Am Freitag verliert das Krankenhaus Herrenberg mit dem Umzug der Gynäkologie nach Nagold offiziell den Status eines Krankenhauses und wird zum Integrierten Gesundheitszentrum (IGZ) umgewandelt.
Beschlossen wurde die Umstrukturierung bereits 2023 durch den Klinikverbund Südwest (KVSW). Bestimmte Kliniken werden personell und finanziell gestärkt, um die gesetzlichen Ansprüche zu erfüllen. Diese Kliniken übernehmen komplexe Aufgaben und haben spezialisiertes Fachpersonal. Andere Kliniken hingegen werden umstrukturiert und ausgedünnt. So auch Herrenberg.
Frauenklinik zieht von Herrenberg nach Nagold um
Die bei der Bevölkerung beliebte Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe (Gynäkologie) zieht nach Nagold (Kreis Calw) um. Ebenfalls schmerzhaft für die Herrenberger ist der Verlust der 24/7-Notaufnahme, die jedoch unter anderem aufgrund gesetzlicher Vorgaben nicht mehr zu retten war, so der Böblinger Landrat Roland Bernhard (parteilos), der zugleich Aufsichtsratsvorsitzender des KVSW ist.
Umzug von Herrenberg nach Nagold Neue Geburtsklinik eingeweiht - längere Wege für Schwangere
Die Herrenberger Geburtsklinik zieht aus dem Kreis Böblingen in den Kreis Calw um. Schwangere Frauen in und um Herrenberg müssen künftig längere Wege einplanen.
Herrenberger Krankenhaus verliert seinen Status
Mit dem Umzug der Frauenklinik wird das Krankenhaus offiziell zu einem Integrierten Gesundheitszentrum umgewandelt. Es gibt nun eine tägliche Notfallversorgung im IGZ zu den Öffnungszeiten von 8 bis 18 Uhr. Dort finden zukünftig ambulante Behandlungen in einem breiten Spektrum statt. Die Patientinnen und Patienten gehen also nach ihrer Behandlung wieder nach Hause. Die stationäre Notaufnahme schließt. Dies sei ein Kompromiss, der durchaus zukunftsfähig ist, so Bernhard.
Bisher gab es ein umfassendes stationäres Angebot, das ist nicht mehr der Fall. Es werden also keine kritischen Patienten mehr behandelt oder aufwendige Operationen durchgeführt. Die Versorgung der Patienten und Patientinnen sei dennoch gewährleistet, versichert Alexander Schmidtke, Geschäftsführer des KVSW.
Der Fokus der Behandlungen in Herrenberg ändert sich
Die bereits etablierten Facharztpraxen der Gynäkologie, Chirurgie, Radiologie und Inneren Medizin im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) innerhalb des Herrenberger Krankenhauses bleiben weiterhin bestehen. Neu hinzu kommt eine Hausarztpraxis mit zwei Fachärzten. Auch die Chemo-Ambulanz sowie die bisherigen physiotherapeutischen Angebote werden weiterhin betrieben. Der Fokus liege so ganz klar auf ambulanter Behandlung. "Alles, was nicht lebensbedrohlich ist, kann in Herrenberg behandelt werden", so Schmidtke.
Eine stationäre Behandlung bleibt erhalten. Für die Innere und die Allgemeinmedizin stehen laut Klinikverband 40 Betten ergänzend zur ambulanten Behandlung zur Verfügung. Das betrifft beispielsweise Magen-Darm-Erkrankungen, Diabetes, Harnwegsinfekte und auch Atemwegserkrankungen. Außerdem seien bis zu sechs Betten für palliative Behandlung vorgesehen.
Neuer Krankenwagen stärkt Notfallversorgung
Seit März ist ein weiterer Krankenwagen in Betrieb. So werde sichergestellt, dass die Menschen in Notfällen verlässlich in die umliegenden Krankenhäuser zum Beispiel nach Böblingen oder Nagold gelangen können. Das sei bisher bereits der Fall gewesen, so Schmidtke. "Bei einem Schlaganfall oder Herzinfarkt werden Sie schon seit einem Jahrzehnt nicht mehr in Herrenberg versorgt", sagte er.
Die nun leer werdenden Räumlichkeiten in Herrenberg sollen nicht ungenutzt bleiben. Nach Kinderärzten würde gesucht, sagte ein Sprecher des KSVW. Ab 2027 soll es außerdem eine Kurzzeitpflege mit rund 30 Betten geben. Ein Jahr später soll dann eine geriatrische Reha mit ebenfalls 30 Betten in dem ehemaligen Krankenhaus sein. Laut dem Klinikverband befände man sich in vielversprechenden Gesprächen mit externen Anbietern.
Herrenberger sind skeptisch
In der Herrenberger Bevölkerung stößt das Konzept zu großen Teilen auf Unmut, besonders bei Senioren, die nicht mehr gut zu Fuß sind. Dies hat eine SWR-Umfrage am Herrenberger Marktplatz ergeben. Der Verlust der Notaufnahme macht den Leuten besonders Sorgen. Sie befürchten, im Notfall nicht rechtzeitig versorgt zu werden. Viele trauern auch der Frauenklinik mit Geburtshilfe hinterher, sei sie doch das Aushängeschild Herrenbergs gewesen. Es gibt aber auch Menschen, die es entspannter sehen. Einig ist man sich zumindest darin: Besser so als gar keine Gesundheitsversorgung.
Es ist ein trauriger Tag für Herrenberg.
Herrenbergs OB: "Das Krankenhaus hat Tradition"
"Das Krankenhaus gibt es schon seit 130 Jahren", sagt Herrenbergs Oberbügermeister Nico Reith (parteilos). Es sei ein sehr familiärer Ort gewesen, wo tausende Menschen auf die Welt gekommen sind, so Reith. Trotzdem müsse der Blick nach vorne gehen, auch im neuen IGZ gäbe es eine gute Basisversorgung. Man könne jedoch nicht schönreden: "Wer in die Notaufnahme muss, hat längere Wege", so Reith. Dies betreffe vor allem Menschen, die kein Auto haben oder nicht mobil sind.
Sorgen der Menschen würden ernst genommen
Auch Schmitdke verstehe die Unsicherheit der Bevölkerung sagte er. Man müsse sich aber klar machen: "Viele Fälle seien schon zuvor eigentlich nichts für die Notaufnahme gewesen." Die Umwandlung betreffe nur etwa 15 Prozent der Fälle in Herrenberg, welche zukünftig dann in anderen Krankenhäusern gut aufgehoben sind, findet Schmidtke.
85 Prozent der Fälle in Herrenberg waren auch schon zuvor ambulant.
Geplantes Flugfeldklinikum als Hauptversorger
Ein weiterer Baustein der KVSW-Planungen bis 2030 ist das geplante Flugfeldklinikum in Böblingen. Zusammen mit Nagold sollen diese beiden Kliniken die Hauptlast der Region tragen. Die Krankenhäuser in Calw und Leonberg komplettieren laut dem KVSW zusammen mit dem IGZ in Herrenberg die Versorgung in der Region.
Niemand müsse sich Sorgen machen. Das neue Integrierte Gesundheitszentrum in Herrenberg biete weiterhin eine bedarfsgerechte, moderne Versorgung, teilte der KVSW mit.