"Wir schaffen das". Ein einfacher, kurzer Satz, den Angela Merkel bei der alljährlichen Sommerpressekonferenz Ende August 2015 sagte. Ein Satz, der in den ersten Stunden und Tagen nach der Pressekonferenz kaum Beachtung fand. Ganz andere Dinge standen im Sommer 2015 im Fokus.
Wenige Tage zuvor hatte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die sogenannte Dublin-Verordnung für Geflüchtete aus Syrien ausgesetzt. Damit war nicht mehr das EU-Land für ein Asylverfahren zuständig, in das der oder die Geflüchtete zuerst eingereist war. Ohnehin wurde das im Sommer 2015 kaum mehr durchgesetzt. Die Wochen und Monate vor der Pressekonferenz waren geprägt von Überforderung. Überforderung des BAMF, die vielen Asylsuchenden sorgfältig zu registrieren - und die Überforderung der Kommunen, sie ordentlich unterzubringen.
Wie sieht es aus in Baden-Württemberg 10 Jahre nach "Wir schaffen das"? Ein Rückblick:
Willkommenskultur und überforderte Kommunen
Gut 101.000 Asylanträge, nur in Baden-Württemberg und nur im Jahr 2015 - bis zum Juli 2025 sind es insgesamt 291.000: Die ersten Wochen und Monate nach Merkels "Wir schaffen das" sind geprägt von großer Solidarität in der Bevölkerung. Geflüchtete werden begrüßt mit bunten Plakaten und Applaus. Doch allzu bald wird klar, dass die Herausforderungen wohl noch viel größer sind als gedacht.
Landkreise und Kommunen schlagen Alarm: "Dass die aus Syrien geflüchteten Menschen den Landkreisen buchstäblich vor die Tür gestellt wurden und von uns innerhalb kürzester Zeit untergebracht und versorgt werden mussten, bleibt für mich als Landrat das zentrale und prägende Erlebnis", erinnert sich Tübingens Landrat Joachim Walter (CDU) heute gegenüber dem SWR. Die Geflüchteten müssen 2015 teilweise über längere Zeit in Sporthallten oder Zelten untergebracht werden.
Ende 2015 wird in Heidelberg ein Modellversuch gestartet, weitere Standorte in Deutschland folgen: In sogenannten Ankunftszentren soll die Registrierung von Geflüchteten, die medizinische Untersuchung und das Asylverfahren an einem Ort gebündelt werden. Das Ziel: die Wartezeit und damit auch die Asylverfahrensdauer verkürzen. Nach dem Heidelberger Modell werden mehrere Ankunftszentren in ganz Deutschland gebaut.
Hauptproblem: Fehlender Wohnraum
Die Landeserstaufnahmeeinrichtungen in Baden-Württemberg platzen bald aus allen Nähten. Im September 2015 machen Flüchtlingshelfer auf die Zustände in der Landeserstaufnahmeeinrichtung Ellwangen (Ostalbkreis) aufmerksam. Demnach müssten sich teilweise fünf Personen zwei Matratzen teilen.
Wegen immer weiter steigenden Zahlen minderjähriger Flüchtlinge schreiben mehrere Städte und Landkreise im Jahr 2023 einen Brandbrief an Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Die Forderung: deutlich mehr Unterstützung bei der Unterbringung der unbegleiteten Kinder und Jugendlichen.
Auch heute noch stellt die Unterbringung der Geflüchteten wohl eine der größten Herausforderungen für die Kommunen im Land dar. In einer SWR-Umfrage, an der fast alle Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg teilgenommen haben, gaben 88 Prozent der Stadt- und Landkreise an, dass ihnen Wohnraum zur Unterbringung fehle. Seit 2022 stehen die Kommunen vor einer weiteren Herausforderung: Zu den Asylsuchenden kommen bis heute insgesamt 222.000 Menschen hinzu, die vor Putins Angriffskrieg in der Ukraine nach Baden-Württemberg geflüchtet sind. Auch sie müssen untergebracht werden.
Die anfängliche Hilfsbereitschaft schwindet
In seiner Neujahrsansprache zum Jahreswechsel 2015/2016 dankt Kretschmann den vielen ehrenamtlichen Helfern und ruft zur Akzeptanz von Geflüchteten auf. Dabei verweist er auch auf die Fluchterfahrung seiner eigenen Familie. Die anfänglich große Hilfsbereitschaft wird immer mehr zur Hilfslosigkeit und Ablehnung. Immer wieder kommt es zu Protesten gegen die Unterbringung von Geflüchteten vor Ort oder geplante Flüchtlingsheime. Schon im Spätsommer und Herbst 2015 kommt es in Baden-Württemberg zu mehreren Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte.
