Im Kleiderladen von Weinstadt-Beutelsbach (Rems-Murr-Kreis) herrscht gemütliche Betriebsamkeit. Ein Stimmengewirr aus verschiedenen Sprachen - Deutsch, Englisch und Ukrainisch. Drei Frauen stehen zusammen und sprechen über die Situation in ihrem Land. Eine von ihnen stammt aus Tschernihiw im Norden der Ukraine, das immer wieder von russischen Angriffen erschüttert wird.
Am Ende des Gangs stöbert eine junge Mutter nach einer passenden Hose für ihren dreijährigen Sohn, der mit seinem Roller durch die Gänge flitzt. Marlies Lange, ehrenamtliche Mitarbeiterin, fragt die Ukrainerin nach Größe und Farbwunsch. Dabei findet sie zufällig noch Schuhe, die dem Kleinen passen könnten. Sie komme oft in den Kleiderladen, erzählt die junge Ukrainerin und lächelt, denn hier finde sie Second-Hand-Kleidung für sich und ihren Sohn in guter Qualität und zu kleinen Preisen. Und sie fühle sich hier vor allem willkommen. "Wenn ich in den Kleiderladen komme, fühle ich mich wie in einer Familie. Es ist sehr schön", sagt sie.
"Wir schaffen das!" als Impuls für die Stadtgesellschaft
"Im Januar 2016 hatten wir 381, im Juni 650 Geflüchtete in der Stadt. Das war damals der Höchststand", erklärt Lothar Holzwarth, Vorsitzender des Integrationsvereins Weinstadt. Die Stadt war wie viele Kommunen überfordert. Flüchtlingsunterkünfte mussten schnell eingerichtet, kaum vorhandene Strukturen geschaffen werden. Bürgerinitiativen wehrten sich und schlugen Alarm gegen die Neuankömmlinge. Der Satz "Wir schaffen das!" der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel war für Lothar Holzwarth ein wichtiger Impuls.
Ich habe zuerst mal gesagt, wer ist denn wir? Ist es die Politik? Ist es die Verwaltung? Ist es die Zivilgesellschaft? Wen hat sie denn mit wir gemeint? Bis ich gemerkt habe, irgendwie uns alle.
Etwa 40 Ehrenamtliche des damaligen Freundeskreises Asyl und späteren Integrationsvereins Weinstadt wurden aktiv. Sie organisierten Arztbesuche und Kinderbetreuung, gründeten den Kleiderladen, halfen bei der Wohnungssuche und begleiteten die Geflüchteten zu Behörden. "Wenn es euch nicht geben würde, müsste ich jeden Tag die weiße Fahne aus dem Rathaus hängen." Das habe damals der ehemalige Oberbürgermeister in einer öffentlichen Veranstaltung gesagt, sagt Holzwarth stolz und lächelt.
Vom Sprachunterricht bis hin zu praktischen Fragen
Ehrenamtliche wie der pensionierte Lehrer Dietrich Kunze organisierten kurzum Sprachunterricht für Flüchtlinge. Dabei ging es auch darum, Kontakte zu knüpfen und bei allen möglichen, auch praktischen Fragen zu helfen: "Wo finde ich eine Wohnung, wer kann mir bei dem Ausfüllen eines Antrags helfen?"
Ein BW-Rückblick 10 Jahre "Wir schaffen das": Wo stehen wir bei der Migrationspolitik heute?
Der Satz, den Angela Merkel 2015 zur Hochzeit der Migrationsbewegung sagte, hat die vergangenen zehn Jahre geprägt, wie wahrscheinlich kein anderer - auch in Baden-Württemberg.
Drei Mal in der Woche wechselt das 14-köpfige Mitarbeiterteam und hält den Kleiderladen seit seiner Gründung vor zehn Jahren am Laufen. Von Anfang an dabei ist neben Marlies Lange auch Ute Kohlfal. Angefangen habe alles mit einer riesigen Spendenaktion, erklären die beiden Rentnerinnen, und zeigen Fotos, auf denen jede Menge Kartons mit Kleidern zu sehen sind. "Damals kamen vor allem syrische Familien und Menschen aus afrikanischen Ländern zu uns", erinnert sich die heute 77-jährige Lange.
