Lektüren von Peter Sloterdijk bis Peter Schäfer

Drei Bücher, mit denen Sie die Bibel besser verstehen

Während der christliche Glaube auf dem Rückzug ist, messen Podcasts die Bedeutung der Bibel für unsere Gegenwart aus. Ist es möglich, das Buch der Bücher ohne „Moralbrille“ zu lesen? Und was bleibt von den Mythen, wenn der Glaube schwindet? Drei Autoren geben Perspektiven auf die Bibel und ihre Wirkung auf Kultur, Philosophie und Politik.

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Von Autor/in Frank Hertweck

Mit dem Glauben scheint es nicht weit her. Man liest allenthalben, der Glauben sei auf dem Rückzug. Und die jüngsten Umfragen der Meinungsforscher bestätigen diesen Eindruck, da sich zum ersten Mal mehr als die Hälfte der Befragten als Ungläubige verstehen. Der Anteil von aktiven Christen ist sogar auf etwa fünf Prozent geschrumpft, also auf ein Zwanzigstel der Bevölkerung.

Auf der anderen Seite gibt es sehr erfolgreiche Podcasts wie „Unter Pfarrerstöchtern“ von den Geschwistern Johanna Haberer und Sabine Rückert, die eben genau das sind, Pfarrerstöchter. Die ist eine langjährige Journalistin bei der „Zeit“, die andere ehemalige Professorin für evangelische Theologie.

Wie geht das zusammen, die Krise einer Institution – und erfolgreiche Podcasts, die die Bedeutung der Bibel für unsere Gegenwart ausmessen?

Die Bibel auf hundert Seiten?

Eine Antwort kann das Reclam-Bändchen „Bibel – 100 Seiten“ liefern, das Johanna Haberer gerade geschrieben hat. Nun mag man denken, die Bibel auf hundert Seiten – geht das? Doch die Bibel war immer ein Steinbruch der Exegese, Einzelzitate sind sozusagen die Standardwährung der theologischen Auslegung.

Weit schwerer wiegt, dass beim Versuch, das „Buch der Bücher“ aufs Heute zu beziehen, es immer seiner historischen und kulturellen Fremdheit unterliegt – sie wird uns nahegebracht, aber eben manchmal zu nahe.

Natürlich ist es schöner, wenn man den Turmbau zu Babel nicht als Geschichte menschlicher Hybris liest, wie wir es noch im Religionsunterricht gelernt haben, sondern als von Gott gewünschte Diversitätsbildung, gleichsam einen Auftrag zu „Multikulti“. Oder den Sündenfall im Paradies als eine Parabel für die Entstehung des menschlichen Bewusstseins.

Bibellektüre ohne „Moralbrille“ nicht möglich

Lesen „ohne sündenverliebte Moralbrille“, nennt Johanna Haberer das. Aber bald 2000 Jahre haben die Kirchen eben diese Brille getragen. Nichts ist düsterer als das Konzept der „Erbsünde“, das spätestens mit dem Kirchenvater Augustinus um 400 n. u. Z. seinen theologischen Siegeszug angetreten hat.

Es besagt, dass mit Adams Fall, dem Essen vom Baum der Erkenntnis, eine Sünde in die Welt gekommen sei, die – wie auch immer technisch – über die Generation weitergetragen wird, unabhängig vom Tun und Lassen des einzelnen Menschen. So leicht wird man diese Tradition als Christ nicht los. Aber es gibt alternative Lesarten, denn von der „Erbsünde“ steht nichts in der Bibel.

Was bleibt also von den Mythen, wenn der Glaube schwindet? Wie hat die Bibel westliches Denken prägt? Wie unterscheiden sich jüdische und christliche Auslegungen der Bibel? Mit welchen Konflikten ist sie entstanden? Und kann sie als Schlüssel zu interreligiöser Verständigung dienen?

Mit diesen drei Lektüren lässt sich das Buch der Bücher besser verstehen.

