Unfallforscher erklärt

Interview: Immer mehr schwere E-Scooter-Unfälle - Was muss sich ändern?

Noch nie verletzten sich so viele Menschen mit E-Scootern wie 2025. Ab 2027 soll es daher neue Vorschriften geben. Unfallforscher Siegfried Brockmann erklärt, das reiche nicht.

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Stand

Vergangenes Jahr schoss die Zahl der Unfälle mit E-Scootern um mehr als ein Drittel nach oben. Das zeigt die kürzlich veröffentlichte Verkehrsstatistik des baden-württembergischen Innenministeriums für das Jahr 2025. Insgesamt 152 Menschen erlitten schwere Verletzungen, 10 starben.

Die Bundespolitik will nachsteuern, ab 2027 soll es neue Regeln geben. Doch auch diese neuen Maßnahmen reichten nicht, findet Unfallforscher Siegfried Brockmann von der Björn-Steiger-Stiftung, die ihren Sitz in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) hat. Im SWR-Interview erklärt er, was wirklich getan werden müsste.

Portrait von Siegfried Brockmann, Geschäftsführer der Björn-Steiger-Stiftung
Siegfried Brockmann, Geschäftsführer der Björn-Steiger-Stiftung

SWR Aktuell: Sie haben in Ihrer eigenen Studie Forderungen aufgestellt in Bezug auf E-Scooter. Was müsste sich denn Ihrer Ansicht nach ändern? Welche Regeln müssten gelten?

Siegfried Brockmann: Wenn man sich das E-Scooter-Unfall-Geschehen mal genauer anguckt, dann fällt eines ganz besonders ins Auge: Es gibt besonders viele "Alleinunfälle". Die (Fahrerinnen und Fahrer, Anm. d. Red.) prallen gegen irgendwas, die Räder rutschen weg oder sie stürzen. Das hat viel mit den sehr kleinen Rädern zu tun. Je kleiner der Raddurchmesser ist, umso instabiler ist das ganze Fahrzeug. Die vielen Fahrzeuge, die mit diesen kleinen acht-Zoll-Rädern unterwegs sind, dürfte es eigentlich gar nicht geben. Es müssten mindestens zehn Zoll sein - das würde das Erscheinungsbild nicht wesentlich verändern.

Ich kann ehrlich gesagt nicht nachvollziehen, wieso das von den Scooter-Verleihern nicht gemacht wird. Vielleicht haben sie das noch nicht auf dem Schirm gehabt, aber jetzt haben wir es gesagt und jetzt müsste man eigentlich mal darauf reagieren.

SWR Aktuell: Gibt es noch andere Punkte, wo Sie sagen, das wären bessere Regeln für den E-Scooter-Verkehr?

Brockmann: Wir haben eine hohe Quote von Unfällen, bei denen die Scooter-Fahrer alkoholisiert waren. Die rechtliche Regelung für den Scooter, was das Thema Alkohol betrifft, ist eigentlich sehr gut. Er ist rechtlich ein Kraftfahrzeug und das bedeutet, es gibt eine 0,5-Promille-Grenze. Nur leider fahren die Leute trotzdem angetrunken.

Das hängt sicherlich damit zusammen, dass so ein Scooter beliebig verfügbar ist. In dem Zusammenhang finde ich die Forderung der Bundesregierung gut, in der sie feste Abstellzonen für Scooter fordert. Das macht sie zwar aus einem anderen Grund, nämlich damit die Scooter nicht überall rumstehen. Aber es hat auch diesen zusätzlichen Sicherheitseffekt, dass der Scooter nicht mehr überall verfügbar sein wird. Das wird uns in der Alkoholisierungsdebatte einen Fortschritt bringen.

SWR Aktuell: Wie sieht es mit der Diskussion um eine Helmpflicht aus? Wie ist da Ihre Einschätzung dazu?

Brockmann: Wir würden jedem empfehlen auf dem Scooter einen Helm zu tragen. Das Problem ist die Vorschrift in Deutschland, die eine Helmpflicht erschwert. Da bräuchten wir sehr solide Unfallzahlen, um das umzusetzen. Unsere Studie zeigt, dass wir zwar sehr viele Kopfverletzungen haben, aber ganz wenige davon waren wirklich schwer. Und dann war auch noch ein größerer Teil davon in der unteren Gesichtsregion, also im Bereich des Unterkiefers, wo der Fahrradhelm, um den es ja hier geht, eben auch nicht schützen würde. Die Zahlen geben also eine Pflicht nicht her.

SWR Aktuell: Wie stehen Sie zu einer möglichen "Führerschein"-Pflicht für E-Scooter?

Brockmann: Für ein Kraftfahrzeug braucht man in Deutschland üblicherweise eine Fahrerlaubnis oder eine Mofa-Prüfbescheinigung. Nur für den E-Scooter braucht man gar nichts. Und das bedeutet auch, dass man ihn schon mit 14 Jahren fahren darf. Wir haben in unseren Daten sogar gesehen, dass noch einige viel Jüngere damit fahren.

Wenn es eine Führerscheinpflicht oder eine Mofa-Prüfbescheinigungpflicht gäbe, würde das sich das Mindestalter auf das 15. Lebensjahr anheben und die Fahrer würden über die wesentlichen Kenntnisse der Straßenverkehrsordnung (StVO) verfügen. Betrachtet man die hohe Quote von Regelmissachtungen, wäre das sehr sinnvoll.

SWR Aktuell: Was würden Sie sich im Hinblick auf das Thema E-Scooter und die Regeln und den Umgang damit wünschen?

Brockmann: Ich bin der Meinung, dass es weniger Leih-E-Scooter in Städten geben müsste. Wenn eine Stadt sieht "Wir haben hier eine Scooter-Flotte zugelassen und die wird tatsächlich für die Wege benutzt, die wir aus ökologischen Gründen sinnvoll finden", dann ist das ja völlig okay.

Aber was wir oft sehen, sind Spaßfahrten zu zweit oder sogar zu dritt - auch gerne alkoholisiert. Und das genau macht das Verkehrsmittel so gefährlich. Nicht der E-Scooter an sich ist das Problem, sondern dass übermütige Fahrer, die vielleicht zum ersten Mal auf diesen kleinen Rädchen unterwegs sind, Spaßfahrten machen und dadurch diese schweren Unglücke passieren.

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Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Katharina Kurtz
Katharina Kurtz
Onlinefassung
Rosalie Etienne
Rosalie Etienne, SWR Studio Stuttgart

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