Der Hof von Landwirt Manfred Henninger im Schwarzwald liegt eingebettet in einem kleinen Tal in Sankt Georgen (Schwarzwald-Baar-Kreis), zwischen Wald in Wiesen. Henninger spricht offen über etwas, was unter Landwirten noch immer ein großes Tabu ist: Depressionen.
"In der Landwirtschaft sind oft viele Macher. Und in der Landwirtschaft gibt es halt einfach oftmals auch kein Kranksein. Das ist vielleicht ein Schnupfen oder so. Über sowas reden ist schwierig", sagt Henninger.
Seit zwei Jahren plagen ihn Sorgen, Ängste und Schuldgefühle. Situationen, die ihn früher völlig kalt gelassen hätten, sind nun hochbelastend. "Das fühlt sich so an, als wäre man von allen Leuten im Stich gelassen worden", sagt Manfred Henninger. Doch die Arbeit auf seinem Hof lässt keine Pause zu. Ständig neue Auflagen, der Preisdruck der Handelskonzerne und die 40 Milchkühe müssen versorgt werden. Hinzu kommt das Gefühl, nicht mehr gewollt zu sein. "Ohne meine Frau, wäre ich längst nicht mehr da", erzählt er.
Landwirt wartet seit zwei Jahren auf Therapieplatz
Auch nach zwei Jahren hat Henninger noch immer keinen Psychotherapieplatz bekommen. Die nächste Praxis wäre in Villingen-Schwenningen (Schwarzwald-Baar-Kreis), rund 20 Autominuten entfernt. "Alle Psychologen haben einen Aufnahmestopp. Da kommt niemand rein", sagt Henninger, "ich muss mich immer wieder melden und sagen: Ich bin immer noch interessiert. Wenn ich nicht anrufen würde, würden sie mich sofort aus der Liste nehmen". Er müsse unter Umständen noch ein Dreivierteljahr warten. "Ganz klar, das ist nervig", sagt der Landwirt. Bis dahin muss er irgendwie klarkommen.
Die Versorgung von Therapeuten im Land ist vermeintlich gut. Laut Statistik der Kassenärztlichen Vereinigung in Baden-Württemberg (KVBW) haben bis auf zwei Landkreise alle Regionen eine Versorgung von mehr als 100 Prozent - sind statistisch gesehen überversorgt. "Trotzdem kann es sein, dass Patienten Schwierigkeiten haben, einen Termin zu bekommen", erklärt die KVBW auf SWR-Anfrage.
Sie sind selbst auf der Suche nach einem Therapieplatz oder benötigen Hilfe. Hier haben wir mehr Infos dazu zusammengestellt.
Therapeutin: Ich leide mit Patienten mit, die ich nicht annehmen kann
Der Landkreis Waldshut ist so ein Kreis, der mit 113,5 Prozent eigentlich ausreichend versorgt ist - zumindest auf dem Papier. Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Stephanie Jägler-Büchler sagt, die Realität ist eine andere. "Das ist belastend, weil täglich, wöchentlich, mehrmals Anfragen kommen. Und man den Familien absagen muss. Die weinen und sind total verzweifelt, bei mir löst das natürlich auch Mitgefühl aus, ich leide mit denen", sagt sie.
Neue Praxis wurde überrannt
Jägler-Büchler hat in Bonndorf im Schwarzwald (Kreis Waldshut) eine eigene Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Zuvor war sie in einer Psychotherapie-Praxis angestellt. "Ich habe da gemerkt, dass die Versorgung ganz, ganz schlecht ist und es war schon immer eine Idee eine eigene Praxis zu eröffnen". Sie hat einen Antrag auf Sonderbedarf gestellt. Vor einem Jahr konnte sie ihre eigene Praxis eröffnen und wurde von Anfragen überrannt, innerhalb von drei Wochen waren alle Plätze weg.
Wo weitere Praxen aufmachen dürfen, ist gesetzlich vorgegeben und politisch gesteuert. Das Problem sagt sie: Die Zahlen in der sogenannten Bedarfsplanung sind veraltet. Die Politik müsse handeln.
Druck auch bei der Psychotherapeutin
Auch nach einem Jahr wächst ihre Warteliste immer weiter: "Ich traue es mich immer gar nicht zu sagen, aber es sind eigentlich zwei Jahre. Ich habe immer noch welche auf der Liste, die sich letztes Jahr, als ich eröffnet habe, angemeldet haben und ich weiß nicht, wann ich die reinnehmen kann", sagt Jägler-Büchler. Der große Bedarf erzeuge auch bei ihr einen Druck.
Manchmal ertappt man sich dabei, dass man denkt: Ich müsste effizienter arbeiten, Therapien schneller abschließen und mehr Patienten versorgen, um der Lage gerecht zu werden.
Oft sage sie auch Eltern, sie sollen sich an die Krankenkasse wenden. "Geben Sie den Druck zurück ins System, an die zuständigen Stellen. Wir Therapeuten sind da letztendlich auch hilflos und dem ausgeliefert."
Die ganze Sendung "Therapiekrise im Südwesten - Wer hilft, wenn die Seele krank ist?" von Zur Sache! Baden-Württemberg: