Region Stuttgart zuletzt stärker betroffen

Ist der Eichenprozessionsspinner auf dem Vormarsch?

Jedes Jahr zum Frühsommer macht er Ärger: der Eichenprozessionsspinner. Aufwändig bekämpfen ihn die Kommunen. In der Region könnte die Population trotzdem wieder zunehmen.

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Stand

Von Autor/in Violetta Hagen

Lange suchen muss Johannes Soiné nicht. Ausgerechnet zwischen Spielplatz und Kita-Gelände steht die befallene Roteiche. "Eine Prozession wie aus dem Bilderbuch", sagt der Mitarbeiter des Leonberger Tiefbauamts und deutet auf den Baumstamm. Und tatsächlich, bei näherem Hinsehen entdeckt man sie: Eine etwa handtellergroße Ansammlung bräunlicher, haariger Raupen, die sich in eigentümlicher Formation den Stamm der Eiche hinaufbewegt.

Vorsicht vor dieser Raupe Eichenprozessionsspinner – wie gefährlich sind die Raupen und was tun bei Ausschlag?

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Es sind die Raupen des Eichenprozessionsspinners, eines Nachtfalters, die immer wieder für Schlagzeilen sorgen. Meist dann, wenn sie gehäuft in direkter Nachbarschaft zum Menschen auftauchen, denn bei direktem Kontakt lösen die Haare des Insekts zum Teil heftige Symptome aus.  

Arbeiter des Tiefbauamts: "Rücken war eine einzige rote Fläche"

Wie sich das anfühlt, kann Christian Wiech schildern. Auch er arbeitet für das Tiefbauamt in Leonberg (Kreis Böblingen) - und bekämpft die Raupen schon seit Jahren. Im Einsatz gegen die Insekten unterlief ihm vor einigen Jahren ein Fehler. Beim Ausziehen des Schutzanzugs kam er mit einer größeren Ladung der sogenannten Brennhärchen der Raupe in Kontakt. "Mein Rücken war eine einzige rote Fläche", so Wiech. Fieber und grippeähnliche Symptome kamen hinzu. Und dann der starke Juckreiz: "Wenn man dem nachgibt, wird es deutlich schlimmer. Das muss man wirklich lassen", sagt Wiech. 

Dabei ist der Eichenprozessionsspinner eigentlich eine heimische Art im Südwesten. Schon im 18. Jahrhundert wurde er hier nachgewiesen, sagt Lea Dieckmann von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA). Doch erst in den 1990er-Jahren sei die Art "als Schadorganismus in Erscheinung getreten". Seither komme es immer wieder zu "zyklisch wiederkehrenden Massenvermehrungen", so Dieckmann.

Region Stuttgart gehört zu meistbetroffenen Gebieten

In Leonberg erinnert man sich etwa an einen besonders starken Befall Anfang der 2000er. Freibäder und Spielplätze wurden abgesperrt, manche Eichen seien völlig kahlgefressen gewesen, erzählt Johannes Soiné. Zu einer extremen Massenvermehrung kam es seither nicht. Doch Stuttgart, der Landkreis Ludwigsburg und der Osten Baden-Württembergs galten laut FVA in den vergangenen Jahren als die am stärksten betroffenen Gebiete im Südwesten.  

 Wir haben das Gefühl, der Bestand könnte wieder ansteigen. 

Was zur Vermehrung des Nachtfalters führt? Schwer zu sagen, sagt Biologin Lea Dieckmann. "Es ist auf jeden Fall eine sehr wärmeliebende Art." Insofern komme der Klimawandel dem Insekt entgegen. Auch wie es seinen Fressfeinden, etwa dem Kuckuck und den Meisen gehe, spiele eine Rolle. Prognosen seien dennoch schwierig. Rund um Freiburg habe man eigene Monitoring-Standorte, oft bekomme man den Befall auch von Waldbesitzern gemeldet. "Im Moment haben wir das Gefühl, der Bestand könnte wieder ansteigen. Aber nicht im dramatischen Ausmaß."

Vorgehensweise gegen Raupen in Leonberg hat sich geändert

In Leonberg geht man die Sache mittlerweile pragmatisch an. Habe man in früheren Jahren die Eichenwälder noch mithilfe von Helikoptern großflächig mit Pestiziden besprüht, gehe man nun punktuell vor. "Wir schauen genau: Ist der Standort des Baums problematisch? Waren die Bäume im letzten Jahr befallen? Nur dann werden wir tätig", sagt Christian Wiech. Genutzt wird ein Bakterium, das den Darm der Raupe so schädigt, dass sie stirbt. Dieses Bakterium sei für den Menschen unbedenklich. 

Berichte darüber, dass Grundstückbesitzer in Panik verfallen und betroffene Eichen fällen, machen Christian Wiech ratlos. "Am Ende", ergänzt Johannes Soiné, "ist es wie mit den Wespen: Wenn man weiß, welche Gefahr von einem Tier ausgeht, kann man damit umgehen." Die Raupenprozession am Stamm der Roteiche an diesem Nachmittag ist inzwischen gut vorangekommen. Zwei Frauen und ein Kind sind stehen geblieben und beobachten die Tiere. "Das sieht eigentlich richtig toll aus!", sagt eine der Frauen. 

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Autor/in
Violetta Hagen
Onlinefassung
Kerstin Rudat
Kerstin Rudat

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