Baden-Württembergs neuer Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) hat mit Sarkasmus darauf reagiert, dass das Bahnprojekt Stuttgart 21 wohl nochmals später in Betrieb gehen als zuletzt angenommen. "Ich warte ja darauf, dass der Fernwanderweg am Hauptbahnhof in die Liste der baden-württembergischen Fernwanderwege offiziell aufgenommen wird", sagte Özdemir am Dienstag in der Landespressekonferenz.
Mittlerweile sei man in dem Bereich, wo das Ganze zur Lachplatte werde. "Und ich will nicht, dass man über unser Land lacht. Ich will nicht, dass wir in einem Atemzug mit BER [dem Berliner Flughafen, Anm. d. Red.] genannt werden. Aber da sind wir grad dabei", so Özdemir. Auf jeden Fall müsse die Bahn jetzt "alle Karten auf den Tisch legen". "Ich will nicht, dass wir jedes Jahr neue Zahlen bekommen", so Özdemir. Die Zahlen müssten stattdessen belastbar sein - und ein Zeitplan für die restlichen Arbeiten des Bahnprojekts auch.
S21-Eröffnung erst 2031 Recherche des SWR: Bahn hat bei Stuttgart 21 kilometerweise falsche Kabel verlegt
Um den Eröffnungstermin von S21 zu halten, hat die Bahn in der Hektik falsche Kabel verlegt - und kann nun erst 2031 den Bahnhof in Betrieb nehmen. Hinzu kommen weitere Gründe.
Özdemir: "Muss jetzt so schnell wie möglich funktionieren"
Die Deutsche Bahn müsse einen leistungsfähigen Bahnknoten Stuttgart gewährleisten und jetzt so schnell wie möglich dafür sorgen, dass das funktioniert, so Özdemir. Es gehe auch darum, sich insgesamt als Bundesrepublik Deutschland nicht komplett lächerlich zu machen, weil man keine Großprojekte stemmen könne.
Ich will nicht, dass man über unser Land lacht.
Landesverkehrsministerin Nicole Razavi (CDU) erwartet jetzt von der Bahn "ein klares Bekenntnis, dass sie zu dem Projekt steht und es ohne Abstriche fertigstellt". Die Landesregierung werde Druck machen, denn weitere zeitliche Verzögerungen oder Abstriche bei der Qualität des Projekts dürfe es nicht geben. "Wir brauchen einen leistungsfähigen Bahnknoten Stuttgart. Stuttgart 21 muss deshalb so schnell wie möglich in Betrieb gehen", so Razavi. Die Landesregierung will jetzt zügig mit der DB reden, wie es weitergeht. Der nächste Lenkungskreis der Projektpartner zu S21 findet am 26. Juni statt.
Pendler am Hauptbahnhof genervt von Verschiebung
Pendlerinnen und Pendler am Hauptbahnhof reagieren mit Häme, Verärgerung und Verzweiflung auf die Nachricht, dass Stuttgart 21 erst 2031 in Betrieb gehen könnte. Viele sagten dem SWR, sie würden dann eher aufs Auto umsteigen. Denn die langen Wege am Bahnhof - die würden zusätzlich Nerven kosten.
VCD Stuttgart: Jetzt die Zeit für Entzerrung nutzen
Wie Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) fordert auch der Kreisverband Stuttgart des Verkehrsclub Deutschland (VCD) die Abschaffung der "Fernwanderwege" und Entlastung für Fahrgäste am Hauptbahnhof - durch eine Öffnung des Bonatzbaus. Dazu hat der Verband vor ein paar Wochen eine Online-Petition gestartet. Seit April 2022 ist der Zugang zu den Gleisen nicht mehr direkt über den Bonatzbau möglich.
Die neueste Hiobsbotschaft zu S21 überrascht den Verband nicht. "Wenn es jetzt so ist, dann sollte aber wenigstens die Zeit genutzt werden, um die Planung zu entzerren, einzelne Tests schon zu machen, sobald es geht", so Max Buchholz. Nicht alles auf einmal in Betrieb zu nehmen sorge dann vielleicht für eine gewisse Stabilität. Probleme zeigten sich nicht erst im Betrieb, so Buchholz. "Und nicht zuletzt könnte man ein bisschen die Nerven der Fahrgäste schonen."
Hannes Rockenbauch: "Fehlende Planung holt uns jetzt ein"
"Mich wundert diese erhebliche kriminelle Energie, die da grad sichtbar wird, an diesen ganzen Fehlplanungen", sagt SÖS-Stadtrat Hannes Rockenbauch. Er ist Fraktionschef des öko-sozialen Bündnisses im Gemeinderat und S21-Gegner der ersten Stunde. "Das ganze System beruht ja darauf, dass man dieses riesige Projekt einfach mal angefangen hat, ohne eine fertige Planung zu haben. Das holt uns jetzt ein." Die Politik habe sich daran gewöhnt, damit durchzukommen. Da wundere es nicht, dass auch Kabel einfach verlegt wurden, die sich jetzt als die falschen herausstellen.
Diese Sabotage des Wirtschaftsstandorts Stuttgart ist eigentlich nicht hinnehmbar.
Neben den Kosten sei aber das Schlimmste, so Rockenbauch, "dass Fahrgäste über Jahre weiter gequält werden". Diese "Sabotage des Wirtschaftsstandorts Stuttgart" sei eigentlich nicht hinnehmbar. Rockenbauch fordert jetzt eine schnelle Sanierung des Kopfbahnhofs, um die direkte Anbindung zwischen Innenstadt und Gleisen wiederherzustellen.
Aktionsbündnis: Stuttgart und Projektpartner sind mit schuld
"Mit Enttäuschung und Empörung konnte eigentlich nur reagieren, wer jahrelang die Augen vor den Fakten und der Kritik der S21-Kritiker verschlossen hat", sagte hingegen Martin Poguntke, Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21. Das Bündnis teile die Sorge von Oberbürgermeister Nopper, dass Stuttgart 21 das Renommee der Stadt ruinieren könnte. "Daran ist allerdings nicht allein die Bahn schuld, sondern auch der OB und seine Projektpartner", so Poguntke - "in viel höherem Maße, denn sie waren es, die ein ständiges 'Weiter so' gefordert haben, trotz früh erkennbarer Grundsatzprobleme." Sie müssten sich deshalb auf einen langjährigen, wenn nicht endgültigen Weiterbetrieb des Kopfbahnhofs einstellen, sagte Poguntke.