwälte der Angeklagten, die der SWR im Vorfeld angefragt hatte, wollten sich vor Prozessbeginn nicht zu den Vorwürfen äußern.

Expertin: Nur Spitze des Eisbergs

Der Fall ist nur einer von vielen. Der SWR hat Medienberichte und Pressemeldungen dazu ausgewertet. Rund 20 Fälle - oft mit mehreren Tätern - wurden in den vergangenen vier Jahren bekannt. Die Tübinger Kriminalpsychologin Ursula Gasch sagte dazu im Interview: "Die Spitze des Eisbergs sehen wir im Moment. Das ist eine regelrechte Bewegung, die inzwischen auch bei uns in Deutschland - in Anführungszeichen - ganz gut angekommen ist." In Ländern wie Russland oder in den USA ist das "Pedo-Hunting" schon länger bekannt.

Expertinnen und Experten beobachten unterschiedliche Täter-Motive: Es könne um Abzocke gehen, weil sich die Opfer oft nicht wehrten. Rechtsextreme nutzen das Vorgehen gegen vermeintliche Kinderschänder, um in der Szene zu mobilisieren und zu rekrutieren. Anderen gehe es um das Ausleben von Gewalt.

Häftling träumt von Arbeit als anerkannter "Pedo-Hunter"

Der SWR konnte in einem Berliner Gefängnis mit einem verurteilten "Pedo-Hunter" sprechen, der aktuell eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren und zwei Monaten absitzt. Er berichtet, eine Vergewaltigung einer Minderjährigen in seiner Familie hätten ihn und seinen Bruder zu einem "Pedo-Hunter" gemacht. Laut Urteil bedrohten sie ihre Opfer mit Schlagstöcken, Elektroschockern und Messern und erpressten dabei Geld. Von einer "sehr hohen kriminellen Energie" ist die Rede.  

Die Gewalt bereue er, sagt der Häftling im Gespräch. Es wäre besser gewesen, die mutmaßlichen Täter der Polizei zu überlassen. Dass es nur um Beute gegangen sei, streitet der 33-Jährige ab. Und überhaupt, er könne sich sogar vorstellen, nach seiner Haftentlassung als eine Art öffentlich bestellter "Pedo-Hunter“ mit der Polizei zusammenzuarbeiten. "Wenn es so etwas wie eine Urkunde gäbe für einen anerkannten 'Pedo-Hunter', dann würde ich das machen", sagt er.

"Pedo-Hunter" aus dem Raum Stuttgart

Im Internet tummeln sich zahlreiche Akteure, die vermeintliche Pädophile stellen und ihre Aktionen in Live-Streams inszenieren. Dazu gehört auch Marvin Ojaghi, der in der Nähe von Stuttgart wohnt. Allein auf TikTok hat er mehr als 270.000 Follower. Dem SWR sagt er, er wolle auf das Thema Cybergrooming, Pädophilie und Kindesmissbrauch aufmerksam machen.

Er distanziere sich von Menschen, die sich als "Pedo-Hunter“ bezeichneten, dabei selbst Straftaten ausübten oder Menschen unter Druck setzten, um daraus Profit zu schlagen. Er betreibe keine Selbstjustiz. Die strafrechtliche Bewertung liege ausschließlich bei den zuständigen Behörden und Gerichten.

"Vernehmungsmethoden wie im 19. Jahrhundert"

Expertinnen und Experten wie Ursula Gasch sehen das anders. Sie sieht in den Aktivitäten von Marvin Ojaghi Vorverurteilungen angeblicher Pädophiler. Dessen Befragungen erinnerten sie an Vernehmungsmethoden wie im 19. Jahrhundert. Zudem befürchtet sie, die reichweitenstarken Videos könnten andere dazu inspirieren, ebenfalls zum "Pedo-Hunter" zu werden und dabei sogar Gewalt anwenden. Ojaghi betont, er warne davor, seine Aktivitäten nachzuahmen.

Unbestritten ist, dass Kindesmissbrauch ein großes Problem ist. In Deutschland wurden 2024 mehr als 16.000 Fälle angezeigt. Der Berliner Psychoanalytiker Klaus Beier spricht sogar von einer "Pandemie“. Doch auch er sieht das "Pedo-Hunting" mehr als kritisch. Der Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Berliner Charité betreibt das Projekt "Kein Täter werden". Er bietet Männern mit pädophilen Neigungen Therapie an - auch als Prävention, damit diese keinen Kindesmissbrauch begehen.

Durch "Pedo-Hunting" würden diese stigmatisiert, wodurch die Präventionsarbeit gefährdet werde. "Wir wollen ja erreichen, dass möglichst viele kommen und müssen jetzt daraus den Schluss ziehen, dass solche bürgerwehrähnlichen Aktivitäten dazu führen, dass diejenigen, die eben Ängste haben, umso weniger dann solche Hilfsangebote in Anspruch nehmen. Das ist in hohem Maße bedauerlich, denn wir wissen, dass wir dadurch präventiv wirksam sein können", sagt Beier.

Baden-Württemberg

Vorwurf: 15 Taten zwischen Januar 2024 und Juni 2025 Angriffe bei Fake-Sextreffen? Vier "Pedo-Hunter" angeklagt

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat gegen vier mutmaßliche "Pedo-Hunter" Anklage erhoben. Es geht unter anderem um versuchte Tötungsdelikte und erpresserischen Menschenraub.

Stuttgart

Angeklagte schweigen bei Prozessbeginn Vorwurf versuchter Mord: Selbst ernannte "Pedo-Hunter" in Stuttgart vor Gericht

Vier junge Angeklagte sollen sich im Internet als Frauen ausgegeben haben, um Männer zu Treffen in Stuttgart und Esslingen zu locken und zu überfallen. Nun stehen sie vor Gericht.

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR BW

Stuttgart

Vorwurf: Selbstjustiz und Gewalt Region Stuttgart: Polizei deckt mutmaßliches "Pedo-Hunter"-Netzwerk auf

Mehrere junge Menschen aus dem Raum Stuttgart stehen im Verdacht, gemeinsam und systematisch Männer übers Internet gejagt und dann überfallen und verletzt zu haben.

SWR4 am Mittwoch SWR4

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Eric Beres
Eric Beres Autor

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!