"Sie sind jetzt schon hier seit 2016", sagt Richard Arnold. "Das sind fast zehn Jahre. Da muss man Deutsch können." Der Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis) sitzt einem etwa 50-jährigen Syrer gegenüber, den er zum Gespräch eingeladen hat. Der Anlass für die Einladung ist unerfreulich: Der Mann, der mit seiner Familie als Flüchtling nach Deutschland kam, kann sich so gut wie nicht auf Deutsch verständigen, und er arbeitet nicht, obwohl er gesund ist. Zum Termin mit Arnold hat er einen seiner Söhne mitgebracht, der ihm übersetzt, was Arnold zu sagen hat: "Wenn Sie hierbleiben wollen, brauchen Sie einen Deutschkurs und eine Arbeit."
Wenn Richard Arnold (CDU) durch die Straßen von Schwäbisch Gmünd läuft, wird er auf Schritt und Tritt gegrüßt und angehalten. Soweit nichts Ungewöhnliches für einen Bürgermeister. Aber er kennt auch die meisten Flüchtlinge in seiner Stadt persönlich und wird von ihnen erkannt: "Hallo Herr Bürgermeister!" – "Hallo Jungs, wie geht's?" Dass er permanent geduzt wird, stört ihn nicht.
Einen jungen Mann aus Gambia verwickelt er in ein Gespräch: Dass er einen Job gefunden habe, sei schön. Noch besser wäre es aber, er würde eine deutsche Sprachprüfung machen, damit er eine Berufsausbildung beginnen könne. Der Mann entschuldigt sich: Er brauche das Geld, um es an die Familie in Gambia zu schicken, und als Azubi verdiene man erst mal wenig. "Hör auf, nach Ausreden zu suchen", sagt Arnold und fordert ihn auf, am nächsten Tag ins Welcome Center zu gehen, die städtische Anlaufstelle für Geflüchtete.
Integration im Job: Baden-Württemberg auf dem Spitzenplatz
Arbeit ist ein entscheidender Faktor für die Integration. Wie die Flüchtlinge, die 2015 - im Jahr von Angela Merkels "Wir schaffen das" - nach Deutschland kamen, auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassten, untersucht Herbert Brücker von Beginn an. Der Wirtschaftswissenschaftler erinnert daran, dass viele von ihnen mit sehr schwierigen Bedingungen gestartet seien: "Die Menschen kamen aus Krieg und Bürgerkrieg und hatten sehr schwierige Fluchtprozesse." Gemessen daran sei die Integration in den Arbeitsmarkt gut gelungen, so Brücker.
Es handelt sich nicht um eine Bevölkerungsgruppe, die faul ist.
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, für das er arbeitet, hat die aktuellen Zahlen: Nach fünf bis acht Jahren Aufenthalt in Deutschland arbeiten im Bundesdurchschnitt 55,94 Prozent der Schutzsuchenden. Dabei gibt es große regionale Unterschiede: In Baden-Württemberg sind es 71,39 Prozent, der beste Wert von allen Bundesländern. Doch auch die bundesweiten Zahlen seien im europäischen Vergleich Spitze: "Es handelt sich nicht um eine Bevölkerungsgruppe, die faul ist", betont Brücker. "Sondern es ging um junge Menschen, die - bei großen Hürden - etwas bewegen wollten. Und ein erheblicher Teil hat das eben inzwischen auch gemacht."
Integration ist mehr als ein Arbeitsplatz - ein Beispiel aus Schlatthof
Allerdings: Arbeit allein schafft noch keine Integration. Wann ist jemand wirklich angekommen in Deutschland, in der Gesellschaft? Auf dem Schlatthof, wenige Kilometer von Schwäbisch Gmünd entfernt, leben die Webers. Sie haben eine ganz eigene Geschichte von der Willkommenskultur zu erzählen. Vor zehn Jahren haben sie einen jungen Mann aus Somalia bei sich aufgenommen und auf dem Hof als Mitarbeiter angestellt: Amare.
Aus dem Arbeitsverhältnis wurde schnell eine familiäre Beziehung. Amare sei für sie fast gewesen wie ein Sohn, sagt das Ehepaar. Und die Arbeit auf dem Bauernhof - für ihn genau das Richtige. Die Arbeit mit den Kälbern sei Amares Metier gewesen, erzählt Anton Weber, und Ehefrau Barbara ergänzt: "Wenn eins krank war, dann hat er es aufgepäppelt und ihm die Milch manchmal löffelweise gegeben."
Im Dorf feierte Amare, der Muslim, die Fastnacht mit. Um ihm die Integration zu erleichtern, sorgten die Webers dafür, dass die ehemalige Grundschullehrerin ihrer Söhne ihm zweimal pro Woche Deutschunterricht gab. Aber irgendwann habe die Pädagogin gesagt: "Der Speicher bei ihm ist voll. Ich komme nicht weiter." Und Anton Weber erkannte: "Der hat keine Lust mehr gehabt, Deutsch zu reden, er hat Heimweh gehabt."