Schöpfungsgeschichten und ihr theologisches Erbe

Bibel
Adam und Eva im Paradies. Relief am Biblischen Haus in Görlitz, 1572

Der Judaist Peter Schäfer erzählt in seinem Buch „Die Schlange war klug“ die „Geschichte der Antiken Schöpfungsmythen als Grundlage des westlichen Denkens.“ Und man erlebt einige Überraschungen. Dass es zwei Schöpfungsberichte im Alten Testament gibt, kann man vielleicht noch aus dem Religionsunterricht wissen, aber dass nach dem ersten der Mensch gar keine Tiere Essen sollte, sondern als Vegetarier sein Leben fristen, wird schon weniger bekannt sein. Das hatte er mit allen anderen Lebewesen auf dem gerade geschaffenen Planeten gemein.

Aber natürlich geht es Peter Schäfer um mehr. Er möchte Traditionslinien jenseits der Erbsünde aufzeigen, die die biblische Erzählung ebenso bereithält, und findet sie im rabbinischen Judentum, in dem die gleiche Textbasis zu ganz anderen Auslegungen führte. Rabbinisches Judentum, das ist das Judentum nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die Römer im Jahr 70 n.u.Z. Es ist das Judentum der Thora, den fünf Bücher Mose und ihrer Auslegung.

Hier bedeutet die Vertreibung aus dem Paradies ein notwendiger Akt der Erkenntnis und letztlich von Gott geplant. Jetzt weiß der Mensch von Gut und Böse, und darum ist es eine Sünde, wenn Kain seinen Bruder Abel wohl wissend erschlägt. Aber vererbt wird sie nicht, jeder Mensch ist frei, sie zu begehen oder nicht. So sieht es das Judentum.

Damit werden so nebenbei auch die Sonntagsredenflosklen von der jüdisch-christlichen Kultur hinterfragt. Das Judentum und das Christentum sind zwei Religionen mit einer frühen gemeinsamen, aber dann konkurrierenden Geschichte.

Zwischen jüdischer Schrift und christlichem Dogma

Holzschnitt, Szene aus dem Alten Testament
Gideon wählt seine Soldaten: eine Szene aus dem Alten Testament von Gustave Doré, 1863

Wie konfliktreich die Geschichte der Religionen, so zufällig, polemisch, streitbar die Geschichte der Bibel selbst, das zeigen Konrad Schmid und Jens Schröter in „Die Entstehung der Bibel. Von den ersten Texten zu den heiligen Schriften.“

Schon der Plural „Heilige Schriften“ lässt aufhorchen und erinnert daran, dass die Bibel nicht nur innerhalb des Christentums verschiedene Gestalten angenommen hat, die katholische ist zum Beispiel im Textbestand nicht identisch mit der protestantischen, sondern auch die Bibel der Juden ist nicht gleichzusetzen mit dem Alten Testament, mehr noch, die Kanonbildung der hebräischen Bibel ist noch gar nicht abgeschlossen, als die frühen Kirchenväter  eine frühere jüdischen Textsammlung zum Alten  Testament erklärten.

Das alte diente als Ort der Prophezeiungen, die das neue einlöste, sozusagen eine Antike Form der kulturellen Aneignung.

Religion als Sprachform

Der Philosoph Peter Sloterdijk
Der Philosoph Peter Sloterdijk

Dabei haben die Religionen alle eine Gemeinsamkeit, auf die der Philosoph Peter Sloterdijk in seinem Buch: „Den Himmel zum Sprechen bringen“ sein Augenmerk legt, nämlich auf das Poetische beim Reden über Gott und die Götter. Wir alle kennen die Gleichnisse aus der Bibel, die rätselhaften, dichterischen Wendungen. Für Sloterdijk sind sie das A und O der religiösen Performance.

Oder anders: das religiöse Sprechen geht den Religionen voraus, die es in Dogmen und Lehrgebäude zu bändigen versuchen. Nur die etablieren „wahre Kirchen“, „wahre Religionen“ mit Ausschließlichkeitscharakter. Die besondere Pointe: die Rückbesinnung aufs Poetische könnte die scharfen Konflikte zwischen den Religionen unterlaufen.

Denkt, dass ihr alle nur Poesie seid, dann gibt es Chancen auf Verständigung.

Neues aus der Reclam 100 Seiten Reihe Die Bibel „menschlich gelesen“: Das Motto von Johanna Haberer?

AC/DC, #metoo, der 11. September, ABBA, Karl Marx: Reclams Reihe der 100 Seiten kennt keine Grenzen außer der Seitenzahl selbst. Gerade erschienen, eine Ausgabe zur Bibel.

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Frank Hertweck