Wir haben von Anfang an darauf geachtet, dass es keinen Sozialneid zwischen Bedürftigen und Geflüchteten gibt.
Alle, die einen Tafelausweis haben, sind im Kleiderladen genauso herzlich willkommen wie die Geflüchteten aus unterschiedlichen Ländern. "Hier lernen wir die Schicksale vieler Geflüchteter und unterschiedliche Kulturen und Religionen kennen", sagt Kohlfal. Das habe ihren Horizont erweitert und einen anderen Blick auf die Welt verschafft. Aber vor allem entstünden persönliche Beziehungen: "Manche Ukrainerinnen lassen sich auch mal in den Arm nehmen, wenn sie Trost brauchen, und das finde ich schön."
Junges Brüderpaar aus Syrien fasst Fuß in Weinstadt
Unter den syrischen Geflüchteten war 2015 auch Familie Nasan Agha. Adnan war damals acht, sein Bruder Taim sieben Jahre alt. "Eigentlich wollten wir nach Norwegen flüchten, denn dort leben unsere Großeltern. Aber an der Grenze wurden wir abgefangen und durften nicht mehr weitergehen", erinnern sich die beiden Brüder. Dank der Unterstützung von Ehrenamtlichen wie Dietrich Kunze, fassten Adnan und Taim in Weinstadt schnell Fuß, fanden Freunde und lernten Deutsch.
Integrationsverein wirbt für gegenseitiges Verständnis
Doch sei nicht immer alles einfach gewesen, auch für die Ehrenamtlichen. Da 2015 sehr viele Flüchtlinge nach Weinstadt kamen, habe man in der Bevölkerung für Verständnis werben müssen, erzählt die heute 75-jährige Ehrenamtliche Gisela Härle. Auch sie war von Anfang mit dabei, spricht von Integrationsarbeit auf beiden Seiten. "Dann hieß es oft, dein Asylbewerber hat jetzt wieder dies oder das gemacht", erinnert sie sich. "Ich habe immer meine Telefonnummer gegeben, wenn ich eine Wohnung vermittelt habe. Wenn was ist, ruft mich an."
Integrationsverein Weinstadt hat heute 340 Mitglieder
Der unermüdliche Einsatz der Ehrenamtlichen hat sich gelohnt. Heute zählt der Integrationsverein Weinstadt knapp 340 Mitglieder, zwei Drittel davon sind Geflüchtete, die heute in Weinstadt ihre Heimat gefunden haben. Sie organisieren Sprachunterricht, Ausflüge, Feste, Fußballturniere und betreiben eine Fahrradwerkstatt. Die Kommunalverwaltung habe in den letzten Jahren Sozialarbeiter und Integrationsmanagerinnen eingestellt und daraus sei ein gut funktionierendes Netzwerk zwischen kirchlichen Vertretern, dem Bürgermeister sowie haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden entstanden, erklärt der Vorsitzende Holzwarth.
Wir sind stolz auf unsere Arbeit, denn wir haben einen Teil zum sozialen Frieden in unserer Stadt beigetragen.
Allerdings sei die ehrenamtliche Arbeit in den vergangenen fünf Jahren schwieriger geworden. Denn eine Wohnung zu finden, ist auch in Weinstadt ein Riesenproblem. "Dazu die überlasteten Behörden, die hohe Fluktuation bei den Geflüchteten und der zunehmende Rassismus verändert das Klima", erklärt die 75-jährige Härle. Trotz allem lohne sich das Engagement. Die syrischen Brüder Adnan und Taim seien hierfür das beste Beispiel. Sie seien in der Schule erfolgreich und engagierten sich in der Gesellschaft. "Vor kurzem habe ich Syrien besucht", sagt der 18-jährige Adnan. "Und habe erkannt, Deutschland ist wirklich meine Heimat."