Der Wunsch, zurückzukehren, sei immer dringender geworden. Ein großes Problem sei gewesen, dass er keine Frau fand, erzählt Barbara Weber: "Ich bin sicher, das war mit der Hauptgrund, weil er ja nicht bloß eine Frau gesucht hat, er wollte ja drei Frauen. Das hat er immer wieder gesagt." Und so hat Amare Anfang 2025 Deutschland verlassen und ist in seine Heimat zurückgekehrt, freiwillig, aus eigener Entscheidung. Am Ende ist es die Geschichte einer gescheiterten Integration - trotz liebevollem Familienanschluss, trotz festem Arbeitsplatz.
Aus Syrien nach BW geflüchtet - heute Integrationsmanager
Völlig anders lief es bei Mohammad Alsahhar. Der Syrer kam ebenfalls 2015 nach Baden-Württemberg, lernte schnell Deutsch, studierte soziale Arbeit und ist heute angestellt beim Caritasverband. Als Integrationsmanager hilft er anderen Geflüchteten, in Deutschland Fuß zu fassen, so etwa in Heitersheim im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Ein großes Thema in seiner Arbeit sind Wohnungen.
Aktuell leben hier rund 140 Flüchtlinge, die die Stadt unterbringen muss. Alsahhar besucht regelmäßig eine Container-Siedlung, in der einige Flüchtlinge wohnen. Fast alle sind berufstätig, verdienen also eigenes Geld. Aber das reicht nicht für eine Wohnung auf dem freien Markt. Die Mieten in der Region sind hoch, auch für Deutsche. Mohammad Alsahhar kann den Bewohnern aktuell nicht mehr bieten als aufmunternde Worte.
Aber die Stadt Heitersheim baut eine neue Flüchtlingsunterkunft mitten in der Stadt, in der bald 30 Menschen wohnen sollen. Alsahhar hofft, die künftige Nachbarschaft werde das Zusammenleben von Heitersheimern und Flüchtlingen erleichtern. "Den Ort finde ich tiptop für Kinder. Es gibt hier auch Kindergarten und Schule", sagt er.
Der Neubau in guter Lage war nicht leicht durchzusetzen in der Stadt, die unter Wohnungsnot leidet. Ursprünglich sollte hier sogar für 60 Flüchtlinge Platz geschaffen werden, berichtet Bürgermeister Christoph Zachow (parteilos): "Das war aber dann kommunalpolitisch umstritten, weil es sehr groß war, so dass man umgeschwenkt ist und gesagt hat: Wir bauen eine kleinere Unterkunft, mehr will man der Nachbarschaft auch nicht zumuten." Und auf der freien Fläche nebenan sollen bald Wohnungen für Einheimische entstehen, das ist dem Bürgermeister wichtig.
Wohnen und Schule - zwei der größten Herausforderungen
Wohnraum ist eine der größten Herausforderungen bei der Integration von Geflüchteten. Der SWR hat eine Umfrage unter allen Land- und Stadtkreisen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gemacht, wo sie Defizite in der Versorgung sehen. Drei Viertel der Kommunen haben geantwortet, und von ihnen gaben 79 Prozent an, dass ihnen Wohnraum fehle.
Ein anderes Problemthema: Schule. In der SWR-Umfrage stimmten 58 Prozent der Kommunen der Aussage zu, dass sie Defizite bei der Versorgung mit Schulplätzen für Geflüchtete haben, dass also etwa Geld, Personal oder Räume fehlen. Nur 21 Prozent antworteten, das treffe bei ihnen nicht oder eher nicht zu.
OB Arnold fordert Atempause für die Kommunen
Auch Schwäbisch Gmünds OB Richard Arnold kennt diese Probleme. Sein Blick auf das Thema Migration und Integration hat sich in den vergangenen Jahren zwar nicht ins Gegenteil verkehrt, aber gewandelt. Er war immer ein überzeugter Vertreter der Willkommenskultur. 2015 sagte er dem SWR: "Es können noch so hohe Mauern gebaut werden oder Zäune errichtet werden - das wird Menschen nicht abhalten. Also ehrlich mit der Situation umgehen." Heute blickt er ernüchtert zurück: "Damals war man auch voller Begeisterung. Man stand am Anfang eines Weges, man hatte noch viel Kraft. Und dann kamen immer mehr und kamen immer mehr, und man hatte auch den Eindruck gehabt: Wie viele kommen jetzt noch?"
Wir sind an unsere Grenzen gekommen.
Inzwischen fordert er eine Begrenzung des Zuzugs. Eine Atempause für die Kommunen nennt er das: "Es geht darum, dass in den letzten Jahren viele Menschen aus allen Kulturen zu uns gekommen sind und wir eine gigantische Herausforderung haben, die zu integrieren, aber dazu brauchen wir Zeit, wir brauchen Geld und wir brauchen dazu auch Manpower. Und wir sind an unsere Grenzen gekommen."
Der syrische Familienvater, der seit 2016 kaum etwas unternommen hat, um Deutsch zu lernen und auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, verspricht am Ende des Gesprächs, umgehend einen Sprachkurs zu beginnen. Richard Arnold hört es gerne und verspricht Unterstützung. Aber in einigen Wochen will er ihn erneut zum Gespräch einbestellen, um zu sehen, ob der Mann seine Ankündigung wahr gemacht hat.
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SWR STORY "Geflüchtet und was dann? 10 Jahre 'Wir schaffen das'"