Bundesweit sorgt die Silvesternacht 2015/2016 in Köln für große Diskussionen. Hunderte Frauen wurden Opfer sexueller Straftaten in der Kölner Innenstadt, 299 Tatverdächtige wurden in der Folge identifiziert. Die meisten von Ihnen keine deutschen Staatsangehörigen. Auch in Stuttgart kommt es in dieser Nacht zu sexuellen Übergriffen auf Frauen, allerdings in geringerem Ausmaß.
Im Januar 2016 kommt es in der Landeserstaufnahmeeinrichtung in Ellwangen zu einer großen Schlägerei. Rund 50 Flüchtlinge prügeln sich teils mit Eisenstangen und Feuerlöschern. Im Oktober 2016 wird in Freiburg eine Studentin von einem Flüchtling vergewaltigt, ertrinkt anschließend in einem Fluss. Drei Ereignisse, die die Stimmung gegenüber Geflüchteten verschlechtern.
Integration und Arbeitsmarkt
Viel häufiger finden aber Geschichten guter, geglückter Integration statt. Meist ganz klein im Privaten, manchmal auch viel größer. 2023 wählt die Gemeinde Ostelsheim (Kreis Calw) einen neuen Bürgermeister: Ryyan Alshebl war 2015 aus Syrien nach Baden-Württemberg geflohen und wurde zum neuen Stadtoberhaupt gewählt.
Verschiedene Kommunen und das Land fördern Integrationsprojekte. Im Mai 2025 hat Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) zum zweiten Mal den Integrationspreis des Landes für Initiativen verliehen, die das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Integrationsgeschichte in Baden-Württemberg voranbringen.
Und auch vom Arbeitsmarkt gibt es positive Nachrichten. Nach einer neusten Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ist Baden-Württemberg bei der Integration in den Arbeitsmarkt im Bundesvergleich Spitzenreiter. Während hier 66 Prozent der Schutzsuchenden fünf bis zehn Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland arbeiten, sind es in beispielsweise in Brandenburg oder in Mecklenburg-Vorpommern nur 49 Prozent. Schaut man konkret auf die 2015 zugezogenen Geflüchteten, wird deutlich, dass die Integration in den Arbeitsmarkt auch bundesweit erfolgreich war: Ende 2024 lag die Beschäftigungsquote aller in Deutschland lebenden Personen bei 70 Prozent, bei den 2015 zugezogenen Geflüchteten immerhin bei 64 Prozent.
Stimmungsbild 2025
Die aktuelle Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ist stark von der alten Merkel-Linie abgewichen. Die Stimmung in der Gesamtbevölkerung hat sich verändert. Die Einzelschicksale der Geflüchteten stehen immer seltener im Vordergrund, viel mehr sind es die Herausforderungen, die beispielsweise Kommunen bei der Unterbringung und Integration beschäftigen. Das spiegelt sich auch in Baden-Württemberg wider. Ministerpräsident Kretschmann wollte sich im Sommer der Kritik seiner Partei an Bundeskanzler Merz und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) nicht anschließen. Dobrindt hatte verfügt, dass Asylbewerber an den Grenzen zurückgewiesen werden können.
BW-Justizministerin Marion Gentges (CDU) sprach sich in den vergangenen Monaten immer wieder dafür aus, den Kurs des Landes bei Abschiebungen zu verschärfen und plant etwa eine Abschiebehaftanstalt am Stuttgarter Flughafen. Der veränderte Kurs zeigt sich auch schon in konkreten Zahlen. Während laut Justizministerium im Jahr 2022 1.654 Menschen aus Baden-Württemberg abgeschoben wurden, waren es im vergangenen Jahr 2.873. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres schon 2.210, darunter 633 Straftäter.
Angela Merkel sagte zu ihrem "Wir schaffen das" in einer aktuellen ARD-Doku zum Jahrestag , dass sie immer wieder überrascht sei, wie sehr ihr diese drei Worte um die Ohren gehauen wurden. Schließlich "sollten sie nichts anderes ausdrücken, als dass wir vor einer großen Aufgabe stehen". Deutschland sei ein starkes Land. Die Menschen an der Grenze nicht aufzunehmen, sei keine Option gewesen. Ihre Entscheidungen von 2015 würde sie so wieder fällen.