Mit einem Blick schielt Noel Lodahl auf Eseldame Valentina. Der 21-Jährige bringt sie hochkonzentriert auf die Koppel. "Die Esel merken, wenn man unaufmerksam ist und dann versuchen sie, Blödsinn zu machen", erzählt er. Noel ist einer der Bewohner der Autismus-WG auf dem "Lebenscampus Freihof" der Christophsheim GmbH in Göppingen.
Freie Plätze in der Autismus-WG in Göppingen
Seit Mai ziehen nach und nach erwachsene Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) in das renovierte Herrenhaus ein. Zwar sei schon Leben im Haus, erzählt Leiterin Franziska Gerlach, doch noch seien Plätze frei. "Wir belegen mit Bedacht, weil das Autismus-Spektrum sehr weitreichend ist und unser Haus nur Menschen betreuen kann, die ein gewisses Maß an Selbständigkeit mitbringen."
Etwa drei Mal pro Woche kümmern sich die Bewohner zusammen mit den Mitarbeitenden um die Tiere auf dem Hof. Der Umgang mit den Eseln, Schafen und Hühnern soll sowohl die emotionale Stabilität als auch die sozialen Kompetenzen stärken. Außerdem bringe die Arbeit mit den Tieren Struktur in den Alltag und das sei bei Menschen mit ASS besonders wichtig, so Gerlach.
Tiere akzeptieren Noel ohne Hintergedanken
Die Tiere akzeptieren Noel und seine Mitbewohner so, wie sie sind. Sie reagieren im Gegensatz zu Menschen nicht ironisch oder haben Hintergedanken. "Sie helfen mir dabei, mich über den Tag hinweg ein bisschen entspannter und nicht so gestresst zu fühlen", erzählt Noel. Nachdem er die Esel auf die Koppel gebracht hat, pflückt er nun Löwenzahn und Klee für die Kaninchen. Und auch die Hühner warten noch auf Leckereien: Später wird Noel sie mit Mehlwürmern füttern.
Verantwortung übernehmen, eine Beziehung zu einem Lebewesen aufbauen - das sind weitere Lernfelder im Umgang mit den Tieren. "Bei der Autismus-Spektrum-Störung ist die Sensomotorik ein großes Thema. Also: Wie nimmt der Mensch sein Umfeld wahr? Bei Menschen mit ASS kann sich ein Fell erst unangenehm anfühlen, weil es viel zu intensiv ist", erklärt Lukas Knöpfle. Bei der Arbeit mit den Tieren fange man daher erst mit den großen Eseln an. "Erst später geht man zu den kleineren Tieren, wo man sensibler reagieren muss."
Förderung für Menschen im Autismus-Spektrum
Zum Alltag der Autismus-WG-Bewohner gehört auch die Arbeit in der "Werkstatt Wildwuchs". Diese ist ebenfalls auf dem Lebenscampus zu finden. Hier wird handwerklich gearbeitet. Alle Angebote zielen darauf ab, die Menschen im Autismus-Spektrum zu fördern. Für Noel ist die Zeit, in der er für oder mit den Tieren arbeitet, die schönste Zeit. "Ich möchte, dass die Tiere solange sie leben ein schönes Leben haben. Dann bin ich nämlich auch glücklich", erzählt er.