"Chaos nicht nachvollziehbar"

Baustelle um Baustelle bei S-Bahn Stuttgart: Frust und Wut im Rems-Murr-Kreis

Die Bahnstrecke zwischen Fellbach und Bad Cannstatt ist einen Monat lang gesperrt. Pendler müssen auf Ersatzbusse umsteigen. Im Rems-Murr-Kreis fühlen sich viele abgehängt.

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Als Lindwurm zieht die Menschentraube am Bahnhof Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) vom Bahnsteig runter durch den Tunnel, dann wieder rauf, an Taxis vorbei und weiter zu den Bussen. Einige lassen sich treiben, andere weichen auf die Straße aus, um ein paar Sekunden gut zu machen. Denn ob der Ersatzbus tatsächlich wartet oder sich halbleer auf den Weg nach Stuttgart oder Bad Cannstatt macht, wer weiß das schon? Oft genug wartet man - und hört die Mitreisenden ins Handy fluchen: "Ersatzverkehr, was für eine Pest, schon wieder!" "So viel Lebenszeit geht einem da flöten." "Schon wieder ist man zu spät dran."

Landrat Sigel: Region wird ausgebremst

Waiblingen, Backnang oder Fellbach - in vielen Städten im Rems-Murr-Kreis zeigt sich derzeit morgens im Berufsverkehr ein ähnliches Bild. Und das nicht nur seit der aktuellen S-Bahn-Strecken-Sperrung: Im November beschrieb Landrat Richard Siegel (parteilos) das, "was aktuell auf der Schiene passiert", als eine "völlig neue Dimension", die die Mobilität einer ganzen Region ausbremse. "Die Frustration im Rems-Murr-Kreis hat längst ihren Höchstpunkt erreicht - viele Pendlerinnen und Pendler werden abgehängt."

Vier Monate später, Anfang März, äußert sich Landrat Sigel nicht weniger deutlich: "Die Zustände sind eine Zumutung." Der Schienenersatzverkehr müsse endlich funktionieren. Die Probleme seien klar: "Zu wenig Busse, extreme Verspätungen und Ausfälle. Totale Überfüllung." Die Frust und Wut der Fahrgäste erreiche das Landratsamt täglich.

Auch Pendlerinnen und Pendler, die der S-Bahn mittlerweile den Rücken gekehrt haben und mit dem Auto nach Stuttgart fahren, haben mit Herausforderungen im Berufsverkehr zu kämpfen. Verstopfte Straßen und Staus gibt es unter anderem in Bad Cannstatt, Remseck oder vor dem Kappelbergtunnel.

Fellbacher OB: Viele Pendler mittlerweile fatalistisch

Mit zwei S-Bahn-Linien, Stadtbahn-Anschluss sowie etlichen Bussen sei Fellbach eigentlich gut an den öffentlichen Verkehr angeschlossen, sagt Oberbürgermeisterin Gabriele Zull (parteilos). Doch durch die aktuelle Streckensperrung zwischen Bad Cannstatt und Fellbach bleibe vielen Pendlern nichts anderes übrig, als aufs Auto umzusteigen. Die Folge: "Das Straßensystem kommt an seine Grenzen." Ihr Eindruck: "Das Vertrauen in die Zuverlässigkeit des ÖPNV sinkt." Das sei für eine so dicht besiedelte Region kein gutes Zeichen.

Nach der Sperrung ist vor der Sperrung - dieses Gefühl mache sich unter vielen Pendlerinnen und Pendlern breit, so Zulls Eindruck. Viele Fahrgäste, die derzeit wegen der S-Bahn-Streckensperrung aufs Auto umsteigen, sagten zu Recht: "Ich habe für ein Ticket gezahlt, habe aber keine Gegenleistung dafür." Tatsächlich liegen die Hürden und der Aufwand in der Praxis so hoch, dass sich Erstattungen in der Praxis kaum lohnen.

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Rems-Murr-Kreis: Lichtblicke und kleine Verbesserungen

Bei allem Frust gebe es auch Lichtblicke, heißt es beim Landratsamt in Waiblingen. Der Schienenersatzverkehr zwischen Stuttgart und Waiblingen laufe seit dem 5. März besser. So sei die Kapazität in den Hauptverkehrszeiten erhöht worden. Auf der Ersatzbuslinie XEV seien nun zehn Busse gleichzeitig im Einsatz. Verbesserungen gebe es auch zwischen Backnang und Marbach. Seit dort ein neues Busunternehmen den Ersatzverkehr übernommen habe, sei die Verlässlichkeit und Qualität für die Fahrgäste "deutlich verbessert" worden.    

Beim Direktbus 245A zwischen Remshalden-Hebsack, Winterbach und Schorndorf ist der Landkreis selbst aktiv geworden. Da der Schulbus parallel zur S-Bahn fährt, hätte dieser Parallelverkehr aus Spargründen eigentlich eingestellt werden sollen. Doch wegen anhaltender Ausfälle und Verspätungen im S-Bahn-Verkehr bleibt der Direktbus erst einmal erhalten, heißt es beim Landratsamt.

S-Bahn-Linie S3 verliert Fahrgäste

Trotz Baustellen, Verspätungen und Ausfällen hat die S-Bahn Stuttgart im vergangenen Jahr Fahrgäste gewonnen. Der Verband Region Stuttgart spricht von insgesamt 105,8 Millionen Fahrgästen im Jahr 2025, das sei ein Plus von 1,7 Prozent im Vergleich zu 2024. Allerdings wurde noch nicht das Vor-Corona-Niveau erreicht. Die Zahlen liegen den Angaben nach noch minus 20,4 Prozent unter denen von 2019.

Doch während beispielsweise die S4, die von Stuttgart in den Kreis Ludwigsburg führt, sich vergleichsweise stabil entwickelt (minus 7,6 Prozent im Vergleich zu 2019), weist die S3 den stärksten Rückgang auf. Im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019 liegt sie laut Verband Region Stuttgart bei minus 36,8 Prozent. Die S3 führt durch den Rems-Murr-Kreis und hält unter anderem in Fellbach, Waiblingen, Winnenden und Backnang. Sie ist von wiederholten Zugausfällen und Streckensperrungen besonders betroffen.

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Philipp Pfäfflin
Portraitfoto von Philipp Pfäfflin
Fabian Ziehe
Fabian Ziehe

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