Wer in Baden-Württemberg Psychotherapie in Anspruch nehmen will, braucht oft Geduld. Der Bedarf steigt, die Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind lang. Und die Situation könnte sich verschärfen: Zum 1. April wird die Vergütung für ambulante Psychotherapie um 4,5 Prozent gesenkt.
Psychotherapie: Werden die Wartelisten noch voller?
Für ein "problematisches Signal" hält das Bettina Grande, Psychologische Psychotherapeutin mit Kassensitz in Heidelberg. Der Bedarf sei in den letzten Jahren massiv gestiegen. "Anrufbeantworter und Postfach sind voller Anfragen von Menschen, die sich in akuten Krisen befinden, in großer Verzweiflung sind und oft nur eine einzige Frage haben: 'Darf ich wenigstens auf eine Warteliste?', so Grande. Sie erwartet negative Auswirkungen: Bei steigenden Praxiskosten, wachsender Bürokratie und nun sinkenden Honoraren stelle sich zunehmend die Frage, ob man sich das noch leisten könne. "Die Gefahr ist real, dass Praxissitze künftig nicht nachbesetzt werden - in einer Zeit, in der wir sie dringender brauchen denn je", sagt sie.
Anrufbeantworter und Postfach sind voller Anfragen von Menschen, die sich in akuten Krisen befinden, in großer Verzweiflung sind und oft nur eine einzige Frage haben: 'Darf ich wenigstens auf eine Warteliste?'
Voll sind die Wartelisten auch bei Carolin Ordaz, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in Ludwigsburg. Wegen hoher Fixkosten müsse man sich die Frage stellen, wie man unter diesen Umständen die Praxis aufrecht erhalten könne, sagt sie.
Ähnlich ist die Situation bei der Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Stephanie Jägler-Büchler. Sie berichtete im SWR im September 2025 von ihrer Erfahrung bei der Praxiseröffnung in Bonndorf (Kreis Waldshut): Innerhalb von drei Wochen waren alle Plätze belegt. Familien abzusagen sei für sie belastend: "Die weinen und sind total verzweifelt, das löst auch bei mir Mitgefühl aus." Mehr dazu in der Sendung Zur Sache! Baden-Württemberg vom 4. September 2025.
Beschlossen wurde die Kürzung vom erweiterten Bewertungsausschuss. In diesem Gremium sitzen Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), Vertreter des Spitzenverbands Bund der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband) sowie unparteiische Mitglieder. Kritik kommt dabei von der KV: "Wir bedauern die Entscheidung, die gegen die Stimme der Kassenärztlichen Bundesvereinigung getroffen wurde", teilt ein Sprecher dem SWR mit. Es bestehe die Gefahr, dass die psychotherapeutische Versorgung gefährdet werde, wo es wegen des steigenden Bedarfs bereits heute Engpässe gebe.
Honorarkürzungen für mehr Druck?
Das Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit kritisiert den Beschluss ebenfalls: Er vermute, dass das geringere Honorar die Therapeuten dazu bringen soll, noch mehr Patienten zu versorgen, teilt Sprecher Peter Kirsch mit.
Die Honorarkürzung kann sich auch auf die Weiterbildung auswirken, sagt Ulrike Böker, Psychotherapeutin aus Reutlingen. Nach der Approbation - der Zulassung nach dem Studium - braucht es eine fünfjährige Weiterbildung, um ins Ärzteregister aufgenommen zu werden. Wenn die Vergütung geringer werde und die Finanzierung unsicherer, sei unklar, wie viele Psychotherapeuten in Weiterbildung künftig betreut werden könnten.
GKV spricht von "überproportionalen Honorarerhöhungen"
Der GKV-Spitzenverband begründet den Beschluss damit, dass der Honorarvergleich innerhalb der Ärzteschaft gezeigt habe, dass niedergelassene Psychotherapeuten mit eigener Praxis in den vergangenen Jahren "überproportionale Honorarerhöhungen" erhalten haben. Zudem betont der Verband, dass die Strukturzuschläge für Personalkosten rückwirkend ab 1. Januar 2026 um 14,5 Prozent erhöht wurden. So ergebe sich eine Honorarabsenkung von 2,3 Prozent für dieses Jahr.
Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten gehören im Einheitlichen Bewertungsmaßstab mit zu den am niedrigsten vergüteten Facharztgruppen. Laut Statischem Bundesamt ist der durchschnittliche Reinertrag einer Arztpraxis etwa dreimal so hoch wie im Fall einer psychotherapeutischen Praxis.